Stand: 13.08.2020 18:00 Uhr

Das Erste zeigt Wenders-Doku zum 75. Geburtstag

Zum 75. Geburtstag von Wim Wenders zeigt Das Erste am 14. August um 23.50 Uhr den Dokumentarfilm "Wim Wenders, Desperado". Regisseur Eric Friedler und Andreas Frege, bekannt als Campino von Die Toten Hosen, begleiteten Wim Wenders ein Jahr lang durch seinen Künstler-Alltag. Von den Filmfestspielen von Cannes wurde der Dokumentarfilm in die "Official Selection" aufgenommen. Im Gespräch verrät Friedler, was ihn an der Person Wim Wenders fasziniert und wie der Film entstanden ist.

Wie sah Ihr Konzept bei diesem Film aus?

NDR Dokumentarfilmer Eric Friedler © NDR
Dokumentarfilmer Eric Friedler hat Wim Wenders ein Jahr lang bei seinem Alltag als Künstler begleitet.

Eric Friedler: Wir wussten von Anfang an, dass wir keinen klassischen Porträtfilm machen wollten. Wim Wenders ist ein Meister der Leinwandbilder. Wir wollten dem durch eine sehr eigene filmische Gestaltung entsprechen. Wim Wenders liebt Orte, er entdeckt mit seiner Kamera die verborgene Magie von kargen Landschaften, von schimmernden Großstadtschluchten oder leeren Kneipen. Deswegen haben wir ihn zu besonderen Orten seines Filmschaffens begleitet: in die amerikanische Wüste von "Paris, Texas", in die französische Metro aus "Der amerikanische Freund" oder in die Staatsbibliothek Berlin aus "Der Himmel über Berlin". Die bekannten Filmszenen verschmelzen bei uns mit ihrem Schöpfer - wir erleben den Regisseur in seinen eigenen Bildern. Das ist etwas völlig anderes und besitzt eine wesentlich stärkere Wirkung, als ihn im Interview zu Filmszenen zu befragen.

Wim Wenders hat mehr als 50 Jahre lang Filme gemacht. Welche Geschichten erzählt man aus so einem langen Leben, auf welche verzichtet man?

Friedler: Der Film konnte und sollte auf keinen Fall Nachrufcharakter haben, dazu ist Wim Wenders viel zu aktiv. Künstler wie er gehen nicht irgendwann in Rente, sie arbeiten einfach weiter gleichgültig wie alt sie sind. Wir haben einen Film über das Leben von Wim Wenders im Jahr 2019 gemacht. Das war vor der Corona-Krise, in einer Zeit, in der ein international gefeierter Künstler wie er in der ganzen Welt unterwegs war. Er hat in Wien eine Ausstellung seiner Fotos eröffnet. In den USA einen Film über den Maler Edward Hopper gedreht. In China an der Filmhochschule von Peking eine Master Class gehalten. In Frankreich eine gigantische Installation mit Bildern aus seinen Filmen begleitet - und legte bei alledem ein Tempo vor, dass auch wesentlich jüngeren Menschen davon schwindelig werden könnte.

Was fasziniert Sie an der Person Wim Wenders?

Friedler: Vielleicht am meisten, dass seine Person nicht von dem Künstler zu trennen ist. Wenn man seine Filme ansieht, versteht man den Menschen dahinter. Wim Wenders ist ein absoluter Künstler, der die gesamte Welt, das Leben an sich, durch die Augen eines Künstlers sieht. In jedem Film stellt er sich und den Zuschauenden die Frage: "Wie soll man leben?" Und er versucht täglich, in seiner Kunst auf diese Frage Antworten zu finden.

Kannten Sie Wim Wenders persönlich schon vor diesem Film?

Friedler: Ja. Wim Wenders, ein ausgesprochener Musikexperte und Jazz-Freund, hat unseren Film über das legendäre Blue Note Plattenlabel "It Must Schwing!" mit seiner Firma als Executive Producer betreut und uns unterstützt. Dabei hat mich seine Begeisterungsfähigkeit immer wieder überrascht und berührt. Selbst bei der zehnten Vorführung des Films schnippte er jedes Mal hingerissen mit, tauchte völlig ein in die Geschichte und kicherte bei den lustigen Momenten. Viele der Protagonisten, die ich für den Film interviewte, erzählen von diesen schönen Augenblicken, in denen Wim Wenders der Welt staunend wie ein Kind gegenübersteht.

Wen haben Sie alles für "Wim Wenders, Desperado" interviewt?

Friedler: Für mich als Kinofan las sich unsere Interviewliste ein wenig wie ein Wunschzettel mit erfüllten Wünschen. Wir konnten mit dem großen Francis Ford Coppola sprechen, dem Regisseur von Meisterwerken wie "Der Pate" (1971—1990) oder "Apocalypse Now" (1979), der Wim Wenders Anfang der 1980er Jahre nach Hollywood holte. Wir sprachen mit Wenders-Schauspielern wie Andie MacDowell, Willem Dafoe, Rüdiger Vogler, Hanns Zischler, Patrick Bauchau oder Amanda Plummer und mit Weggefährten wie der Kostümdesignerin Judy Shrewsbury, dem Toningenieur Jean-Paul Mugel oder Wim Wenders langjähriger Assistentin Dagmar Forelle. Und wir hatten das große Glück, dass die großartige Fotografin Donata Wenders, die Ehefrau von Wim Wenders, uns ein langes Interview gegeben hat.

Weitere Informationen
Engel Damiel (Bruno Ganz) blickt auf Berlin" - Szene aus "Himmel über Berlin" © NDR/Wim Wenders Stiftung

Wim Wenders - Werkschau

Zum 75. Geburtstag von Wim Wenders hat Das Erste eine große Werkschau seiner Filme zusammengestellt. Bis zum 14. September sind 28 Filme des Regisseurs zu sehen. extern

Wie kam es zur Co-Regie von Campino?

Friedler: Campino und ich kennen uns seit meinem Film "Nichts als die Wahrheit" (2012) zum 30. Bandjubiläum der Toten Hosen. Er hat, als ich in diesem Jahr den Grimme-Preis erhielt, eine Überraschungs-Laudatio gehalten. Mit anderen Worten: Ich kenne und schätze Campino sehr - und er kennt Wim Wenders und seine Arbeiten. Er selbst hat mehrfach vor Wim Wenders’ Kamera gestanden. 2008 neben Dennis Hopper in "Palermo Shooting" und bei einigen Musikvideos, die Wenders inszenierte. Campino und ich hatten schon länger über einen gemeinsamen Film über Wim Wenders gesprochen und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis. Außerdem war Campino darüber hinaus auch noch ein wichtiger Protagonist.

Nach "Der Clown" über einen verschollenen Film der Hollywood-Legende Jerry Lewis und "Eskimo Limon - Eis am Stiel - Von Siegern und Verlierern" ist "Wim Wenders, Desperado" nun Ihr dritter Film, der sich mit Kinogeschichte befasst.

Friedler: Das ist purer Zufall. Das Thema von "Der Clown", das Mysterium um einen der meist gesuchten Filme der Welt, hatte mich jahrelang beschäftigt. Aber es ging mir vor allem darum, das Mysterium ein wenig aufzuklären. Bei "Eskimo Limon" war es die #metoo-Bewegung, die dem zweifelhaften Erfolg der als Kultserie angesehene "Eis am Stiel"-Filme eine gänzlich andere Bedeutung verlieh - diese berechtigte gesellschaftliche Veränderung hat mich interessiert.

Weitere Informationen
Regisseur und Autor Wim Wenders (links) im Zeise-Kino Hamburg mit Musiker Campino zur Premiere des Dokumentarfilms "Desperado" © imago images / Andreas Lenthe Foto: Andreas Lenthe

Campino gratuliert Wim Wenders zum 75. Geburtstag

Musiker Andreas Frege alias Campino hat mehrfach mit Regisseur Wim Wenders gedreht. Nun gratuliert der Musiker dem Filmemacher zum 75. Geburtstag - und erzählt von gemeinsamen Produktionen. mehr

"Desperado" dagegen war ein regelrechtes Abenteuer. Wim Wenders zu porträtieren hat zwar tatsächlich einiges mit Kinogeschichte zu tun. Aber doch viel mehr mit dem tatsächlichen Leben eines äußerst aktiven Künstlers. Denn wir haben keinen retrospektiven Film gemacht, sondern eine Bestandaufnahme. Wim Wenders sagt in unserem Film, dass ihm ein Erzählen, bei dem man schon weiß, wie es endet, wie "Schummeln" vorkommt. In diesem Sinn haben wir uns auch erst einmal mit ihm auf die Reise gemacht, ohne zu wissen, welches Ziel unser Film hat. Ich kann Ihnen nur versichern, dass wir nicht "geschummelt" haben. Im Wenders’schen Sinne haben wir also alles richtig gemacht - und tragen so vielleicht doch ein wenig zur Filmgeschichte bei.

Das Gespräch führte Sabine Schütz. Der Film "Wim Wenders, Desperado" wurde vom NDR koproduziert und läuft am 14. August um 23.50 Uhr im Ersten.

Weitere Informationen
Wim Wenders © NDR

Wenders-Doku in der "Official Selection" von Cannes

Die NDR Koproduktion "Wim Wenders, Desperado" ist in die "Official Selection" der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen worden. Die Doku zeigt Einblicke in das Leben und Werk von Wim Wenders. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 14.08.2020 | 23:50 Uhr

Mehr Kultur

Nils Landgren auf der Bühne der JazzBaltica © picture alliance / dpa | Daniel Reinhardt

JazzBaltica: Erstmals Hauptbühne unter freiem Himmel

Nachdem die JazzBaltica 2020 pandemiebedingt ausfallen musste, steht nun das offizielle Programm zum Start in der kommenden Woche fest. mehr