Stand: 07.02.2018 06:55 Uhr

Netflix wird zum exklusiven Kinofilm-Anbieter

von Patricia Batlle

Der Streaming-Gigant Netflix mit etwa 117 Millionen Abonnenten in 190 Ländern verändert 2018 seine Strategie. Nicht nur originelle Serien und ältere Filme sollen die Nutzer zum Medienkonsum auf ihren heimischen Sofas animieren. Dieses Jahr will der Anbieter zum exklusiven Kino-Anbieter werden. Wie wird das die Kinolandschaft in Deutschland verändern? Reaktionen aus der Kinobranche.

Natalie Portman spielt im Film "Auslöschung" eine Biologin, deren Mann im Koma liegt. Ihm ist in einem verseuchten Gebiet etwas Unheimliches geschehen. Der übersinnliche Öko-Thriller von "Ex Machina"-Regisseur Alex Garland mit Oscar Isaac und Portman verspricht Spannung und großartige Bilder. Eigentlich sollte er im März ins deutsche Kino kommen. Nun hat Netflix ihn gekauft. Netflix-Gründer und Geschäftsführer Reed Hastings hatte es vor Kurzem angekündigt: "TV-Serien und Kinofilme sind in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Der Unterschied ist, dass Spielfilme erst im Kino laufen. Und deshalb werden wir im großen Stil in die Produktion von Spielfilmen einsteigen."

Netflix-Kinofilme, die nicht ins Kino kommen

Acht Milliarden Dollar für neuen Content - auch für 80 Kinofilme

Aus dem diesjährigen Gesamtbudget von acht Milliarden US-Dollar für neue Inhalte wird Netflix rund 80 eigene Kinofilme produzieren. Nur noch in wenigen Ländern werden diese, wenn überhaupt, für kurze Zeit ins Kino kommen - etwa in Kanada, den USA und in China. In Deutschland hingegen nicht, wie Netflix dem Norddeutschen Rundfunk in einem schriftlichen Statement erklärt: "Netflix wird im Jahr 2018 über 80 Originalfilme veröffentlichen. Diese Filme werden in Deutschland exklusiv auf Netflix zu sehen sein."

Netflix setzt auf kleinere Produktionen statt auf Blockbuster

Das Unternehmen zielt dabei weniger auf Blockbuster ab, die im Kino sowieso einen sicheren Platz haben. Vielmehr sind es meist kleine bis mittelteure Produktionen, die Netflix anpeilt. Hierzulande wird der in Deutschland gedrehte Film "Mute" von Duncan Jones über einen stummen Barkeeper im Berlin des Jahres 2052 nur für Netflix-Abonnenten zu sehen sein. Das betrifft auch "Bird Box", einen postapokalytpischen Film von Susanne Bier, hochkarätig besetzt mit Sandra Bullock und John Malkovich. Selbst das neue Drama von Martin Scorsese, "The Irishman" mit Robert De Niro, wird hier deshalb nicht ins Kino kommen. Alles Filme, die am ehesten im Programmkino laufen.

Mehr Platz im Kino für andere Filme

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Mehr als 220.000 Besucher kommen jährlich ins Programmkino Abaton. Matthias Elwardt ist dort seit 1990 Geschäftsführer.

Matthias Elwardt, Geschäftsführer des Hamburger Abaton-Kinos, sieht der neuen Entwicklung jedoch gelassen entgegen: "Wir haben es damit zu tun, dass weltweit heute mehr als doppelt so viel produziert wird wie vor zehn Jahren und jedes Jahr mehr produziert wird. Wir haben im Kino ein Platzproblem. Wenn ein mäßiger oder schlechter Film gar nicht erst auf die Leinwand kommen muss, kann ich das als Kinomacher nur begrüßen. Sorgen würde ich mir erst machen, wenn richtig gute Filme ihre Premiere da haben, das ist bisher noch nicht der Fall gewesen. Von daher mache ich mir ums Kino keine Sorgen."

Ähnlich sieht es der Berliner Filmproduzent Henning Kamm von der Produktionsfirma Real Film, der auch Mitglied der Europäischen Filmakademie ist und mit seiner vorherigen Produktionsfirma etwa die Indie-Perle "Personal Shopper" von Olivier Assayas koproduziert hat: "Wenn 80 Filme jetzt nicht ins Kino kommen, bedeutet das für andere Filme eine Chance, vielleicht länger im Kino zu bleiben. Natürlich ist es schade, wenn Filmemacher wie Martin Scorsese oder Susanne Bier nicht auf der großen Kinoleinwand zu sehen sind."

Wiederspiel: "Scorsese macht Bilder, die nicht in einen Fernseher passen"

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Die Dänin Susanne Bier hat einen Emmy für ihre Serie "The Night Manager" gewonnen - und 2011 einen Oscar für das Drama "In einer besseren Welt".

Das bedauert auch der Leiter des Filmfests Hamburg, Albert Wiederspiel: "Es ist total traurig, aber andererseits habe ich so viel Vertrauen in Frau Bier und Herrn Scorsese: Sie wissen, dass sie es hier mit einem Film zu tun haben, der nicht auf die Leinwand kommt. Ich hoffe, dass sie das auch ästhetisch dementsprechend ändern. Scorsese macht ja sonst Bilder, die nicht in einen kleinen Fernseher reinpassen. Wir Festivals müssen uns dann auch die Frage stellen: Zeigen wir so etwas oder zeigen wir es nicht? Ich bin dafür, man muss das zeigen, weil ich sonst Angst habe, dass es gar nicht auf der Leinwand zu sehen sein wird. Das fände ich schade."

"Die Kinowelt wandelt sich"

Menschen stehen in einem futurischischen Berlin 2059 unter Leuchtreklame - Szene aus Duncan Jones' Spielfilm "Mute" © Netflix 2018

Netflix verändert die Kinolandschaft

Netflix steigt groß ins Kinogeschäft ein, zeigt aber seine Filme von Martin Scorsese, Duncan Jones und Susanne Bier nicht in deutschen Kinos. Wie findet das die Kino-Branche?

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Das Filmfest Hamburg hat bislang keine Anfrage von Netflix gehabt. Bei der nächsten Berlinale, die kommende Woche beginnt, startet auch kein Film dieses Anbieters im Wettbewerb. Nur Amazon als eigener Kinoproduzent, der auch schon länger im Geschäft mitmischt, ist mit einem Drama von Gus van Sant vertreten. Wiederspiel meint: "Die Kinowelt wandelt sich, die Festivalwelt wandelt sich, wir haben gerade einen Riesenwandel hinter uns. Wir sind gerade vom Analogen ins Digitale rübergekommen. Wir haben noch Schweißperlen davon, das war eine ziemlich anstrengende Umwandlung und jetzt kommt schon die nächste."

Besucherzahlen bisher stabil

Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Kinolandschaft verändern wird. Am Verhalten des Publikums hat sich bislang zumindest noch nichts spürbar verändert. Matthias Elwardt: "Bundesweit und weltweit sind die Besucherzahlen stabil. Die Leute wollen sich treffen, die wollen nicht alleine zu Hause sein. Und Kino ist der einzige kulturelle Ort, wo es keine Schwelle gibt."

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