Stand: 14.11.2018 14:23 Uhr

Die Coen-Brüder grüßen aus dem Wilden Westen

The Ballad of Buster Scruggs
, Regie: Ethan und Joel Coen
Vorgestellt von Hartwig Tegeler

Ursprünglich war "The Ballad of Buster Scruggs" als Anthologie-Serie bei Netflix geplant: sechs Teile, sechs Episoden. Doch dann konzipierten Joel und Ethan Coen diesen Western als einen Spielfilm. Während in Cannes noch heftig gekämpft wird gegen Streaming-Dienst-Filme, ist der Dammbruch in Venedig erfolgt: Der Coen-Film war auf der großen Leinwand zu sehen. Und damit ist der Strukturwandel Realität. Große Filme, früher hätten wir gesagt große Kinofilme, sind jetzt nicht mehr nur im Kino, sondern auch auf anderen Distributions-Kanälen zu sehen. Ab Freitag dieser Woche ist "The Ballad of Buster Scruggs", hochkarätig besetzt mit James Franco, Liam Neeson, Tom Waits und Tim Blake Nelson, auf Netflix, und nur dort, zu sehen.

Viele Western-Klischees im Angebot

Wie jeder gute Western ist auch "The Ballad of Buster Scruggs" ein Märchen: romantisch, dunkel, schwarz, abgründig und schön. Zu Beginn öffnet eine Hand ein altes Buch. Mit dem Öffnen seines ersten Kapitels blenden die Coens über zum ikonografischen Westernbild der Tafelberge des Monument Valley. Das ruft sofort die Erinnerung der klassischen Western eines John Ford auf, die im nächsten Schnitt wieder ihre Brechung erfährt, wenn durch diese Landschaft der singende Cowboy mit der Gitarre auf seinem Pferd reitet.

"The Ballad of Buster Scruggs" ist eine Geschichte, die in sechs klassische Western-Szenarien fragmentiert ist. In der ersten Episode wird sich der Cowboy mit Gitarre als mörderischer Revolverheld erweisen - das Blut spritzt im Saloon und natürlich trifft er auf einen, der schneller ist als er. Der Bankräuber wird am Galgen landen. Dem Goldgräber macht ein Konkurrent mit dem Colt in der Hand den Claim streitig und die Pionierfrau ist so naiv, ihren entlaufenen Hund zu suchen, und trifft dabei Indianer auf dem Kriegspfad.

Auf in die Abgründe der Vergangenheit!

Sechs Episoden mit jeweils einem anderen Hauptdarsteller: James Franco, Liam Neeson, Tim Blake Nelson oder Tom Waits. Die Teile binden sich zusammen und verdichten sich zu einem großen Bild über Amerika. Und der rote Faden ist die plötzlich explodierende Gewalt und der Wahnsinn.

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Seine Premiere feierte der Film "The Ballad of Buster Scruggs" Ende August in Venedig.

Die Varianten dieser Gewalt und dieses Wahnsinns sind vielfältig, drücken sich mitunter auch im gnadenlosen Geschäftssinn aus, wenn der Schausteller seinen anfangs für Einnahmen sorgenden arm- und beinlosen Schauspieler gegen ein rechnendes Huhn austauscht und "entsorgt". "The Ballad of Buster Scruggs" lotet die Abgründe der Vergangenheit in Westernbildern aus, um die Gegenwart zu verstehen. Das konnte dieses Genre immer gut.

Gewohnt tiefschwarzer Humor

In einem anderen Western, in "Feinde - Hostiles" von Scott Cooper, gibt es eine Schrifttafel mit einem Zitat von D. H. Lawrence: "Die amerikanische Seele ist in ihrer Essenz hart, isoliert und mörderisch. Sie ist bisher noch niemals aufgetaut." Das könnte auch Motto von "The Ballad of Buster Sruggs", diesem Meisterwerk von Joel und Ethan Coen, sein. Gewürzt ist der Film dabei mit tiefschwarzem Humor.

In der letzten Episode von "The Ballad of Buster Scruggs" gibt es die klassische Postkutschenfahrt: fünf Reisende, die über Gott und die Welt reden. Bald wird klar, dass die Reise eine ins Jenseits ist, über den Fluss, nein, nicht Missouri, Mississippi oder Rio Grande, sondern den Hades.

Das Lachen, das "The Ballad of Buster Scruggs" herauskitzelt, ist ein Höllenlachen. Und da sind die Reisenden am Ende ja angekommen, in der Hölle, auch wenn sie in dem düsteren Gebäude eine hell erleuchtete Treppe hochgehen und sich vielleicht der Illusion hingeben, es ginge ins Licht. Von wegen Licht!

 

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The Ballad of Buster Scruggs

Genre:
Western
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Tim Blake Nelson, Zoe Kazan und Liam Neeson
Regie:
Ethan und Joel Coen
Länge:
132 Min.
FSK:
keine Angabe
Kinostart:
16. November 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.11.2018 | 07:20 Uhr

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