Ulrich Thomsen als Henrik Kauffmann (r.) und Henry Goodman als Franklin D. Roosevelt (l.) im Oval Office - Szene des Eröffnungsfilms der Nordischen Filmtage Lübeck "Unser Mann in Amerika" © Nimbus Film

Weltkriegsdrama mit Ulrich Thomsen hat Filmtage Lübeck eröffnet

Stand: 04.11.2020 19:30 Uhr

Der Däne Ulrich Thomsen spielt die Hauptrolle in "Unser Mann in Amerika", dem Eröffnungsfilm der Nordischen Filmtage in Lübeck. Im Interview spricht er über den Streifen, seine zweite Regiearbeit und Kommissar Mørck.

von Patricia Batlle

Er hat Hauptrollen in Cannes-Siegern und Oscargewinnerfilmen und vielen Dramen und Serien gespielt: Ulrich Thomsen. Der 56-Jährige verkörpert im Eröffnungsfilm der Nordischen Filmtagen Lübeck "Unser Mann in Amerika" von Regisseurin Christina Rosendahl eine historische Figur: den dänischen Botschafter Henrik Kauffmann, der eine wichtige Rolle für sein Land während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg in den USA spielte. Als im April 1940 Nazi-Deutschland Dänemark besetzt, trotzt Kauffmann aus der Botschaft in Washington heraus den neuen Machthabern und sucht Hilfe beim US-Präsident Franklin Roosevelt. Er erklärt sich zum Vertreter eines freien Dänemark und zieht weitere Auslandsvertretungen auf seine Seite.

Ulrich Thomsen als Henrik Kauffmann (r.) vor einem Rollce Royce - Szene des Eröffnungsfilms der Nordischen Filmtage Lübeck "Unser Mann in Amerika" © Nimbus Film
Der Däne Ulrich Thomsen ist international bekannt aus Film und Fernsehen. Spätestens durch den Cannes-Sieger "Das Fest" (1998), oder durch "James Bond - Die Welt ist nicht genug".

Vor dem Bekanntwerden der neuen Corona-Maßnahmen mit Schließungen der Kinos hat der Däne mit NDR.de über Henrik Kauffmann und Rosendahls Eröffnungsfilm, eigene Regieprojekte und über seine neue Rolle als Kommissar Mørck am Telefon gesprochen. Da das Festival nur noch virtuell stattfindet, wird er nicht, wie geplant, zu den Filmtagen anreisen.

Der tatsächliche Diplomat Henrik Kauffmann hat historisch gesehen viel für Dänemark im Zweiten Weltkrieg und danach bewirkt - wie bekannt ist er denn in seiner Heimat?

Ulrich Thomsen: Ich wusste nicht so viel über ihn. Der Name ist mir immer wieder mal untergekommen, aber habe nicht so darauf geachtet. Wahrscheinlich wissen nicht besonders viele Menschen in Dänemark etwas über ihn. Das ist merkwürdig, denn er hatte einen großen Einfluss auf die Beendigung der deutschen Besatzung in Dänemark zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Außerdem, und wie der Film auch zeigt, hat er später für Dänemark eine entscheidende Rolle im Zusammenhang mit der Charta der Vereinten Nationen im Jahr 1945 gespielt. Er starb auf tragische Weise, ebenso wie seine Frau. Aus irgendeinem Grund war das nicht so bekannt. Deswegen ist der Film wohl hier in Dänemark im Kino so gut angekommen, weil die Leute Neues erfahren haben.

Von Henrik Kauffmann gibt es Ton- und Videodokumente, man kennt seine Handschrift, seine Unterschrift. Wie viel Recherche haben Sie vor dem Dreh betrieben, um ihn verkörpern zu können?

Thomsen: Nicht so viel, aber nur, weil ich bis zum Start der Dreharbeiten noch mit dem Dreh eines anderen Filmes beschäftigt war und nur wenig Zeit hatte. Ich habe mir Videomaterial von ihm angeschaut und Audiomaterial angehört, auf dem er spricht. Das war interessant, er ist in Deutschland geboren und lebte in Dänemark. Er sprach ein wirklich altmodisches Dänisch. Dieser Dialekt würde aufs heutige dänische Publikum komisch wirken.

Wir wollten aber trotzdem, dass die Sprache zum historischen Kontext der 1940er-Jahre passt und haben die Dialoge nur vorsichtig modernisiert. Natürlich haben wir seinen Kleidungsstil übernommen und die passende Einrichtung in seiner Umgebung. Abgesehen davon ging es aber ums Erzählen einer Geschichte.

Was war Kauffmann für ein Mann?

Thomsen: Er hat ein spannendes Botschafterleben geführt, war in China, in Asien, in Waffengeschäfte verwickelt, hat viele schöne Frauen getroffen. In vielerlei Hinsicht war er eine Art James Bond, ein Womanizer.

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Ulrich Thomsen als Henrik Kauffmann (r.) mit seiner Filmfamilie auf einer Treppe - Szene des Eröffnungsfilms der Nordischen Filmtage Lübeck "Unser Mann in Amerika" © Nimbus Film

Nordische Filmtage - Infos zum Film "Unser Mann in Amerika"

Nordische Filmtage - Infos zum Film "Unser Mann in Amerika" von Christina Rosendahl extern

War dieser James-Bond-ähnliche Aspekt mit ein Grund, diese Rolle zu spielen?

Thomsen: Ich fand, das war eine spannende Geschichte. Die Essenz der Geschichte ist jedoch, dass wir Menschen weltweit zusammenfinden und Lösungen für Probleme finden müssen. Das spiegelt heutige Zeiten wieder. Denn wir haben den Brexit, wir haben wieder zum Teil geschlossene Grenzen, die Tendenz von Ländern, sich zu isolieren. Kauffmann stand für das Gegenteil: Er brachte Menschen und Länder zusammen, um eine Gemeinschaft zu bilden. Außerdem mag ich die Regisseurin Christina Rosendahl gerne.

Rosendahl hat 2015 den Thriller "Geheimakte Grönland" über Grönland im Kalten Krieg ins Kino gebracht. Ein verwandtes Thema zum Film jetzt …

Thomsen: Ich habe viel mit Christina darüber gesprochen, wer Henrik Kauffmann war. Unsere größte Aufgabe war, sein Leben in einem Film greifbar zu machen, es also zu vereinfachen. Denn er hat so viel erlebt, er war so ein charismatischer Charakter, ein Überflieger. Nicht alle dieser Eigenschaften konnten wir unterbringen. Er hat zum Beispiel mal bei einer Party vergessen, seinen Frack anzuziehen und kam stattdessen im Pyjama. Aber solche Details aus seinem Privatleben hätten in unserem Film eher abgelenkt.

Ist es Zufall oder Absicht, dass der Film genau herauskommt, wenn sich die Charta der Vereinten Nationen zum 75. Mal jährt? Damit endet der Film.

Thomsen: Ich glaube nicht. Christina hat von Kauffmann erfahren, als sie für den Vorgängerfilm "Geheimakte Grönland" recherchiert hat. Sie ist über eine Doktorarbeit auf ihn gestoßen. Die hat sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Wie oft waren Sie mit einer Ihrer vielen skandinavischen Produktionen bei den Nordischen Filmtagen?

Thomsen: Ich bin vor langer Zeit zweimal dagewesen, in der Stadt aber schon öfter. Lübeck ist wunderschön.

Thomas Vinterbergs neuer Film "Der Rausch" mit Mads Mikkelsen läuft aktuell auch dort. Mit ihm verbindet Sie ja die Goldene Palme durch Ihre Hauptrolle in seinem Drama "Das Fest" und der Film "Die Kommune" von 2016 ...

Thomsen: Der Film "Der Rausch" ist auch toll!

Ich verbinde Sie mit einer Komödie "Flickering Lights" von Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2000, in dem Sie mit Mads Mikkelsen spielten. Sie scheinen mehr Bösewichte oder ernste Rollen zu spielen, als Komödien. Werden Ihnen nicht so viele angeboten?

Thomsen: Ich war in mehreren Komödien, nicht nur in dänischen. Ich hätte gern mehr mit Anders Thomas Jensen gearbeitet, das hat aber zeitlich nicht gepasst, das wären Komödien gewesen. Ich liebe Komödien und habe selbst schon gerade eine inszeniert - meine zweite Regiearbeit "Gutterbee". Die hätte jetzt herauskommen sollen, das ist im Covid-Alptraum untergegangen. Da spielen Leute wie Antony Starr ("Banshee", "The Boys") und Ewen Bremner aus "Trainspotting" mit. Der Film war weltweit auf Festivals eingeladen worden, aber dann kam - bäm! - der Shutdown. Wir waren auch in Verhandlungen für einen Filmstart in den USA. Das ist alles sehr schade. 

Nun spielen Sie demnächst Kommissar Carl Mørck für Regisseur Martin Sandvliet. Was reizt Sie an diesem Charakter des Mørck?

Thomsen: Ich habe für sechs Filme unterschrieben. Der nächste, "Der Marco-Effekt", könnte vielleicht im nächsten Frühjahr erscheinen, aber wer weiß, wie es sich alles ändert. Jedenfalls verfilmen wir die letzten sechs Bücher aus der Jussi-Adler-Olsen-Reihe um Kommissar Mørck.

Ich mag die Romane, sie sind gut erzählt. Und ich mag an diesen letzten sechs Romanen, dass der Kommissar altert. Es ist ein typisch nordischer Film, das Drehen mit Martin (Zandvliet) war toll. Auch hier hat der Shutdown die Dreharbeiten unterbrochen - aber wir haben ihn fertig gekriegt und der Trailer ist draußen.

Haben Sie in der Shutdown-Zeit, die Zeit kreativ nutzen können?

Thomsen: Ich war zu Hause und habe meinen dritten Film geschrieben. Hoffentlich können wir nächstes Jahr mit den Dreharbeiten beginnen.

Das Interview führte Patricia Batlle.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.11.2020 | 06:20 Uhr

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