Rebecca Ferguson (von links) als  Lady Jessica Atreides, Zendaya als Chani, Javier Bardem als Stilgar, and Timothée Chalamet als Paul Atreides im Film "Dune" von Denis Villeneuve © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Foto: Chiabella James

Wegen der Corona-Krise: Exklusiv-Filmstart der Kinos wackelt

Stand: 04.12.2020 12:03 Uhr

Die großen Verlierer der Corona-Pandemie in der Filmbranche sind die Kinos, die großen Gewinner die Streaming-Anbieter. Wie verändert sich das Geschäftsmodell von Netflix und Co.?

von Anna Wollner und ARD-Korrespondentin Katharina Wilhelm

Während die Kinos aufgrund der Corona-Beschränkungen geschlossen haben, floriert bei den Streaming-Diensten das Geschäft. Netflix, Amazon Prime, Disney Plus und bei uns in Deutschland Sky können sich über steigende Nutzerzahlen freuen. Im Moment ist dieses Erlebnis das einzig Cineastische, was wegen der Corona-Krise geht. Dabei waren die Kino-Besucherzahlen während der vorübergehenden Wiederöffnung gar nicht so schlecht, obwohl nur eine beschränkte Zahl an Sitzplätzen angeboten werden durfte.

Kino, das habe etwas mit einer Leidenschaft zu tun und mit einer ganz großen Liebe und Faszination, so Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler Michael "Bully" Herbig über seine große Liebe. "Ich liebe es, in einem dunklen Raum auf eine große Leinwand zu gucken mit einem Wahnsinns-Sound. Viele haben mittlerweile zu Hause ihr kleines Kino, aber dieses Erlebnis kriegst du zu Hause eben nicht."

Exklusiver Filmstart der Kinos wackelt

Die Streaming-Anbieter liefern sich derweil einen Wettstreit um neue Filme. Für den neuen "James Bond: Keine Zeit zu sterben" sollen Apple, Netflix und Amazon vor ein paar Wochen in einen Bieterwettstreit getreten und bereit gewesen sein, sich für über 400 Millionen Dollar die Streaming-Rechte zu sichern. Der Film soll Ende März 2021 aber doch noch zuerst im Kino anlaufen, bevor er zu den Streaming-Diensten kommt.

Doch die konventionelle Abmachung zwischen Studios und Kinobetreibern, dass Kinofilme erst einige Wochen bis Monate exklusiv auf der Leinwand laufen dürfen, bevor sie woanders gekauft oder gestreamt werden können, fängt an zu wackeln. Universal Pictures hatte diese Abmachung mit einigen Kinoketten verändert und die Exklusiv-Zeit der Kinofilme auf knapp zwei Wochen verkürzt.

Warner Bros. geht nun einen Schritt weiter und will im kommenden Jahr 17 seiner großen Filme gleichzeitig mit dem Kinostart auf seiner Streamingplattform HBO Max veröffentlichen, darunter das "Sopranos"-Prequel "The Many Saints of Newark", der Superhelden-Film "The Suicide Squad" sowie der zum Teil in Berlin und im Studio Babelsberg gedrehte "Matrix 4" mit Keanu Reeves.

Oscar Isaac im Kinofilm "Dune" von Denis Villeneuve, der 2021 starten sol © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Foto: Chiabella James

AUDIO: Warner-Filme werden 2021 parallel im Streaming veröffentlicht (3 Min)

Filme spielen während der Pandemie wenig Geld an der Kinokasse ein

Die Ankündigung ist ein Paukenschlag für die ohnehin schon schwächelnde Kinoindustrie, die in diesem Jahr durch verschobene Filmstarts und geschlossene Lichtspielhäuser gelitten hat. Die Kinokette Cinemark reagierte auf den Vorstoß von Warner Bros. zurückhaltend und ließ verlauten, dass man im kommenden Jahr kurzfristige Entscheidungen treffe. Warner habe noch keine Details zu dem neuen Hybridmodell mitgeteilt.

Warner-Bros.-Chefin Ann Sarnoff sagte, "Wir wissen, dass neue Inhalte das Herzblut für Kinos sind, aber wir müssen das mit der Tatsache ausbalancieren, dass die meisten Kinos in den USA das Jahr 2021 über wahrscheinlich nur mit begrenzten Kapazitäten betrieben werden." Das bedeutet konkret: Die Filme spielen weniger Geld ein an den Kinokassen. So war der Blockbuster "Tenet" von Christopher Nolan nach mehrmaligem Verschieben im Kino gestartet und blieb dann doch finanziell hinter den Erwartungen zurück. Die parallele Veröffentlichung im Netz geschieht also aus finanziellen Erwägungen. Um die Filme zu sehen, müssen Kunden ein Abonnement bei HBO Max abschließen.

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John David Washington (rechts) am Steuer eines Schnellbootes und Elizabeth Debicki als Passagierin - Szene aus dem Film "Tenet" von Christopher Nolan © 2020 Warner Bros. Entertainment, Foto: Melinda Sue Gordon

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Die Strategien der Streaming-Dienste: Vorhandenes aufkaufen

Aufkaufen, was schon da ist, das ist eine Strategie der großen Anbieter, um sich von den Kinos abzusetzen. Amazon hatte jüngst "Borat 2", Netflix hat gerade erst den neuen Paul-Greengrass-Film mit Tom Hanks und der deutschen Helena Zengel von Universal gekauft, der Pixar-Film "Soul" soll das Weihnachtsgeschäft bei Disney Plus ankurbeln und läuft ohne Mehrkosten auf der hauseigenen Streaming-Plattform.

Filme und Serien selbst produzieren

Es sind aber nicht nur gekaufte Filme, sondern vor allem auch Eigenproduktionen, mit denen Netflix und Co. weiterhin dem Kino versuchen, das Wasser abzugraben und die potenziellen Kinogänger an die Couch zu binden. "Gone Girl"-Regisseur David Fincher hat nach zwei Netflix-Serien, "House of Cards" und "Mindhunter", jetzt den ersten Streaming-Film gemacht. "Mank", nach einem 25 Jahre alten Drehbuch seines Vaters, ein Making-of zum Filmklassiker "Citizen Kane", eine bitterbösen Abrechnung mit dem Hollywood der 1930er-Jahre. Schon jetzt einer der großen Oscar-Anwärter für das Jahr 2021 - nicht nur aus Mangel an Alternativen.

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Talente an sich binden

Auch Talentebindung funktioniert gut. Der deutsche Regisseur Christian Schwochow hat im vergangenen Jahr zwei Folgen der Prestige-Serie "The Crown" für Netflix gedreht - und verfilmt aktuell den Politbestseller "München" in Bayerns Landeshauptstadt mit internationaler Starbesetzung. Start des Films: exklusiv auf Netflix im Jahr 2021. Die Eigenproduktionen in der Film- und Serienoffensive bescheren der deutschen Filmindustrie eine Vollbeschäftigung und teilweise sogar einen Fachkräftemangel in Produktion, Technik oder Ausstattung.

Zurück zum linearen Angebot?

Auch international gab es eine lange Corona-Drehpause für viele Film- und Serienproduktionen. Da es online aber genug Vorrat gibt, bedeutet das für den Zuschauer ein Überangebot. Zu Hause stellt sich oft die Qual der Wahl und oft ein Scheitern. In Frankreich gibt es ein Pilotprojekt bei Netflix, zurück zur linearen Ausstrahlung zu gehen - um den Zuschauer nicht komplett zu überfordern und das Programm zu kuratieren. Denn sind die Zahlen der Neukunden bei Netflix und Co. zu Beginn der Pandemie in die Höhe geschnellt, stagnieren sie aktuell. Das geht einher mit dem mehr als verständlichen Wunsch vieler, mal wieder vor die Tür zu gehen. Ins Kino.

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