Stand: 28.03.2018 00:01 Uhr

"Unsane": Klaustrophobischer Klinik-Thriller

Unsane - Ausgeliefert
, Regie: Steven Soderbergh
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Vor drei Jahren drehte der Regisseur Sean Baker seinen Film "Tangerine L.A." ausschließlich mit einem Smartphone. Nun hat auch Steven Soderbergh in seinem neuen Psychothriller "Unsane - Ausgeliefert" diese technische Herausforderung angenommen. Eigentlich hatte Soderbergh dem Filmemachen den Rücken gekehrt. Doch durch die neue günstige und flexible Produktionsweise habe er wieder Lust am Filmemachen bekommen. Dies verriet Soderbergh auf der jüngsten Berlinale, wo sein Film im Wettbewerb lief.

Wenn man etwas aus dem neuen Film von Steven Soderbergh lernen kann, dann dies: Es lohnt sich immer, Formulare vor dem Unterschreiben genau durchzulesen. Besonders, wenn sie einem vom Personal einer psychiatrischen Klinik unterbreitet werden. Und ganz besonders, wenn dies in den USA geschieht.

Eine Krankenschwester im roten Kittel verabreicht einer Patientin Tabletten - Claire Foy (rechts) als Sawyer Valentini in Steven Soderberghs Thriller "Unsane" © 20th Century Fox

Filmtrailer: "Unsane - Ausgeliefert"

Steven Soderbergh lässt in seinem Paranoia-Thriller lang offen: Wird Sawyer Valentini gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten? Oder verliert sie den Verstand?

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Eigentlich hat Soderberghs Heldin, die Bankerin Sawyer Valentini, nur psychologischen Rat gesucht. Erst vor Kurzem ist sie in eine neue Stadt gezogen, um einem Stalker zu entfliehen. Über Dating-Apps sucht sie sich One-Night-Stands mit Männern, die sie aber immer wieder an ihren Verfolger erinnern. Da liegt es doch nahe, sich psychologische Unterstützung zu suchen. Das Personal der Klinik Highland Creek interpretiert dieses Ansinnen allerdings auf seine Weise.

Klaustrophobischer Effekt durch Smartphone-Aufnahmen

Das US-amerikanische Kino ist reich an Albträumen, aus denen es kein Erwachen gibt. Soderberghs Film ist ein solcher Albtraum. Der Regisseur hat den Film vollständig mit einem iPhone gedreht, verstärkt durch eine frei im Handel erhältliche Trageausrüstung mit zusätzlichem Mikrofon. Die geringe Raumtiefe der Smartphone-Aufahmen - bei gleichbleibender Helligkeit -  verstärkt den klaustrophobischen Effekt der Szenen. Gerade in den engen Räumen und Zellen der psychiatrischen Klinik entsteht ein Gefühl des Eingeschlossenseins, der Desorientierung. Gemeinsam mit Soderberghs Heldin gleiten wir in ein umfassendes Gefühl der Ohnmacht. Und wie wir schon aus anderen Filmen wissen: Der Versuch, eine routinierte Psychiatrieschwester davon zu überzeugen, dass man nicht verrückt ist, bringt rein gar nichts. Im Gegenteil.

Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem

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Je mehr man sich wehrt, desto eher hat das Personal den Eindruck einer psychischen Störung.

Soderberghs Film ist auch eine Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem. Mit bürokratischen Tricks und erschlichenen Unterschriften - etwa in Bezug auf eine angebliche Selbstgefährdung - zwingen psychiatrische Kliniken Patienten, die letztlich nur ein Gespräch oder ambulante Betreuung suchen, zu einem mehrtägigen Aufenthalt gegen ihren Willen. Und je größer der Widerstand dagegen ist, desto einfacher ist es, die Patienten noch länger festzuhalten. Für Sawyer Valentini wird eine ganz normale Reaktion, ein verzweifelter Telefonanruf bei der Polizei, zu einem weiteren Schritt ins Verhängnis.

Spiel mit der Leinwandpersona der Schauspielerin Claire Foy

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Verliert Valentini zunehmend den Verstand? Wird sie wirklich von ihrem Stalker verfolgt? Grübelnd liegt die Patientin wach in der Klinik.

Steven Soderbergh wäre nicht Steven Soderbergh, wenn er sein gesundheitspolitisches Anliegen nicht mit der Lust am Kino, am spannungsgeladenen Erzählen verbinden würde. Und so spielt er mit der Leinwandpersona der britischen Schauspielerin Claire Foy, ihrer Ausstrahlung von Disziplin und Contenance - und mit dem zunehmend bedrohlicher, absurder werdenden Setting, das sie umgibt. Die Smartphone-Bilder verunsichern, werfen Fragen auf: Ist der vollbärtige Krankenpfleger wirklich der Stalker, vor dem Sawyer geflohen ist? Sehen wir hier eine junge Frau, die gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten wird? Oder eine Frau, die zunehmend den Verstand verliert? Oder beides? Ist es vielleicht der Film selbst, der unter dem Einfluss der schweren Psychopharmaka, die Sawyer einnehmen muss, verrücktspielt und solche Fragen ad absurdum führt?

"Unsane" zeigt: Gute Filme brauchen keine großen Budgets

"Unsane" ist ein B-Movie im besten Sinne. Ein billig gemachter Paranoia-Thriller, der der amerikanischen Filmindustrie vorführt, dass es sie, ihre schwerfällige Logistik und ihre großen Budgets nicht braucht, um intelligentes Unterhaltungskino auf die Leinwand zu bringen.

Unsane - Ausgeliefert

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Claire Foy, Joshua Leonard, Amy Irving
Regie:
Steven Soderbergh
Länge:
98 min
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
29. März 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 29.03.2018 | 07:20 Uhr

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