Stand: 02.06.2020 11:58 Uhr  - NDR Kultur

"The Wind" - Emma Tammis Horror-Western

The Wind
, Regie: Emma Tammi
Vorgestellt von Hartwig Tegeler
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Dieser Western wird aus der Perspektive von Frauen erzählt.

Das älteste Genre der Filmgeschichte, der Western, war schon immer bestens dafür ausgestattet, in vielen Varianten die Geschichten über die magischen Landschaften der Weiten der USA und die Gründung einer Gesellschaft zu erzählen. Meist aus Sicht der Männer. Die Filmemacherin Emma Tammi verändert diesen Fokus allerdings radikal, indem sie in einer Mischung aus Western und Horrorfilm von einer jungen Pionierin berichtet, die langsam in den Wahnsinn abgleitet. "The Wind" ist jetzt als DVD, Blu-ray und VideoOnDemand erschienen.

Der Wind pfeift über das Land. Ohne Unterlass. Was machen eigentlich die Frauen, wenn ihre Männer auf die Jagd gehen? Im klassischen Western warteten sie, bis die Männer zurückkamen, standen auf den überdachten Terrassen ihrer Farmhäuser und wischten sich die Hände an ihren Schürzen trocken.

Kein typischer Western

Allein in der endlosen Weite der Prärie? Kein Problem! Kein Problem? "The Wind", Emma Tammis Horror-Western, der am Ende des 19. Jahrhundert spielt, erzählt eine Geschichte von Einsamkeit, Wahnsinn, Horror und Tod. "The Wind" nimmt dabei ganz die Perspektive von Lizzy ein, die sich mit ihrem Ehemann in der Weite der Prärie von New Mexico niedergelassen hat.

Dann bezieht ein anderes Paar die verlassene Hütte in der Nähe. Bis dahin verbrachte Lizzy ihre Zeit zumeist allein auf der Farm, wurde schwanger, verlor ihr Kind. Nun trifft sie häufiger Nachbarin Emma.

Die erzählt von Merkwürdigkeiten: "Ich habe etwas gesehen. Ich habe es Gideon erzählt, aber er sagt, es ist nur der Wind." - "Hier draußen gibt es eine Menge Schatten und Geräusche." - "Das ist anders. Erinnere dich an die vielen Gräber auf dem Weg hierher."

Die Einsamkeit macht Lizzy fast verrückt

Einsamkeit und die Weite der Landschaft, erzählt uns Filmemacherin Emma Tammi, treiben Dämonen aus dem Inneren derjenigen hervor, die solch ein Leben ertragen müssen. Natürlich wird der Albtraum im Horror-Film real, bekommt eine Gestalt, wird gegenständlich: Das macht ja die Faszination oder den Schrecken des Genres aus.

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Lizzy hat schreckliche Angst.

Ebenso in "The Wind", dessen Erzählung, die uns beim ewig pfeifenden Wind träge, langsam, hinterhältig immer wieder auf eine andere Spur des Geschehens lockt und trotz der fürchterlichen Synchronisation gefangen nimmt. Es entfalten sich immer wieder neue Möglichkeiten, den Selbstmord der schwangeren Nachbarsfrau zu sehen, zu verstehen oder eben nicht zu verstehen - und das mit dem Dämon ebenso.

Weite Landschaft voll unsichtbarer Bedrohungen

"The Wind" erzählt im Subtext von einer großen Verunsicherung und bürstet die Klischees des Western kräftig gegen den Strich. Die weiten Landschaften des Western - hier gefilmt in New Mexico - bekommen in Emma Tammis Horror-Film eine kalte Bedrohlichkeit, fernab jeglicher Verheißung von Freiheit, die der klassische Western beschwor.

Allerdings gab es dazu immer schon Gegen-Erzählungen: Beispielsweise verlieren in Tommy Lee Jones grandiosem Western "The Homesman" von 2014 die drei Farmersfrauen am Anfang genau wegen ihres harten Lebens in der Prärie den Verstand. Auch Regisseurin Kelly Reichardt hat 2010 in "Auf dem Weg nach Oregon" den alten Westen als lebensfeindliche Umwelt beschrieben.

Wie Kelly Reichardt oder Tommy Lee Jones definiert auch Emma Tammi in "The Wind" die Rolle der Frauen im Western neu. Das Kleid des Horror-Western ist das angemessene Genre, um vom Verlorensein in der unendlichen Weite auf unheimliche und spannende Weise neu zu erzählen.

The Wind

Genre:
Western
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Caitlin Gerard, Miles Anderson, Julia Goldani Telles
Regie:
Emma Tammi
Länge:
88 Min.
FSK:
ab 16 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 03.06.2020 | 06:40 Uhr

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