Stand: 13.12.2019 17:06 Uhr  - NDR Kultur

Fast ein Märchen: "The Kindness Of Strangers"

The Kindness Of Strangers
, Regie: Lone Scherfig
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Jahr 2000 hat Lone Scherfig bei einem Film Regie geführt, der ein Welterfolg wurde: "Italienisch für Anfänger". Seitdem drehte die dänische Regisseurin fast ausschließlich im englischsprachigen Ausland, auch ihren neuen Film "The Kindness Of Strangers - Kleine Wunder unter Freunden", der die vergangene Berlinale eröffnete.

Dieser Film ist fast ein Märchen: Er hat süßliche Musik, kitschige Momente, glaubt an die Liebe und an Figuren, die ein Recht auf Glück haben. Zum Beispiel an diese junge Mutter namens Clara, gespielt von Zoe Kazan. Mit ihren beiden Söhnen ist sie aus der amerikanischen Provinz vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen.

New York - eine Stadt der Möglichkeiten

In ihrem neuen Film zeigt Regisseurin Scherfig New York als das Versprechen, das die Stadt einmal war und vielleicht immer noch ist. "The Kindness Of Strangers - Kleine Wunder unter Freunden" ist ein Ensemblefilm, der seine Figuren mit zunächst fast unsichtbaren Fäden verbindet. Da ist der aus dem Gefängnis entlassene Marc, der gerade dabei ist, einen Job zu finden, in einem etwas heruntergekommenen, aber sympathischen russischen Restaurant.

Da ist die Krankenschwester Alice, gespielt von Andrea Riseborough. Nebenbei leitet sie noch eine Therapiegruppe in einer Sozialeinrichtung und arbeitet in einer Suppenküche für Obdachlose. Kurz, sie ist eines jener aufopferungsvollen, hilfsbereiten Wesen, denen in der Welt selten die gleiche Hilfsbereitschaft entgegenschlägt - und von Seiten der Oberschwester im Krankenhaus noch nicht einmal Respekt oder Freundlichkeit.

Überlebenskampf nach der Flucht vor dem Ehemann

Clara, die junge vor ihrem Mann geflüchtete Mutter, bleibt das Zentrum von Scherfigs Film. Eine Figur, mit der fast beiläufig die Härte der Stadt New York, der selbstverständliche Überlebenskampf in einer Gesellschaft erzählt wird, aus der man sehr schnell herausfallen kann.

Das Auto, in dem Clara und ihre beiden Söhne übernachten, wird beim Falschparken abgeschleppt und beschlagnahmt. Außerdem ist die kleine Restfamilie pleite. In Hotels sammelt Clara die auf den Boden gestellten Reste der Zimmerbestellungen auf. Sie schleicht sich fürs Häppchenklauen auf einen Empfang des russischen Restaurants, das Marc inzwischen leitet - und fliegt fast auf.

Clara und ihre Söhne übernachten in Obdachlosenunterkünften, essen in Suppenküchen, schlagen sich durch, sind immer wieder am Rande der Verzweiflung und manchmal mittendrin.

"The Kindness Of Strangers": Verkrachte Existenzen

Man könnte sagen, dass Lone Scherfigs Film zum Weihnachtsmärchen taugt. Und dann auch wieder nicht. Er verströmt Optimismus, hat eine Versöhnungsbotschaft und leise rieselnden Schnee aufzuweisen. Aber in diesem Schnee wird fast ein Kind erfrieren.

Seine verkrachten Existenzen, seine gestrandeten, leicht neurotischen Loser-Figuren, deren Wege sich mit schöner Schicksalshaftigkeit in dem russischen Restaurant kreuzen, all diese Figuren versuchen zwar, einander Trost zu geben - aber es gelingt nicht immer. So wie beim gemeinsamen Abendessen von Alice und Jeff, dem Faktotum und Türsteher des Restaurants.

Zoe Kazan, Taher Rahim, Andrea Riseborough, der britische Schauspieler-Grand-Seigneur Bill Nighy - sie alle ergeben in Lone Scherfigs Film eine vom Leben zerzauste Truppe. Gemeinsam verströmen sie in diesem streckenweise sentimentalen, romantischen, für Solidarität und Mitgefühl eintretenden Film eine positive Energie. Nennen wir sie ruhig weihnachtsmärchenhaft.

The Kindness Of Strangers

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Dänemark, Kanada
Zusatzinfo:
mit Zoe Kazan, Andrea Riseborough, Tahar Rahim
Regie:
Lone Scherfig
Länge:
115 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
12. Dezember 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 12.12.2019 | 07:20 Uhr

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