Tänzerinnen proben am Set von "Dämonen der Leidenschaft" in den Babelsberger Filmstudios in der 17. Folge, Staffel drei von "Babylon Berlin" © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier
Tänzerinnen proben am Set von "Dämonen der Leidenschaft" in den Babelsberger Filmstudios in der 17. Folge, Staffel drei von "Babylon Berlin" © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier

"Szenenbildner verstehen sich als Teil der Geschichtenerzähler"

Stand: 03.05.2021 17:42 Uhr

Szenenbildnerinnen und -bildner arbeiten per se hinter den Kulissen und sind kaum bekannt. Uli Hanisch erklärt den Beruf am Beispiel "Babylon Berlin" - dem größten Filmset Europas, Anja Badeck am Beispiel Tatort.

Regisseur Hendrick Handloegten (V. li. n. re.) weist am Set von "Babylon Berlin" die Schauspieler Volker Bruch und Karl Markovics in eine Szene ein. © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier
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von Walli Müller

Szenenbildnerinnen und Szenenbildner sind nicht gerade die, die es zu Star-Ruhm bringen. Ihr Job ist vielleicht der unterschätzteste Beruf der Filmbranche, dabei käme ohne ihre Arbeit kein einziger Spielfilm zustande. Zwei Beispiele aus der Branche.

Bei der Oscar-Verleihung am Sonntag wurden wieder herausragende Schauspieler und Schauspielerinnen, Drehbuchautorinnen und die beste Regisseurin - Chloé Zhao gefeiert. Und natürlich gab es auch einen Oscar für das beste Szenenbild. Aber können Sie sich noch an den Namen erinnern…? Es war übrigens Jan Pascale fürs Set-Design und Donald Graham Burt fürs Produktionsdesign am Film "Mank".

Szenenbildner Uli Hanisch über "Babylon Berlin"

- Mordkommission, Guten Tag.
- Mord? Es war doch ein Unfall. Ich meine, wir alle haben es gesehen!
Um das zu klären, sind wir hier. Dialog aus der Serie "Babylon Berlin"

Ein Filmstudio, in dem soeben der Schauspiel-Star vom Scheinwerfer erschlagen wurde - das ist eins von Hunderten Motiven, das Uli Hanisch für die Serie "Babylon Berlin" vorbereiten musste. Das Film beziehungsweise Serien-Set gilt als Europas größtes. Als "Szenenbildner" ist Hanisch für das Erscheinungsbild des Films oder der Serie verantwortlich. Er muss mit seinem Team die richtigen Drehorte finden und ausstatten. Wenn das Publikum dann in die fiktive Welt eintaucht und die viele Arbeit dahinter gar nicht sieht, hat Hanisch sein Ziel erreicht.

Es ärgert ihn nur, wenn er als "Kunsthandwerker" abgetan wird. "In erster Linie versteht sich der Szenenbildner natürlich als Teil der Geschichtenerzähler, der Filmemacher!" Man fange eben sehr früh an, mit einem Regisseur und mit einem Drehbuchautoren über eine Geschichte zu reden und denke sich dann aus, "wie man die aus der Gedankenwelt in eine tatsächliche Welt transportieren kann", erzählt Uli Hanisch.

Arbeit fürs Szenenbild beginnt mit gründlicher Recherche

Regisseur Hendrick Handloegten (V. li. n. re.) weist am Set von "Babylon Berlin" die Schauspieler Volker Bruch und Karl Markovics in eine Szene ein. © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier
Regisseur Hendrick Handloegten (V. li. n. re.) weist am Set von "Babylon Berlin" die Schauspieler Volker Bruch und Karl Markovics in eine Szene ein.

Mit gründlicher Recherche zur jeweiligen Epoche beginnt die Arbeit an jedem Szenenbild. Uli Hanisch, der visuelle Kommunikation studiert und als Werbegrafiker angefangen hat, reist nun schon seit gut 30 Jahren mit Filmen durch die Zeit: Für Das Parfum“ ins Paris des 18. Jahrhunderts, für "Das Wunder von Bern" in die 1950er-Jahre - und für die vierte "Babylon Berlin"-Staffel rekonstruiert er gerade wieder das Berlin der Weimarer Republik.

Enge Zusammenarbeit mit Requisite, Grafik und Bautrupps

Nicht Uli Hanisch allein natürlich rekonsturiert diese Epoche! 60 bis 80 Leute sind damit beschäftigt: Grafiker- und Requisiteurinnen, Bau- und Maltrupps. "Wir haben an jedem Tag mindestens eine neue Wohnung einzurichten. Manchmal zwei. Am nächsten Tag schon wieder, und die vom Vortag wird ja schon wieder abgewickelt. Das heißt, wir haben so zwischen fünf und 15 Umzüge pro Woche." so Hanisch.

Szenenbild-Assistentin Anja Badeck dreht Tatort-Episode

Ein paar Nummern kleiner geht’s in Bremen zu, wo derzeit eine neue Tatort-Episode gedreht wird. Anja Badeck gehört hier als Szenenbild-Assistentin zu einem fünfköpfigen Ausstattungs-Team. Ihr Werdegang zeigt, was man für den Job idealerweise braucht: handwerkliches, technisches Geschick - sie hat eine Ausbildung zur KFZ-Elektrikerin gemacht - und eine künstlerische Ader. Sie ist auch Tanz-Pädagogin mit inzwischen abgeschlossenem Film-Regie-Studium.

Borowski (Axel Milberg) fühlt Margot Hilse (Heike Hanold-Lynch) auf den Zahn. © NDR/Christine Schroeder
Regisseurin Anja Badeck hat für viele Tatort als Szenenbildassistentin gearbeitet, etwa für "Borowski und das Land zwischenden Meeren".

Die Räume, die Anja Badeck einrichtet, charakterisieren immer auch die Figuren, die darin wohnen oder arbeiten. "Zum Beispiel hatten wir eine Villa, die wir eingerichtet haben. Das erzählt eine ganz lange Familientradition. Da trifft sozusagen Alt auf Modern und erzählt wahnsinnig viel über die Figuren, was wir für ein Interieur aussuchen. In dem Fall war das eben ganz lange Tradition: Tabakhandwerk.", so Badeck.

Neun Wochen rackert das Szenenbild-Team, um die Motive für 21 Tatort-Drehtage vorzubereiten. Das meiste Mobiliar wird beim Film- und Theater-Fundus oder auch mal im Gebrauchtmöbelladen ausgeliehen. Am Ende ist die Villa der Tabakhändler so lebensecht, dass man sofort einziehen könnte! "Also die Schränke sind mit Kleidung ausgefüllt, man kann alles aufmachen, man kann überall drauf sitzen. Man konnte das Wasser trinken und sogar unsere Zigarren rauchen in dem Fall." erzählt Anja Badeck.

"Babylon Berlin"-Set: kein Pappmaché, sondern Stahl

Charlotte (Liv Lisa Fries) unter einem Torbogen in den Babelsberger Filmstudios in der Folge 26, Staffel drei von "Babylon Berlin" © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier
Nix Pappmaché: Europas größtes Set hat 5.000 Tonnen und echtes Glas für die Fenster verarbeitet. Die Wände sind echt verputzt.

Was Szenenbildner Uli Hanisch dann auch sehr belustigt, ist die Vorstellung, die Außenstehende oft von Kulissen haben: Von wegen Pappmaché! Daraus hätte man den Berliner Straßenzug im Studio Babelsberg nun wirklich nicht bauen können, sagt er. "Da sind 5.000 Tonnen Stahl verarbeitet worden als Unterkonstruktion. Und Fenster sind natürlich aus Glas und so weiter. Also das sind schon sehr echte und sehr schwere Elemente. Dann kommt uns immer das so komisch vor, warum sich jemand sich vorstellt, dass da alles aus Pappmaché ist. Wie soll das denn halten?"

Dass in Hollywood neuerdings reale Landschaften durch riesige LED-Screen-Wände ersetzt werden, macht Hanisch keine Sorgen. Technik kann seine Tätigkeit ergänzen, aber nie ersetzen - da ist er sicher.

Und weil er um seinen Anteil an der Filmkunst weiß, trägt er mit Fassung, dass die Arbeit der Szenenbildner und -bildnerinnen nur selten richtig gewürdigt wir: "Dass außer den Hauptdarsteller*innen und Regisseur*innen eigentlich niemand beachtet wird, ist Teil des Prozesses. Ein bisschen ist es albern, ein bisschen ist es aber auch normal. Ich würde vom Publikum nicht erwarten, dass es sich jetzt im Detail Gedanken darüber macht, wer sich jetzt daran beteiligt hat, dieses Werk herzustellen."

Er staune allerdings manchmal, dass selbst die Fachkritik nicht in der Lage sei, eine andere Person als die Regie oder vielleicht im allerbesten Fall mal noch eine Kameraperson zur Kenntnis zu nehmen, die daran beteiligt gewesen sei. "Da denke ich mir: 'Ihr müsstet es schon besser wissen!'", so Uli Hanisch.

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Dieses Thema im Programm:

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