Stand: 30.01.2020 18:13 Uhr

Loach-Film über die Ausbeutung der Arbeiterklasse

von Katja Nicodemus

Seine Premiere feierte Ken Loachs neuer Film "Sorry We Missed You" auf dem Filmfestival von Cannes. Auch in diesem Film hat sich der Regisseur der "working class" angenommen, deren Arbeits- und Lebensverhältnisse er seit mehr als 50 Jahren begleitet. Wer meint, Ken Loach könnte sich nicht mit jedem Film treu bleiben und zugleich neu erfinden, wird eines besseren belehrt.

Endlich, so scheint es, hat Ricky, der Familienvater aus Newcastle, den richtigen Job gefunden. Endlich kommt Geld in die Kasse, das er dringend brauchen kann - für Frau, Tochter und Sohn, für die Abbezahlung des Häuschens. Für den Job als Paketbote muss sich Ricky auf Pump einen eigenen Lieferwagen kaufen.

Das Risiko bei Verdienstausfall wegen Krankheit oder Unfall trägt er natürlich selbst. Ricky wird zur Ich-AG. Verspätet er sich, bekommt er vom Lieferdienst eine Geldstrafe aufgebrummt und den Scanner, mit dem die Ablieferung der Pakete kontrolliert wird, sollte er bloß nicht verlieren.

Rickys neuer Job hat viele Schattenseiten

Wieder hat sich der 83-jährige Brite Ken Loach der sogenannten kleinen Leute angenommen - der Menschen, die schuften, kämpfen, die ihre Familie in neoliberalen Wirtschaftsverhältnissen durchbringen oder durchzubringen versuchen. Wieder blickt Ken Loach mit einer Mischung aus Anteilnahme und Neugier auf Lebens- und Arbeitsverhältnisse, deren Risiken und Nebenwirkungen, so möchte man sagen, jenen aufgebürdet werden, die am wenigsten verdienen. Wieder registriert Loach präzise den Teufel im Detail dieser Verhältnisse. Ein Päckchen abzuliefern, kann ja kein Problem sein. Oder eben doch?

Der Film zeigt die Selbstausbeutung eines Familienvaters, den ewigen Stress dieses Paketauslieferers, der in eine Plastikflasche uriniert, um nicht die Zeit des Toilettengangs zu verlieren. Diese aufreibende, hastige, immer unter Druck erledigte Arbeit bleibt natürlich nicht ohne Folgen für Rickys Familie.

Das eigene Leben bleibt auf der Strecke

Mit großer Sensibilität zeigt Ken Loach, wie sich Ricky und Abby Turner langsam aus den Augen verlieren. Wie die Zeit fehlt für die Aufmerksamkeit der Eheleute füreinander, für Sex, für liebende Blicke, für das Zusammensein - oder auch für die Beschäftigung mit dem Sohn, der die Schule schwänzt und sich beim Graffiti-Sprayen austobt.

Was bringt es uns, die Probleme eines verschuldeten Paketboten zu verfolgen? Weshalb schaut man gebannt der Abstiegsbewegung dieser Familie zu? Weil Ken Loach sich die Zeit nimmt, die seine Figuren nicht mehr füreinander haben. Weil sein Kino der Anteilnahme auch ein Kino der Solidarität ist - ein Kino der verborgenen Utopie. Denn Ken Loachs Film "Sorry We Missed You" verdoppelt die Verhältnisse nicht, er bricht sie immer wieder auf. Er zeigt, dass die Figuren auch ein Bewusstsein für ihre Entfremdung voneinander haben - und für ihre Selbstentfremdung.

Zeitdruck und Selbstausbeutung

Rickys Frau Abby will und kann ihren Job als Altenpflegerin nicht wie ein Dienstleistungsroboter absolvieren. In ihren Gesten - beim Kämmen und Säubern der alten Damen und Herren - liegt etwas Liebevolles. Abby leidet darunter, wenn ihr der strenge Zeittakt nicht erlaubt, liebevoll zu sein. Kurz: Ken Loach zeigt, was der Kapitalismus, was die gnadenlose Privatisierung eines Gesundheitssystems anrichtet - und wie die damit verbundenen Probleme abends zwischen zwei sich liebenden Menschen im Bett landen.

"Sorry We Missed You" ist die Geschichte einer langsamen Explosion - oder einer Implosion. Wir erleben die Erschütterung einer Familie. Wir sehen Menschen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Was ist falsch gelaufen? Womit hat es angefangen? Hätte man das Häuschen doch nicht kaufen, den Job doch nicht annehmen sollen? Wie bringt man den Sohn wieder in die Schule?

Ken Loach gibt nicht vor, die Antworten auf diese Fragen zu kennen. Sein Film ist eine Gesamtfragestellung an das Verhältnis von Kapitalismus und Gesellschaft. Er macht eindeutig klar, dass die Antwort nicht allein von der Familie Turner kommen kann.

Sorry We Missed You

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Großbritannien, Belgien, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone
Regie:
Ken Loach
Länge:
101 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
30. Januar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 30.01.2020 | 07:20 Uhr

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