Alain Delon und Jean-Paul Belmondo im Film "Borsalino" © picture alliance / United Archives Foto: United Archives/Impress

Schlecht gealtert: Über Sexismus in alten Filmen

Stand: 08.03.2021 11:42 Uhr

Wie geht man mit alten Filmen um, in denen Frauen als "Baby" oder "Schätzchen" bezeichnet werden? Die Zeiten ändern sich, und mancher Film-Klassiker ist im Hinblick auf die Gender-Thematik ziemlich schlecht gealtert.

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von Walli Müller

"Dumbo" ist es passiert, den "Aristocats" und inzwischen auch der "Muppet Show": Der Streaming-Dienst "Disney plus" hat einige Folgen mit einem Warn-Hinweis versehen, weil Inhalte heute als rassistisch empfunden werden könnten. Was aber macht man mit all den Film-Machos von früher, die ein völlig veraltetes, sexistisches Frauenbild präsentieren? Gibt es noch andere Möglichkeiten als Warn-Hinweise, um auf die Problematik aufmerksam zu machen?

Beim Sender ARTE war kürzlich der Action-Klassiker "Im Auftrag des Drachen" von und mit Clint Eastwood zu sehen. In dem Film wird das unterwürfige blonde Dummchen vom Herrn Professor zwar verschmäht, aber einen Klapps auf den Popo gibt es zum Abschied dann doch.

Ich würde alles tun, um eine gute Note zu kriegen. Und wenn ich alles sage, dann mein ich auch alles … - Sie gehen jetzt brav nach Hause, kochen einen starken Kaffee und lernen, bis das kleine Köpfchen raucht. Ich hoffe, Sie können wenigstens Kaffee kochen. Dialog aus dem Eastwood-Film "Im Auftrag des Drachen"

Die Redaktionsleiterin für Spielfilme bei ARTE, Claudia Tronnier © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
Claudia Tronnier von ARTE plädiert dafür, veraltete Film nicht zu zensieren, sondern sie durch Zusatzmaterial in den richtigen Kontext zu stellen.

Claudia Tronnier ist als Redaktionsleiterin bei ARTE für Spielfilme zuständig. Alle Filme würden, so versichert sie, vor der Einplanung ins Programm noch einmal in voller Länge angeschaut, auch mit Blick auf die Gender-Problematik. Trotzdem: "Auch wenn viele ältere Filme aus heutiger Sicht ein traditionelles, veraltetes Frauenbild zeigen, heißt das nicht in jedem Fall, dass wir sie nicht mehr zeigen. Denn dann müsste man unzählige Filme in den Giftschrank stellen."

Veraltete Filme kritisch begleiten

Die Spielfilm-Redaktion von ARTE, deren Auftrag es ja auch ist, das historische Filmerbe zu pflegen, steckt da gewissermaßen in einem Dilemma: Ein Film ist ein unveränderliches Produkt seiner Zeit - während sich das Publikum weiterentwickelt. Schwer nachvollziehbar aus heutiger Sicht, dass Jean-Paul Belmondo Anfang der 1960er-Jahre mit seinem Chauvi-Gehabe im Nouvelle-Vague-Klassiker "Außer Atem" so gut ankam.

(Pfiff) Zwei kleine Mädchen, die mitgenommen werden wollen. Hm, die Kleine wär' nicht zu verachten, ganz hübsches Fahrgestell. Aber die andere - nicht meine Blutgruppe. Ach, sind mir doch zu hässlich! Zitat aus dem Film "Außer Atem"

Natürlich, man kann über den Kerl schmunzeln - wie über die allzeit bereiten Bond-Girls, die sich 007 zum Wodka-Martini selbst servierten. Aber einfach so stehen lassen möchte Claudia Tronnier in ihrem Programm Filme mit veralteten Männer- und sexistischen Frauen-Bildern heute nicht mehr: "Bei ARTE gehen wir da oft so damit um, dass wir sie in einen bestimmten Kontext stellen. Zum Beispiel haben wir neulich einen Film mit Alain Delon in der Hauptrolle gezeigt, 'Swimmingpool', und haben ihn dann mit einer Dokumentation über Alain Delon begleitet, die ihn und sein Schaffen auch kritisch beleuchtet. Im Web gab es dazu dann noch eine Einordnung durch einen Filmkritiker. Und das machen wir eben mit historischen Filmen immer wieder so. Vielleicht muss man das in Zukunft sogar noch öfter machen."

Spiegel einer vergangenen Gesellschaft

Diese "Kontextualisierung" hält auch die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch für den richtigen Weg. Für sie sind Filme "Gegenstände der Geschichte" und wichtig als Spiegel einer vergangenen Gesellschaft. "Denn in den Filmen wird ja genau diese Frage, wie kulturelle und damit auch strukturelle Geschlechter-Differenz und -Benachteiligung oder struktureller Rassismus funktioniert, exemplarisch vorgeführt. Insofern können wir auf diese Filme gar nicht verzichten. Man muss sie entsprechend dann eben diskutieren und das an ihnen öffentlich machen und zur Diskussion stellen, was daran problematisch, veraltet, rassistisch, sexistisch ist und was wir heute nicht mehr mit unseren eigenen normativen und politischen Vorstellungen verbinden wollen", erklärt Gertrud Koch. 

Auf nicht mehr ganz so politisch korrekte Werke der Filmgeschichte ein Warn-Etikett zu kleben, wie Disney plus das nun macht, kommt für die Spielfilm-Redakteurin Claudia Tronnier nicht in Frage. "Nein, Warnhinweise wie 'Vorsicht, sexistisch' wird es bei ARTE nicht geben. Wir bauen da auf die Mündigkeit der Zuschauer."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.03.2021 | 07:40 Uhr

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