Stand: 15.08.2018 12:50 Uhr

Udo Kier über Hollywood, Humor und Hamburg

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Lebt in Palm Springs, Kalifornien, ist aber häufig in Europa: der 73-jährige Schauspieler Udo Kier.

Er ist 73 Jahre alt und hat in 50 Jahren Karriere mehr als 200 Filme in Europa und den USA gedreht, war Dracula und Frankenstein: Udo Kier, der in Köln geborene Schauspieler mit dem stechenden Blick und dem Hang zu bösen und skurrilen Rollen. Er hat mit Star-Regisseuren und Autorenfilmern wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Lars von Trier und mit US-Regisseur Gus Van Sant zusammengearbeitet. Für diesen spielte er 1991 einen Freier in "My Own Private Idaho" mit River Phoenix. Im neuen Film von Van Sant, der Tragikomödie "Don't worry, weglaufen geht nicht", gibt Kier an der Seite von Joaquin Phoenix einen Alkoholiker.

Udo Kier - nicht nur auf den "Bösen" festgelegt

Sie haben in London, Rom, München, Köln gelebt, wohnen seit Langem in Kalifornien. Was verbinden Sie mit Deutschland, wo Sie in Köln geboren und aufgewachsen sind?

Udo Kier: Da muss man ein bisschen zurückgehen. Ich bin Ende des Krieges geboren. 1944 am 14. Oktober. Ich war mit meiner Mutter verschüttet, als ich drei Stunden alt war. Alle anderen Neugeborenen waren tot. Sie hatte Glück. Ihr Bett stand in einer Ecke. Sie hat mich in der Dunkelheit mit einer Hand festgehalten. Manchmal habe ich die Vision, dass ich so aus Trümmern eine Hand sehe, die winkt. Und dann wurden wir befreit. Ich weiß nicht, wer uns befreit hat, die Amerikaner oder die Engländer. Was heutzutage die Jugend nicht mehr weiß - es war nichts zu essen da, ich war gezwungener Vegetarier. Es gab die ganze Woche nur Suppe: Bohnensuppe, Linsensuppe, Erbsensuppe. Und nur sonntags Braten - immer den gleichen -, einen Vanillepudding und grünen Salat. Ich habe dann aus Liebe zu meiner Mutter, ich bin ohne Vater aufgewachsen, eine kaufmännische Lehre gemacht, weil meine Mutter gesagt hat, ich müsse etwas Anständiges lernen. Drei Jahre Verschwendung. Mit ihrer Genehmigung bin ich nach England. Ich wollte aus Deutschland weg. Ich habe da Englisch gelernt und wurde in London in einem Café für den Film entdeckt.

Aber was bedeutet Ihnen Deutschland denn heute?

Kier: Ich bin in Deutschland geboren, lebe jetzt in Amerika und würde auch nicht mehr nach Deutschland zurückkommen, weil es nicht gut wäre für die Geschichtsbücher. "Geboren in Köln, gestorben in Köln." Da würde die nächste Generation fragen: "Ist er denn nie rausgekommen da?" Mein Traum ist, dass dann in der Zeitung steht, "geboren in Köln, Messdiener im Kölner Dom - nach dem Krieg - und fuhr mit seinem 190er SL-Mercedes in Havannabraun über die Klippen in Santa Monica." Das ist doch viel dramatischer als in Deutschland.

Ich lebe in Palm Springs in einer ehemaligen Bücherei von einem berühmten Architekten, Albert Frey, ein Schweizer, der emigrierte. Ich habe immer Möbel gesammelt und Kunst. Ich habe eine Wand mit Werken von Andy Warhol, Robert Mapplethorpe, David Hockney, und überall steht drunter: "For Udo with Love". Es ist schön, einen Kaffee zu trinken und auf die Bilder zu gucken.

Außer mit Köln verbindet Sie besonders mit München und Hamburg einiges ...

Kier: Hamburg liebe ich. Weil ich in Hamburg eine Kinderserie gedreht habe, 39 Folgen für Studio Hamburg für die Serie "Vier gegen Z" (von 2005 bis 2007, Anm. d. Red). Darin war ich der böse Mensch. Das war angenehm fürs Drehen, weil ich in der Serie unter der Erde lebe, 500 Jahre alt bin. Ich nehme den Kindern in Hamburg, um sie zu ärgern, die Musik. Ich musste nur zwei oder drei Mal im Jahr von Los Angeles nach Hamburg. Wenn ich in Deutschland leben würde, würde ich in Hamburg wohnen. Weil es freier ist.

Sie haben Ihre ersten Filme in Österreich und Italien gedreht, haben für Andy Warhol Frankenstein und Dracula gespielt. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Warhol und mit Rainer Werner Fassbinder?

Kier: Ich habe Fassbinder kennengelernt, da war er fünfzehneinhalb, ich sechzehn. In einer Arbeiterkneipe in Köln. Danach fiel mir in London der "Stern" in die Hand, da war diese Doppelseite mit seinem Gesicht und der Beschreibung "Das Genie, der Alkoholiker - Rainer Werner Fassbinder". Da dachte ich, das ist doch der Rainer. Ich habe ihn durch Zufall besucht, dann haben wir angefangen, zusammen zu arbeiten. Den ersten Film, den er mir angeboten hat, habe ich abgelehnt, weil mir die Rolle nicht gefiel. Dann haben wir "Bolwieser" gemacht, eine Frau zwischen drei Männern. Ich war der Friseur, den sie dann abbekommt.

Und wo haben Sie Warhol getroffen?

Kier: Ich saß im Flugzeug, lebte damals in Rom. Der Mann neben mir war Paul Morrissey, Filmregisseur für Andy Warhol. Ein paar Wochen später rief er an, sagte: "Hey, hier ist Paul aus New York, ich habe eine kleine Rolle für dich. Frankenstein." Dann habe ich "Andy Warhols Frankenstein" gemacht.

Sie haben mit so vielen Leuten zusammengearbeitet, die heute nicht mehr leben. Wie geht es Ihnen damit?

Kier: Ich bin 73. das ist eine ganz normale Entwicklung, wenn man älter wird, das ist eine ganz normale Geschichte. Die Gruppe um Andy Warhol war toll. Das war eine ganz andere Zeit. Ich habe jetzt für die "Bild"-Zeitung einen Bericht geschrieben, über den Nachtclub Studio 54. Das war in New York, ich ging mit Andy dahin und alle kannten ihn. Da saßest du neben Liza Minelli, dahinten war Bianca Jagger. Jetzt haben wir eine Internet-Zeit.

"Don't worry, weglaufen geht nicht" ist produziert von Verleiher "Amazon", der die Filme weltweit ins Internet bringt. Wie erleben Sie diese Veränderung mit den digitalen Ausspielwegen und dem Kino?

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US-Schauspieler Joaquin Phoenix spielt in Gus Van Sants Drama "Don't Worry, weglaufen geht nicht" die Hauptrolle. Er stellt den Film in Berlin mit Udo Kier vor.

Kier: Als mir das Gus Van Sant gesagt hat, habe ich das ignoriert. Für mich ist das ein Kinofilm. Dass er gedreht werden kann, ist wunderbar. Mir ist wirklich egal, wo das Geld herkommt. Der Film ist wichtig, der Cast. Ich habe Gus Van Sant vor 25 Jahren in Berlin kennengelernt. Da hatte er seinen ersten Film präsentiert, "Mala Noche", für 20.000 Dollar gedreht. Auf einer Party hat er sich vorgestellt und sagte, ich möchte, dass du meinen Film siehst, und bereite gerade einen vor mit Keanu Reeves und River Phoenix, "My Own Private Idaho", und es gibt die Rolle vom Hans. Ich habe erst gedacht, er redet nur, wie viele bei Festivals. Aber er hat mir die Arbeitserlaubnis beschafft.

Im aktuellen Film von Van Sant geht es um den tatsächlich existierenden Comic-Zeichner John Callahan, gespielt von Joaquin Phoenix, der im Rollstuhl endete. Um Sucht, Alkohol, schwarzen Humor und das Verzeihen. Sie spielen darin den Alkoholiker Hans, der bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker auf Callahan trifft. Wie hat sich Ihre Arbeit in den Jahren verändert?

Kier: Für mich ist ganz wichtig: Ich spiele nicht mehr. Sondern bin einfach da, habe einen neuen Text, neue Kostüme, eine neue Situation. Das Lieblingswort von Lars von Trier ist: Don't act! Wenn man jünger ist, reagiert man noch anders. Als ich jung war, wollte ich drei Filme gleichzeitig machen. Ich bin jetzt in Filmen immer nur da.

Das Gespräch führte Patricia Batlle, NDR.de

"Don't worry, weglaufen geht nicht" startet bundesweit am 16. August im Kino.

Weitere Informationen

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"Don't worry, weglaufen geht nicht" beruht auf der Autobiografie des Cartoonisten John Callahan, gespielt von Joaquin Phoenix. Es ist die Geschichte einer Selbstfindung. mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.08.2018 | 11:20 Uhr

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