Stand: 04.06.2020 15:41 Uhr  - NDR Kultur

"Fassbinder konnte eine Art Gefühlsdiktator werden"

Rainer Werner Fassbinder war einer der produktivsten und umstrittensten Filmemacher Deutschlands. "Die Ehe der Maria Braun" ist sein wohl berühmtester, seine Fernsehserie "Berlin Alexanderplatz" mit Günter Lamprecht nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin besitzt Kultstatus. 44 Filme hinterließ er, als er 1982 mit nur 37 Jahren starb. Am 31. Mai wäre er 75 Jahre alt geworden. Regisseur Oskar Roehler erzählt über seinen neuen Fassbinder-Film "Enfant Terrible" und über den Schauspieler, Autor, Theater- und Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder.

Das Drama mit einem phänomenalen Oliver Masucci in der Hauptrolle würde aktuell in den Kinos laufen. Wegen der Schließung der Kinos durch die Corona-Pandemie im Frühling wurde der Start auf den 1. Oktober 2020 verschoben.

Welcher ist Ihr Lieblingsfilm von Fassbinder?

Bild vergrößern
Der 61-jährige Regisseur Oskar Roehler sagt: "Heute könnte es keinen Fassbinder mehr geben."

Oskar Roehler: Am meisten beeindruckt hat mich "In einem Jahr mit 13 Monden". Den kennen die meisten nicht, weil das ein kleiner, an der Kinokasse völlig erfolgloser Film war. Der ist eine Melange aus allen Vorzügen, die Fassbinder hatte - seine theatralische Begabung, die nicht einmal die filmische ist, sondern die urtümlich und in ihrem Ausdruck stark vom Theater herkommt. Und dann die sehr poetische Art, die Dinge zu sehen. Erstaunlicher Weise sind meine Fassbinder-Preziosen die eher unbekannten Werke. Dazu gehört "Satansbraten", denn er hat auch Komödien gemacht, was gern vergessen wird; "Warnung vor der Heiligen Nutte", oder auch "Niklashauser Fart", das ist ein interessanter, geradezu prophetischer Film in Hinsicht auf die gesellschaftliche Entwicklung.

Weitere Informationen

Fassbinders Filme: Einblicke in die Seele der Deutschen

Rund 40 Filme hat Regisseur Rainer Werner Fassbinder produziert. Sein Fleiß ist legendär und auch seine Vorliebe für starke Frauenfiguren, die in seinen Filmen oft die Hauptrolle spielen. mehr

Berühmt und erfolgreich wurde Fassbinder eher mit Melodramen ...

Roehler: Die tragen allerdings oft nicht so sehr seine Handschrift. Etwas wie "Die Ehe der Maria Braun" hätte auch ein durchschnittlicher Regisseur machen können. Eine Quelle seiner Schöpfungskraft war sein Weltbild - immer davon ausgehend, dass die Figuren eine schicksalhafte Destination haben, eigentlich nie zum Glück hin. Manchmal liegt bei ihm die Ursache dafür in einem politischen Erklärungsansatz. Das ist in den frühen Münchner Filmen so, wo er die Außenwelt als spießig, intolerant und postfaschistisch darstellt. Offenbar gibt es auch einen mythologischen Kern in seinem Denken.

Wie würden Sie ihn als Person charakterisieren?

Bild vergrößern
Oliver Masucci (r.) verkörpert Fassbinder in Roehlers Film "Enfant Terrible", Alexander Scheer spielt Andy Warhol.

Roehler: Über die Person sagt mein Film "Enfant Terrible" eine Menge. Über seine Schwächen, seine Stärken, seine Fehlbarkeiten in psychologischer Hinsicht. Oder auch, was die Manipulation von Menschen und was sein Charisma angeht. Sein Werk ist eigentlich, anders als seine Lebenspraxis, geprägt von einem starken sozialen Impetus. Er hat das Elend seiner Figuren gesellschaftspolitisch ausgelegt. Er hat die Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht. Das war gewissermaßen Usus in der Zeit. Das haben Volker Schlöndorff und andere auch so gemacht.

Man hat das Gefühl, das die sado-masochistischen Verhältnisse, etwa in Filmen wie "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" oder "Chinesisches Roulette", viel von seinem eigenen inneren Zwiespalt widerspiegeln. Sie sind genau psychologisch geschildert - es gibt immer Täter und Opfer. Auf der einen Seite wollte er die Gesellschaft zum Besseren wenden, wie das damals an der politischen Tagesordnung war. Auf der anderen Seite hatte er seine eigenen Konflikte mit der Moral, wie er sich anderen Leuten gegenüber verhält. Und auch seine oft persönliche Kälte, die er Leuten entgegenbringen konnte.

Wobei er natürlich auch einen enormen Machtvorteil hatte. Die waren alle von ihm anhängig. Er konnte mit Liebe oder Gleichgültigkeit, mit Wärme oder mit Kälte belohnen oder bestrafen, sich geradezu ein Bestrafungssystem aufbauen und quasi so eine Art Gefühlsdiktator werden. Er hat sich so in eine psychologische Schlüsselposition begeben, natürlich aber auch dank seines Talents. Er hat das schließlich alles geschrieben. Er war der Motor. Das hat aus ihm sicherlich keinen Heiligen gemacht.

Stichwort "Gefühlsdiktator durch Machtvorteil" - könnte Fassbinder in Zeiten von #MeToo heute noch so arbeiten?

Bild vergrößern
Katja Riemann spielt in Roehlers Film "Enfant Terrible" die Rolle der Gudrun.

Roehler: Natürlich nicht, das würde sich überhaupt nicht mehr ergeben. Ob das von Vor- oder Nachteil ist, sei dahingestellt. Ob man tolle Kunstwerke durch politische Korrektheit herstellt, steht noch in den Sternen. Dass heutzutage alle so lieblose, geschlechtslose und didaktische Filme machen hat natürlich damit zu tun, dass sie große Feiglinge vor der eigenen Meinungsbildung und den eigenen Gefühlen sind.

Giganten wie Fassbinder kommen nicht aus einem geklonten Sauberkeitsdenken heraus. Man kann ihnen viel vorwerfen, aber sie haben es natürlich auch gebraucht, sich im Schlamm zu suhlen. Fassbinder selbst hat sich am allerwenigsten geschont. Das muss man ihm anrechnen.

Links

Berlin Alexanderplatz

Die Serie in der Regie von Rainer Werner Fassbinder, nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin, schrieb 1980 deutsche Fernsehgeschichte. extern

Würde Fassbinder heutzutage für einen Streamingdienst wie "Netflix" arbeiten?

Roehler: Das ist das einzige, was es noch gibt. Der Kapitalismus und das System hat alles andere aufgefressen und sich einverleibt. Der Turbokapitalismus lässt kein kontroverses Denken mehr zu. Alle Filme, die heute in Deutschland - von wem auch immer - gefördert werden, sind auf ein politisch korrektes Denken hin zugeschnitten. In den letzten 20 Jahren hat eine komplette Uniformierung stattgefunden, da gibt es keine Ausnahme mehr.

Heute könnte es keinen Fassbinder mehr geben. Der wäre weder finanzierbar, noch könnte der seine Kapriolen machen. Das hängt schon allein damit zusammen, dass die Selbstzensur der Geldgeber, die natürlich Schiss haben, irgendwo einen Skandal zu evozieren oder sich sonst wie ihre weiße Weste zu beschmutzen, nicht zuließe, dass man derartige Experimente macht. Das waren die "Golden Years of Germany", das war das Deutsche Autorenkino. Da war er mit Sicherheit der Beste, aber das ist überhaupt nicht wiederholbar.

Das Gespräch führte NDR Reporterin Bettina Peulecke. Erst nach diesem Gespräch wurde bekannt, dass der Film "Enfant Terrible" fürs der offizielle Programmvon Cannes nominiert wurde. Die Auswahl wurde erst am 3. Juni bekannt. Das französische Filmfest fällt 2020 allerdings aus, weil den ganzen Sommer über keine Massenveranstaltungen in Frankreich erlaubt sind.

Weitere Informationen
15:02
NDR Info

Der "Fassbinder-Komponist"

NDR Info

Am 21. Januar 2007 stirbt der Filmkomponist Peer Raben. Für 26 Filme von Rainer Werner Fassbinder hatte der Autodidakt aus Niederbayern die Musik komponiert. Audio (15:02 min)

NDR Plus

Brigitte Mira - "Ich hatte andere Qualitäten"

NDR Plus

Als "Dame vom Grill" wurde sie bekannt. Doch die Hamburgerin war auch eine talentierte Balletteuse, Soubrette, Kabarettistin und Sängerin. Am 20. 4. wäre sie 110 geworden mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.05.2020 | 06:40 Uhr