Stand: 12.09.2019 16:50 Uhr

Hübsche Provinzkomödie über Deutschland der 80er

Petting statt Pershing
, Regie: Petra Lüschow
Vorgestellt von Krischan Koch

"Petting statt Pershing" lautete einer der bekanntesten Sponti-Sprüche in den 1980er-Jahren. Bei den Demonstrationen der Friedensbewegung tauchte der Slogan auf Buttons und Plakaten auf und fand den Weg auf Toilettenwände und in Graffitis. Jetzt kommt eine deutsche Komödie über die 80er mit genau diesem Titel in die Kinos.

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Ursula (Anna Florkwoski) lebt mit ihren Eltern in einer spießigen Wohnung mit Schrankwänden.

Die hessische Provinz 1983: Helmut Kohl ist seit einem Jahr Kanzler. In Mutlangen rüstet die Friedensbewegung zur Sitzblockade vor dem US-Militärdepot. Doch die 17-jährige Schülerin Ursula (Anna Hornstein) hat andere Sorgen. Sie wird von ihren Mitschülerinnen und dem Klassencasanova wegen ihrer Pummeligkeit als Obelix verspottet. Ihre spießigen Eltern, Handarbeitslehrerin Inge und Dorfarzt Helmut, sind im Dauerstreit und gängeln sie.

Dann stürmt Junglehrer Siggi Grimm (Florian Stetter) das Provinzkaff. Er hat Verständnis für die Schüler, predigt Pazifismus und möchte das ganze Dorf sexuell befreien. Ursula, ihre Mutter und Lehrerkollegin Inge sind gleich hin und weg. Siggi erwischt einen günstigen Moment: Inge will sich gerade von ihrem Mann trennen und hat die Abschiedsworte "Helmut, es ist aus" als Häkelbild in den Flur gehängt.

"Petting statt Pershing": Perfekte Darstellung der Spießigkeit

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Ursula (Anna Hornstein) schaut einem Kurs zur sexuellen Selbstbefreiung durchs Fenster zu.

Petra Lüschow findet in ihrem Regiedebüt wundervoll verwaschene Bilder der provinziellen Spießigkeit. Die Farben der alten VWs, die Gelbklinkerfassaden der Einfamilienhäuser und die akribisch dekorierten Wurstplatten sehen aus wie auf einem Super-8-Film. Allein die Schrankwände, die gehäkelten Eulen und orangen Tischfernseher lohnen den Kinobesuch. Während "Aktenzeichen XY" im Wohnzimmer für wohligen Grusel sorgt, sucht die Landkommune nach neuen Lebensformen. Die Frauengruppe experimentiert mit vaginalen Selbstuntersuchungen und die Müslifraktion hat die Zukunft fest im Blick.

Gewaltfreie Sitzblockade artet in Schlägerei aus

Regisseurin Petra Lüschow lässt die Alltagsszenen immer wieder ins Absurde kippen. Die Übung für die gewaltfreie Sitzblockade artet in eine handfeste Schlägerei aus. Und der Altnazi-Opa kippt mit Hitlergruß tot in die Pralinenschachtel. Ursula kann das nicht schrecken. Sie ist derweil fest entschlossen, bei der Friedensbewegung mitzumischen.

Anna Hornstein als rebellisch naive Ursula mit Lamawollmütze ist herrlich normal. Und der softe Junglehrer entpuppt sich als Casanova-Arschloch. Das ist treffend echt und dann auch wieder satirisch überzeichnet. Nach ein paar Längen kommt es zu einem überraschend bizarren Finale. Dabei findet der Film stets die Balance zwischen Komik und Melancholie, zwischen provinzieller Tristesse und Aufbruchsstimmung. Eine hübsche kleine Provinzkomödie über das Deutschland der 80er.

Petting statt Pershing

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Anna Florkowski, Florian Stetter, Christina Große, Thorsten Merten, Hermann Beyer, Leander Menzel,
Regie:
Petra Lüschow
Länge:
97 Min.
FSK:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
5. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 03.09.2019 | 15:55 Uhr

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