Stand: 11.10.2018 08:09 Uhr

Paul Greengrass' Film zum Anschlag auf Utøya

"22. Juli"
von Paul Greengras
Vorgestellt von Hartwig Tegeler

Wann ist es soweit, dass das Kino in seinen fiktiven Erzählungen über den Terror unserer Welt, über die Leiden der Opfer erzählen kann, ohne das Ganze zum Kino-Event verkommen zu lassen? Ist das überhaupt möglich? Seit Mitte September läuft bei uns der Film "Utøya 22. Juli" im Kino, in dem sich der norwegische Filmemacher Erik Poppe das Massaker an den norwegischen Jugendlichen auf der Insel Utøya zum Thema macht, indem er das Geschehene in nur einer durchgängigen Einstellung gedreht hat.

Auf den Filmfestspielen in Venedig hatte nun ein weiterer Film zum gleichen Thema Premiere "22. Juli" von Paul Greengrass ist eine Netflix-Produktion. Seit Mittwoch ist dieser Film beim Streaming-Dienst zu sehen.

Zwei unterschiedliche Filme zum Utøya-Attentat

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Isak Bakli Aglen (l.) als Torje Hanssen und Jonas Strand Gravli als Viljar Hanssen in "22. Juli".

Paul Greengrass erzählt chronologisch: Der Attentäter Breivik baut die Bombe und platziert sie vor dem Osloer Gerichtsgebäude. Nach der Explosion setzt er auf die Insel Utøya über, wo das Sommercamp der norwegischen Arbeiterjugend stattfindet. Er ermordet systematisch 69 Menschen. Noch auf der Insel ergibt sich der Rechtsextremist dann der Polizei.

Anders als der norwegische Filmemacher Erik Poppe bleibt Paul Greengrass aber nicht auf Utøya, er schneidet in seinem Film "22. Juli" um, vom Mörder zum Krisenstab, erzählt dann von der Zeit nach dem Attentat, und lässt langsam einen schwer verletzten Jungen zur Hauptfigur werden. Der Attentäter Breivik wird bei Greengrass von einem Schauspieler dargestellt, wenn er mordet, wenn er im Gerichtssaal sitzt.

Konventioneller aber angemessener

Aufgrund seiner dramaturgischen Struktur könnte man sagen, Paul Greengrass' Film "22. Juli" ist im Vergleich zu Erik Poppes "Utøya 22. Juli" der konventioneller inszenierte Film. Man sollte aber sagen: zum Glück. Weniger spektakulär und damit angemessener.

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Paul Greengrass hat zum Thema Terrorismus schon den Film "Flug 93" über die Anschläge vom 11. September gedreht.

Bei Erik Poppe wird der Name "Breivik" nicht genannt, der Killer ist nur kurz als Schatten im Wald zu sehen, quasi als Phantom. Den Mörder nicht zu zeigen, nicht zu nennen: Damit wollte der Filmemacher Poppe die Würde der Opfer wahren, wie er sagte. Aber das Argument ist fadenscheinig, denn dem Rechtsextremisten wird in Erik Poppes Film mit dem "nicht Zeigen" eine Aura des Mythischen verliehen. Dass Poppe seinen Film in nur einer Einstellung gedreht hat, sollte außerdem bewirken, dass wir ganz in die Situation der Opfer hineingezogen werden. Doch dieser Anspruch ist obszön, denn es ist absurd zu glauben, wir könnten uns emotional in die Situation derjenigen auf der Insel begeben, die der Rechtsextremist töten will.

Empathie durch Distanz

Paul Greengrass hingegen hat einen Film gedreht, der nicht darauf setzt, dass wir die Situation nacherleben, sondern, dass wir sie anschauen - aus der Distanz. Und gerade damit erzeugt "22. Juli" verblüffenderweise ein Gefühl von Empathie, das beim Anschauen von Poppes Film sich nicht einstellt. So ist der jetzt auf Netflix gestreamte Film von Paul Greengrass der überzeugendere Versuch, uns mit diesem historischen Gewaltverbrechen zu konfrontieren. Mit der Figur des überlebenden Jungen Viljar setzt Paul Greengrass außerdem ein Statement für eine demokratische Menschengemeinschaft, die nicht geprägt ist von Hass und Gewalt. Viljar - fünf Schüsse hatten ihn getroffen, ein Auge wurde ausgeschossen, er hat schwer nur das Gehen wieder gelernt.

Viljar kämpft gegen die Angst, seinem Fast-Mörder im Gerichtsaal gegenüber zu sitzen. Der junge Mann sagt dann tatsächlich vor Gericht aus. Das ist eine erschütternde und wichtige Szene. Was bleibt ist jedoch die Frage, wie ein Spielfilm überhaupt einen terroristischen Anschlag, die Gewalt, die Brutalität, den Schrecken und seine Folgen darstellen kann. Nicht nur beim gescheiterten Erik Poppe, auch bei Paul Greengrass bleibt die Frage: Kann das überhaupt funktionieren?

"22. Juli"

Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Norwegen, Island, Vereinigte Staaten
Zusatzinfo:
Mit: Anders Danielsen Lie, Jon Øigarden, Jonas Strand Gravli
Regie:
Paul Greengras

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 11.10.2018 | 07:20 Uhr

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