Alexander Khuon als Michael und Anna Brüggemann als Dina in einer Szene des Films "Nö" © FILMWELT/dpa

"Nö": Film verbindet Ängste und Traumata auf amüsante Art

Stand: 30.09.2021 18:05 Uhr

Der Film "Nö" erzählt mit Humor vom Auf und Ab einer modernen Beziehung. Regisseur Dietrich Brüggemann mischt dabei reale und surreale Elemente.

Dietrich Brüggemann ist einer, der sich gerne mal in die Nesseln setzt. Zuletzt als Mitinitiator der umstrittenen Protest-Aktion #allesdichtmachen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen. Seine Filme aber werden durch Brüggemanns widerspenstige Art interessant. So zum Beispiel der Zeitschleifen-Tatort "Murot und das Murmeltier" oder der Stuttgarter Fall "Stau", bei dem die Kommissare 90 Minuten lang in stehendem Verkehr ermittelten. Wenn nun eine Beziehungskomödie von Dietrich Brüggemann in die Kinos kommt, sollte man mit allem rechnen, nur nicht mit einem konventionellen Film.

Brüggemann beherrscht die Kunst des Auslassens

Wenn Dietrich Brüggemann etwas beherrscht, dann die Kunst der Auslassung: "Nö" besteht aus 15 Szenen aus dem Leben eines glücklichen Paares. Mal vergehen dazwischen zwei Wochen, mal mehrere Monate oder Jahre. So erfährt man im Zeitraffer, wie sich die Dinge zwischen Dina und Michael entwickeln. Sie ist Schauspielerin, er Arzt. Zu Beginn des Films sind sie seit fünf Jahren zusammen. Und die komischste Szene von allen ist gleich die erste: ein Bettgeflüster, bei dem sich die zwei in schönster Eintracht und zärtlichster Stimmlage Folgendes sagen:

"Woran denkst Du? - Ich denk manchmal, wir sollten uns trennen. Also nur ab und zu, ganz selten. - Was? - Ja, ich denk manchmal, wir sollten uns trennen. Denkst Du das nicht auch manchmal? - Nö. - Nicht? - Nein, ich wüsste nicht, warum wir uns jetzt trennen sollten." Ausschnitt aus dem Film "Nö"

Michael - gespielt von Alexander Khuon - ist ein ziemlich typischer Vertreter seiner Generation. Mit Anfang 30 packt ihn die Panik, dass es beziehungstechnisch ernst werden könnte.

"Du willst ein Nest bauen und Familie und sesshaft werden. Ich glaub, ich wäre dem nicht gewachsen. - Doch! Dem wärst Du gewachsen. Dem ist jeder gewachsen. Kinderkriegen ist das einzige, das die Menschheit seit Jahrmillionen zuverlässig hinkriegt. Das macht man, und dann kann man das auch!" Ausschnitt aus dem Film "Nö"

Schon diese unaufgeregte Antwort müsste ihm klar machen, dass er seine Traumfrau gefunden hat. Aber es bleibt da halt bei der Vielfalt heutiger Möglichkeiten immer ein leiser Zweifel. Hätte man doch nochmal was anderes ausprobieren sollen? Das Glück anderswo vielleicht noch vollkommener erleben können?

Anna Brügemann: Protagonistin und Drehbuchautorin

Alexander Khuon als Michael und Anna Brüggemann als Dina in einer Szene des Films "Nö" © FILMWELT/dpa
Alexander Khuon und Anna Brüggemann spielen das Paar Michael und Dina.

Dina wird gespielt von Brüggemanns Schwester Anna. Gemeinsam haben Anna und Dietrich Brüggemann auch das Drehbuch geschrieben. Die beiden lieben es, Figuren hemmungslos quasseln zu lassen. Jakob Matschenz haben sie eine unverschämt böse Hochzeitsrede ins Skript geschrieben, die er aber nicht für Dina und Michael halten darf. Denn die zwei sind ja Zaudernde, die es mit dem Heiraten einfach nicht hinkriegen. Das mit dem Kinderkriegen kriegen sie aber tatsächlich hin.

"Nö": Beziehungsfilm mit abgründigem Humor

In die 15 Szenen mischen sich nach und nach auch surreale Elemente: Da herrscht, als Dina mit dem Baby die Geburtsstation verlässt, plötzlich Krieg auf den Krankenhausgängen. Und Michael muss sich von einem narkotisierten Patienten auf dem OP-Tisch einen Vortrag über seine Vaterrolle anhören. Auch wenn manche Szene etwas zu lang geraten ist oder auch fehl am Platz wirkt, insgesamt werden hier doch auf amüsant versponnene Art Ängste und Traumata thematisiert. Michaels eigener Vater ist, wie man en passant erfährt, als Vorbild ein Total-Ausfall.

"Nö" erzählt mit abgründigem Humor vom Auf und Ab einer modernen Beziehung, die vielleicht glücklich sein könnte. Aber wer weiß schon so genau, wie das Optimum an Glück aussähe? Die Reduzierung auf Ausschnitte ergibt am Ende sogar ein besseres Gesamtbild.

Genre:
Romantische Tragikomödie
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Anna Brüggemann, Alexander Khuon, Hanns Zischler, Petra Schmidt-Schaller, Mark Waschke, Nina Petri
Regie:
Dietrich Brüggemann
Kinostart:
30.9.2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 27.09.2021 | 06:55 Uhr

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