Stand: 01.07.2020 19:18 Uhr  - NDR Kultur

Neu im Kino: Petzolds moderne "Undine"-Sage

Undine
, Regie: Christian Petzold
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf der vergangenen Berlinale lief Christian Petzolds Film "Undine" im Wettbewerb. Seine Hauptdarstellerin Paula Beer gewann für diesen Film, der eigentlich im Frühjahr hätte ins Kino kommen sollen, den Silbernen Bären der besten Darstellerin. Und nun kommt der Film endlich ins Kino.

"Wenn Du mich verlässt, muss ich dich töten." Meint sie diesen Satz so ernst, wie sie ihn sagt? Gerade hat Undines Freund ihr eröffnet, dass er sie verlassen werde. Die beiden sitzen zusammen in einem Gartencafé in Berlin-Mitte. Zwei junge, modern gekleidete Menschen. Und doch scheint in diesem Moment vieles auf spannungsvolle Weise zusammenzukommen: Mythen, uralte Legenden und ganz und gar gegenwärtige Liebes- und Lebensformen.

Trailer: "Undine" von Christian Petzold

Der Berlinale-Wettbewerbsfilm "Undine" mit Paula Beer und Franz Rogowski ist Liebesfilm, Drama und Märchen zugleich. Beer erhielt dafür den Silbernen Bären als Beste Schauspielerin.

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Undine Wibeau, die Heldin von Christian Petzolds neuem Film, ist promovierte Historikerin und arbeitet in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Hier führt sie Touristen durch die Geschichte von Berlin, erklärt die Architektur, Topographie  und Entwicklung der Stadt anhand eines großen Modells. Sie führt den Wandel der Metropole vor Augen, die Kräfte, die ihre Veränderung vorantrieben. Eine Stadt als Ergebnis kriegerischer, strategischer und kapitalistischer Bewegungen.

Eine romantische Liebesgeschichte

Paula Beer verströmt als Undine die ruhige Entschlossenheit einer Figur, die mehr ist als ein Wesen der Gegenwart. Diese junge Frau scheint aus den Tiefen der Geschichte, der Kultur, des Märchens, der Legende zu kommen. In Petzolds Film will Undine, der weibliche Wassergeist, aus dem Mythos ausbrechen, aus dieser uralten Geschichte, die ihr Rache vorschreibt. Rache aus verletzter Liebe, Rache für die Treulosigkeit des Mannes.

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Franz Rogowski und Paula Beer spielen das Traumpaar in dem modernen Märchen.

Undine will lieben, statt Rache zu nehmen. Sie verliebt sich in den Industrietaucher Christoph, gespielt von Franz Rogowski. Es beginnt eine romantische Liebesgeschichte. Unbeschwert, sommerlich, frei. Zwei Menschen entdecken einander. Christian Petzold erzählt diese Liebe in lichten, bestechend genau kadrierten Bildern. Er macht das Wasser zum Leit- und Begleitmotiv des Paares. Er führt uns in einen Stausee, in dem die beiden in grünliche Tiefen tauchen, er erschafft verwunschene Wasserbilder zwischen Traum, Märchen und Natur. Er erschafft einen Bilderraum für die Gefühle.

Alles ist im Fluss

In Petzolds Liebesfilm, der alles verflüssigt, der uns oft Gesehenes und vielfach Erzähltes neu entdecken lässt, sehen wir auch die Stadt Berlin noch einmal anders. Nicht als urbane Gegebenheit, nicht als Behauptung in Stein, nicht als Ansammlung von baulichen Schauwerten. Nein, in diesem Film erscheint die Stadt plötzlich als etwas Gewordenes, sich Veränderndes. Als das Ergebnis der historischen, kulturellen, ökonomischen Kräfte, von denen Undine bei ihrer Arbeit als Historikerin erzählt. Wieviele Liebende mögen schon auf den Berliner Alleen flaniert sein, die auf dem Stadtmodell zu sehen sind? Alles ist im Fluss. Auch die Liebe, die plötzlich zum Opfer ihrer Unbedingtheit wird.

Kampf gegen den Sog des Mythos

Selten hat man einen Film gesehen, in dem die Liebenden so frei und unbeschwert wirken und dann auch wieder so ernst - von Kräften bewegt, die sich ihrem Einfluss entziehen. Petzolds Figuren werden sich ihren eigenen Weg durch den Mythos suchen. Sie sind zugleich uralt und gegenwärtig, mythisch und modern. "Undine" ist ein Film, in dem die Liebe gegen den Sog des Mythos kämpft und zugleich von ihm getragen wird.

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Undine

Genre:
Drama/Liebesfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree.
Regie:
Christian Petzold
Länge:
89 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
2. Juli 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 02.07.2020 | 07:20 Uhr

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