Stand: 29.01.2020 19:53 Uhr

Berlinale setzt Alfred-Bauer-Preis aus

Alfred Bauer und Schauspielerin Gina Lollobrigida prosten sich mit einem Sektglas zu © picture-alliance Foto: Konrad Giehr
Afred Bauer, hier mit der Schauspielerin Gina Lollobrigida, war der erste Direktor der Berlinale.

Nach einem Zeitungsbericht über die Vergangenheit des früheren Berlinale-Leiters Alfred Bauer will das Filmfestival den nach ihm benannten Preis nicht mehr vergeben. Die Wochenzeitung "Die Zeit" hatte zuvor berichtet, Bauer sei ein "hochrangiger Funktionär der NS-Filmbürokratie" gewesen. In dem Artikel würden Quellen zitiert, die die Rolle von Bauer in der nationalsozialistischen Filmpolitik neu beleuchten, teilten die Internationalen Filmfestspiele am Mittwochabend mit. Die Interpretation dieser Quellen lege nahe, dass er bedeutende Positionen in der NS-Zeit inne gehabt habe. "Angesichts dieser neuen Erkenntnisse wird die Berlinale den 'Silberner Bär Alfred Bauer Preis" aussetzen", teilte eine Berlinale-Sprecherin mit. Eine herausgehobene Position Bauers im Nationalsozialismus sei dem Festival bislang nicht bekannt gewesen. "Wir begrüßen die Recherche und die Veröffentlichung und greifen die neue Informationslage auf, um die Festivalgeschichte mit externer fachwissenschaftlicher Unterstützung aufzuarbeiten." Bauer hatte die Filmfestspiele in Berlin von 1951 bis 1976 geleitet. Der nach ihm benannte Preis wurde seit 1987 verliehen. Katja Nicodemus, Redakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", hat vor der Entscheidung der Berlinale bei NDR Kultur Bauers Vergangenheit beleuchtet.

Frau Nicodemus, was können Sie uns über die Vorwürfe zu Alfred Bauers Nazi-Vergangenheit sagen?

Katja Nicodemus: Wir, das Feuilleton der Wochenzeitung "Die Zeit", wurden durch einen Hobby-Filmwissenschaftler auf Alfred Bauers Verstrickung in die nationalsozialistische Filmbürokratie hingewiesen. Er hat das vorrecherchiert, und wir haben das mit ihm abgecheckt, ein bisschen vertieft, aber letztlich sind wir seiner Recherche gefolgt. Aus dieser Recherche geht hervor, dass Alfred Bauer an zentraler Stelle in der Reichsfilmintendanz gearbeitet hat. Er war dort Referent und hatte eine organisatorisch bedeutende Funktion inne. Die Reichsfilmintendanz war das zentrale Steuerungsorgan der nationalsozialistischen Filmpolitik, 1942 von Joseph Goebbels eingesetzt. Erst war sie der UFA unterstellt, dann unabhängig. In der Reichsfilmintendanz kontrollierte und überwachte Alfred Bauer als Referent die personelle Seite der gesamten Spielfilmproduktion des Dritten Reichs. Er überwachte, wo welche Schauspieler und Schauspielerinnen eingesetzt wurden, welche Regisseure und welche Kameramänner tätig wurden. Er erfasste und bündelte die Produktionsmeldungen der gesamten Filmfirmen, die man so kennt: Bavaria, UFA, Prag-Film. Natürlich waren diese Berichte eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die gesamte Filmwirtschaft unter Kriegsbedingungen. Er war auch damit befasst, zu entscheiden, welche Filmschaffende in den Kriegsdienst oder in die Rüstungsindustrie mussten und wer freigestellt wurde.

Er war SA-Mitglied und NSDAP-Mitglied, was er später abgestritten hat. Warum ist diese Geschichte bis heute nicht ans Tageslicht gekommen?

Nicodemus: Er war auch Mitglied in diversen anderen nationalsozialistischen Organisationen, zum Beispiel im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Warum ist das nicht herausgekommen? Einerseits hat Alfred Bauer bei seinem Entnazifizierungsverfahren systematisch verschleiert und gelogen. Das kann man sehr gut in Protokollen des Berliner Landesarchivs, wo alles festgehalten ist, nachverfolgen. Er hat die NSDAP- und die SA-Mitgliedschaft erst geleugnet - und erst dann zugegeben, wenn ihm etwas vorgehalten wurde. Er hat zum Beispiel auch bestritten, dass er in der Reichsfilmintendanz gearbeitet hat, und es gelang ihm bis zum Schluss, das zu verschleiern.

Er bekam ein Berufsverbot im Dezember 1945, insgesamt für zwei Jahre. Aber dann hat er fleißig Persilscheine gesammelt von Menschen, die ihm bescheinigt haben, er hätte immer eine innere antifaschistische Haltung gehabt. Außerdem lagen den Entnazifizierungskommissionen nicht immer alle Dokumente vor, offenbar auch nicht das, was wir jetzt im Bundesarchiv gefunden haben, sondern die mussten oft auf Aussagen und auf vorliegenden Dokumenten beruhend entscheiden. Und da konnte jemand, der sich geschickt zu präsentieren wusste - wie Alfred Bauer - ganz gut punkten. Irgendwann wurde er entnazifiziert und in die Filmpolitik der geteilten Stadt Berlin hineingespült.

Was bedeutet das für die Berlinale?

Nicodemus: Die Berlinale muss sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und beleuchten, wie das so lange im Dunkeln bleiben konnte. Da geht es gar nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, aber warum hat zum Beispiel die Filmwissenschaft nicht genauer hingeschaut? Warum wurde zu den großen Jubiläen nicht besser recherchiert? Der eigentliche Täter oder Lügner Alfred Bauer ist nun mal tot - jetzt geht es darum, diesen Prozess zu verstehen.

Das Interview führte Raliza Nikolov

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.01.2020 | 15:40 Uhr

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