Stand: 06.06.2018 21:46 Uhr

"Unterwerfung": Von der Bühne ins Fernsehen

Unterwerfung
, Regie: Titus Selge
Vorgestellt von Lennart Herberhold

Was passiert, wenn ein westeuropäisches Land sich freiwillig dem Islam unterwirft? Davon erzählt der Bestseller "Unterwerfung" des Skandalautors Michel Houellebecq. Vor gut drei Jahren erschien der Roman und sorgte für Gesprächsstoff. Karin Beier hat den Stoff am Schauspielhaus in Hamburg sehr erfolgreich auf die Bühne gebracht, in der Hauptrolle brilliert Edgar Selge. Noch bis zum 13. Juni ist der Film auf daserste.de als Stream abrufbar: eine gekonnte Mischung aus Bühnenmomenten und nachgedrehten Spielszenen.

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Edgar Selge spielt die Hauptrolle in "Unterwerfung" - im Theaterstück und im Fernsehfilm.

Francois (Edgar Selge) hat Sex mit seinen Studentinnen. Doch der alte Schwung ist hin. Der Literaturprofessor lebt in Michel Houellebecqs "Unterwerfung" in einem Frankreich der nahen Zukunft. Es steht exemplarisch für eine westliche Gesellschaft, die ihre besten Zeiten hinter sich hat: angeödet von der Politik, müde, konsumorientiert. Gelangweilt überlegt er, mit seiner Freundin Sushi essen zu gehen: "Natürlich hatte sie Lust, auf Sushi haben die Leute immer Lust", erzählt Francois angenervt auf der Bühne. Zum Lachen? Schauspieler Edgar Selge findet es eher zum Heulen: "Ich fühle Konsumismus. Leistungsgesellschaft. Anstrengung."

Ein Muslim regiert Frankreich

Doch dann passiert's: Das politisch zerrüttete Frankreich bekommt einen neuen Präsidenten - einen Muslim. Francois erklärt das so: "Der legte Wert darauf, moderate Positionen zu vertreten, beispielsweise in der Palästinenserfrage!" Aber Frankreich wird islamisch. Staatsbeamte müssen konvertieren, die Unis werden religiös.

Der schillernde Film "Unterwerfung" passt zu Deutschland

Stoßen diese Inszenierung und dieser Film ins Horn der AfD? Edgar Selge glaubt das nicht: "Aber er stößt in die Wirklichkeit." Die Phobien seien von links bis rechts da. "Es gibt sehr viele Menschen, die sich über jeden Migranten freuen, der kommt. Auch ich finde es richtig, dass Flüchtlinge hier ihre Heimat - oder hier Hilfe suchen." Aber was die Emanzipation betreffe, einer der großen Menschheitsschritte, die wir gemacht hätten, sagt Edgar Selge, sehe er die Gefahr "durch ein ganz anderes Frauenbild, das mit vielen Migranten zu uns rüberkommt." Ja, es gibt Migranten mit einem patriarchalen Frauenbild. Und das ist ein Problem. Aber gefährdet es die Emanzipation an sich? Die westlichen Gesellschaften sind verunsichert und verwirrt, deshalb passt der schillernde Film "Unterwerfung" auch zu Deutschland: Gerade erst gab es eine große AfD-Demo für sogenannte deutsche Werte - und noch mehr Demonstranten dagegen.

Welche Rolle spielt die Religion noch?

Deutsche Muslime, die Juden hassen. Und ein Ministerpräsident, der mit dem Kreuz Wahlkampf macht. Was sind die "Fundamente der Gesellschaft"? Auch "Unterwerfung" fragt danach, welche Rolle die Religion bei uns noch spielt. Francois merkt, dass er religiös heimatlos ist. Während Frankreich islamisiert wird, geht Francois probehalber ins Kloster. Er merkt: Unser Hedonismus geht nicht zusammen mit religiösem Verzicht. "Durch die Migration kommen Religionen zu uns", sagt Selge. "Aus allen Teilen der Welt, ganz verschiedene. Und diese starke Religiosität der Migranten, für die das die Heimat ist - die stoßen damit natürlich bei uns das Vakuum auf."

Unterwerfung als Gipfel des Glücks

Religion ist in "Unterwerfung" privat und politisch: Francois verliert seine Professur, weil er kein Moslem ist. Er ist einsam. Wie wäre es, wenn auch er konvertiert? Er müsste nicht mal auf Alkohol verzichten.

Der frisch konvertierte Präsident der Universität hat eine Villa, drei Frauen, die Francois nicht zu höflich behandeln soll. Und eine verlockende Botschaft für den Noch-nicht-Muslim Francois. "Es ist die Unterwerfung. Der noch nie zuvor zum Ausdruck gebrachte, zugleich einfache und grandiose Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht", so Francois.

Anti-muslimische Propaganda?

"Islam" heißt "Unterwerfung". Auch hier ist der Film zweideutig. Er zeigt den Islam als absolute, trostverheißende Religion. Und er zeigt ihn politisch, als Führerstaat - von dem unsere verunsicherte Gesellschaft heimlich träumt. Man kann sich aussuchen, welche Interpretation man für zutreffend hält. "Unterwerfung" provoziert. Ist der Film anti-muslimische Propaganda? Nur, wenn man die Vieldeutigkeit und die Ironie ausblendet.

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Genre:
Spielfilm
Produktionsjahr:
2018
Regie:
Titus Selge
Länge:
90 Min.
FSK:
12

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 28.05.2018 | 22:45 Uhr

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