Michael Degen ist tot: Grandseigneur des deutschen Schauspiels

Stand: 13.04.2022 10:37 Uhr

Michael Degen war ein Zeitzeuge des Holocausts, ein Mahner, aber vor allem auch ein wunderbarer Schauspieler. Am Sonnabend ist er 90-jährig gestorben. Der Bundesverband Schauspiel will Michael Degen posthum mit einem Ehrenpreis auszeichnen.

Schauspieler Michael Degen ist im Alter von 90 Jahren gestorben © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt Foto: Hendrik Schmidt
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von Daniel Kaiser / Jens Büchsenmann

Der gebürtige Chemnitzer spielte in zahlreichen Produktionen an deutschen und österreichischen Bühnen und war auch dem Fernsehpublikum wohl bekannt. Degen wirkte immer wieder in Krimi-Serien wie "Derrick" oder "Der Alte" mit, er war in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen zu sehen und in Donna Leons "Commissario Brunetti"-Geschichten. In seinen Rollen lotete der Schauspieler aber oft auch das Dramatische aus. Er spielte Hamlet, Hitler, Holocaust-Überlebende - Degen war ein Grandseigneur des deutschen Schauspiels.

Degen lebte zuletzt in Hamburg

Michael Degen lebte zuletzt mit seiner dritten Frau in Hamburg. Vier Kinder hatte er aus den vorangegangenen Ehen, wobei er sich erst spät einer Verantwortung stellte, die er als vielbeschäftigter Schauspieler nicht immer wahrnehmen konnte. "Ich war zu viel von zu Hause weg - das hat mir auch mein Sohn, mein jüngstes Kind vorgeworfen", sagte Degen. "Mit all den Vorwürfen, die er gegen mich losließ, musste ich klarkommen."

"Familienbande": Drama des ungeliebten Sohnes literarisch verarbeitet

Die Vorwürfe ließen ihn nicht los. Schon lange beschäftigte er sich mit Thomas Mann. In einer "Buddenbrooks"-Verfilmung hatte Degen einst den Bendix Grünlich gespielt. Jahre später setzte der Schauspieler das Leben von Michael Mann, dem jüngsten Sohn von Thomas Mann, als Roman um. In seinem Buch "Familienbande" fand er 2011 eine eigene Sprache für das Drama des ungeliebten Sohns. Den strengen Vater und Patriarchen nannten die Kinder Pielein.

"Pielein ließ sich auf dem Stuhl nieder und betrachtete seinen Jüngsten ohne Sympathie. Seine sonst so kühlen grauen Augen hatten eine dunkle Färbung angenommen, und seine Finger zupften an seinem makellos gepflegten Schnurrbart." Auszug aus "Familienbande"

"Nicht alle waren Mörder": Degen verarbeitete eigene Kindheit im Buch

Als Kind überlebte Michael Degen den Holocaust in Berliner Verstecken. Seine Kindheit war von der Verfolgung, dem Leben im Untergrund und der späteren Emigration nach Israel geprägt. "Ich war ein Kind. Mein Vater war seit zwei Jahren tot, ist im KZ gestorben - so blieben meine Mutter und ich allein", erinnerte sich der Schauspieler einst in einer Fernseh-Talkshow. "Irgendwie haben wir es dann geschafft. Wir hatten Freunde und Bekannte, die uns in Lauben untergebracht haben. Wir hatten wenig zu essen, haben im Winter gefroren, aber wir lebten." Im Buch "Nicht alle waren Mörder", das später auch für die ARD verfilmt wurde, schilderte er seine Kindheit in Berlin.

Der "selbstbewusste Allrounder" arbeitete mit Ingmar Bergman und Claude Chabrol

Michael Degen in der Rolle des Vice-Questore Patta in der Donna-Leon-Serie der ARD. © rbb/ARD Degeto/Martin Menke
Michael Degen in der Rolle des Vice-Questore Patta in einer Donna-Leon-Verfilmung der ARD.

Für Michael Degen waren diese Erinnerungen ein Bewusstseinsprozess - wohlgemerkt erst nach der künstlerischen Verarbeitung - nachdem sie als Buch und als Film ihre Wirkung gezeigt hatten. "Damals wurde mir erst bewusst, wie ich bis dahin gelebt hatte, aber erst nach dem Buch, nicht nachdem was ich als junger Mensch erlebt hatte."

Degen hatte da schon als Soldat in Israel gedient und in Tel Aviv Theater gespielt. Aus Liebe zur Muttersprache zog es ihn zurück nach Deutschland. Er spielte in München, Salzburg und Hamburg, arbeitete mit Regisseuren wie Bergman, Tabori, Nolte und Chabrol. Man nannte ihn da schon einen "selbstbewussten Allrounder". Das passte auch zu seinen Rollen im Fernsehen - etwa in "Geschwister Oppermann", "Diese Drombuschs" oder in den Donna-Leon-Krimis, wo er den überforderten Chef von Commissario Brunetti spielte.

Charlotte Knobloch erinnert an Degens Rolle als Zeitzeuge der NS-Zeit

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, twitterte als erste Reaktion am Dienstag: "Ich bin sehr traurig. Mit Michael Degen verlieren wir einen großartigen Schauspieler, einen feinen Menschen und schließlich auch einen weiteren wichtigen Zeitzeugen der NS-Zeit." Degens Buch mit seinen Erinnerungen zählte "zu den wichtigsten autobiografischen Schilderungen eines Überlebens in Deutschland", so Knobloch weiter.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth: "Sein Tod ist ein großer Verlust"

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erklärte, Degen sei ein tiefgründiger und vielseitiger Schauspieler gewesen, der auf den großen Bühnen und der Leinwand gleichermaßen zu Hause war: "Wir verlieren einen herausragenden Künstler und einen beeindruckenden Menschen. Sein Tod ist ein großer Verlust."

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD) reagierte auf Twitter mit den Worten, Michael Degen habe Bühne und Film geprägt: "Trotz des Leids, das die Nazis seiner Familie angetan haben, hat der deutsch-israelische Schauspieler hier eine feste Heimat gefunden. Auch dank der Liebe zur deutschen Sprache. Hamburg trauert um einen starken Charakter."

Posthume Ehrung für Lebenswerk

Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) will Michael Degen auch nach seinem Tod mit einem Ehrenpreis auszeichnen. Degens Leben und Werk stünden "einzigartig und exemplarisch in unserer Theater-, Film- und Fernsehlandschaft", teilte der Verband mit. Als Schauspieler habe Degen über eine enorme Bandbreite verfügt, als Kollege sei er zutiefst respektiert und geliebt worden. Vor einigen Wochen habe der Vorstand beschlossen, ihn mit dem Ehrenpreis beim Deutschen Schauspielpreis im September auszuzeichnen. Der Bundesverband bleibe bei dieser Entscheidung und wolle den Preis nun posthum an den verstorbenen Kollegen verleihen.

Michael Degen auch im Hörspiel aktiv

Der Schauspieler war auch in vielen Hörspiel- und Hörbuch-Studios zu Gast. So lieh er zahlreichen Büchern seine Stimme, wie Louis Begleys "Venedig". NDR Kultur sendet am Osterwochenende das zweiteilige Hörspiel "Jerschalaim Jerusalem" aus dem Jahr 1991 mit Michael Degen als Erzähler.

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Das Gemälde "Ecce Homo" von Antonio Ciseri (1821-1891). Zu sehen ist Pontius Pilatus, der Jesus der Menge präsentiert. © picture-alliance / AKG Foto: Antonio Ciseri
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.04.2022 | 14:40 Uhr

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