Stand: 24.01.2020 09:56 Uhr

"Marriage Story": Zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung

von Katja Nicodemus

Auf den Filmfestspielen von Venedig wurde Noah Baumbachs "Marriage Story" gefeiert. Nach der amerikanischen Premiere wurde er mit Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" verglichen, manche Kritiker sprachen von einer neuen, epochalen Version des Films "Kramer gegen Kramer". Bei den Golden Globes 2020 wurde Laura Dern als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Für die Oscars ist "Marriage Story" als bester Film und in fünf weiteren Kategorien nominiert.

Es ist nicht einfach eine Liebeserklärung. Es ist eine aus tiefstem Herzen kommende Bekundung inniger Verbundenheit, ein Ausdruck des Respekts und der Begeisterung für die andere - und für den anderen. Diese zugeneigten Worte, es hilft ja nichts, man muss es sagen, entstammen zwei Briefen, geschrieben auf Aufforderung einer Paartherapeutin.

Die Therapie soll einer Trennung helfen, nicht allzu dramatisch zu verlaufen. Das Schöne, Absurde, Traurige, Bewegende ist: Zum Teil gleichen sich die Eigenschaften, die Nicole und Charlie beim anderen mögen und schätzen bis auf die Details der Formulierung.

Scarlett Johansson und Adam Driver spielen Ehepaar

Nicole und Charlie, gespielt von Scarlett Johansson und Adam Driver, leben in New York. Er ist erfolgreicher Regisseur und Autor einer Off-Theatertruppe, sie ist eine begabte Schauspielerin, die ausschließlich in seinen Inszenierungen auftrat und sich nun um den gemeinsamen achtjährigen Sohn kümmert. Mehr als zwei Stunden lang erzählt der Film "Marriage Story" die Trennung dieses Paares, das eigentlich alles hat, um glücklich zu sein und zu bleiben.

Doch trennt die beiden etwas ganz Banales: Charlie ist New Yorker aus tiefster Seele. Er liebt diese Stadt und möchte nirgendwo anders als in Brooklyn leben. Nicole wiederum kommt aus Los Angeles und ist tief verwurzelt in der dortigen Lebensart und Landschaft.

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Als sie in den Ferien ihre Mutter besucht, bleibt sie mit dem gemeinsamen Sohn in Kalifornien. Was ist geschehen? Sie fühlt sich einfach zu Hause in dieser Stadt, in der die Männer ganz andere Kleider tragen als die, die ihr an Charlie, dem New Yorker Kosmopoliten, gefallen.

Was Noah Baumbachs Film nach und nach zeigt, ist ein Ungleichgewicht, das die Beziehung ausgehöhlt hat: Nicole war die Muse und Darstellerin ihres Mannes, des Regiestars. Sie hat ihre Stadt für seine aufgegeben. Sie hat sich seinen Ambitionen, seiner Begeisterung untergeordnet. Kurz: Sie hat aufgehört, über das nachzudenken, was sie im Leben will. Jetzt will sie die Trennung.

"Marriage Story": Scheidung wird zur Schlammschlacht

Man redet, streitet, zieht eine Anwältin und einen Anwalt hinzu. Es kommt zu einer Schlammschlacht, die keiner will, die aber in einem Land, in dem Scheidung eine juristische Industrie ist, kaum vermeidbar scheint.

Und wir? Wir zittern, weinen, leiden, fürchten, trauern mit Nicole und Charlie, die von Johansson und Driver unfassbar nuanciert und mitreißend gespielt werden. Stets bleibt Noah Baumbach, bleibt das Drehbuch, bleibt der Film unparteiisch. Stets wahrt er die Balance, die aus der anfänglichen Montage der beiden Liebesbriefe spricht. 

Es gibt keine Guten und keine Bösen in Noah Baumbachs fantastisch geschriebenem Drehbuch. Unsere Sympathien sind mal auf der Seite von Nicole, dann wieder bei Charlie. Wir erleben beider Ratlosigkeit und Verzweiflung und hoffen nur eines: Dass sie irgendwie heil aus dem Alptraum herauskommen, zu dem ihre Trennung geworden ist.

"Marriage Story" ist ein Liebesfilm, erzählt durch eine Trennung und Scheidung. Er behandelt das Mysterium, das jedes Paar darstellt. Er stellt die große Frage nach dem, was man im anderen sucht und irgendwann vielleicht nicht mehr findet. Er beleuchtet die Liebe, ein Gefühl, das irgendwann kommt, geht und manchmal auf andere Weise bleiben kann. Von dieser schmerzhaften, faszinierenden Verwandlung erzählt der Film.

Marriage Story

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Adam Driver, Scarlett Johansson, Laura Dern
Regie:
Noah Baumbach
Länge:
136 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
21. November 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 21.11.2019 | 07:20 Uhr

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