Stand: 25.04.2018 16:56 Uhr

"Eldorado" - persönliche Doku über Flucht

Eldorado
, Regie: Markus Imhoof
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Vor sechs Jahren wurde "More than Honey", ein Dokumentarfilm über das Aussterben der Honigbiene, zu einem Publikumserfolg - auch in Deutschland. Nun hat der Regisseur Markus Imhoof einen neuen Dokumentarfilm gedreht, der bereits auf der Berlinale gefeiert wurde: "Eldorado". Der Film ist bewegend und erhellend - weil er das große Gegenwartsthema Flucht in eine eigene, persönliche, spannungsvolle Erzählung überführt. Imhoofs Film handelt zunächst von einem einschneidenden Erlebnis in der Kindheit des Regisseurs. Der Schweizer erzählt davon mit eigener Stimme: von der Begegnung mit einem Flüchtlingskind zu Beginn des Jahres 1945.

Aufnahme eines italienischen Flüchtlingsmädchens

Die aus kindlicher Perspektive geschilderte Situation beruht auf einem "Kuhhandel" - einem brutal-pragmatischen Deal, den die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges mit dem faschistischen Italien schloss: In die Schweiz geflüchtete Juden, die Papiere für die Emigration in die USA erlangt hatten, konnten nur über italienische Häfen ausreisen. Für jeden Juden, den die Italiener durchließen, musste die Schweiz drei unterernährte italienische Kinder aufnehmen. So kam Anfang 1945 die achtjährige Giovanna in die Familie des Regisseurs Markus Imhoof. In der Schweiz wurde das Mädchen aufgepäppelt. Dennoch starb Giovanna einige Jahre später an den Folgen der Unterernährung. 70 Jahre später wird die Begegnung mit der kleinen Italienerin zum Ausgangspunkt eines Films.

Der sensible Blick des großen Filmemachers

In "Eldorado" macht sich Imhoof auf die Suche nach den Giovannas von heute. Er findet sie dort, wo so viele Nachrichtenbilder entstehen: auf dem Meer vor Italien. Hier, wo ein Schiff der italienischen Marine im Zuge der Aktion "Mare Nostrum" Tausende von Menschen aus dem Meer rettet. In den Bildern vom Aufnehmen, Versorgen, Registrieren der Geflüchteten erkennt man den sensiblen, mitfühlenden Blick eines großen Dokumentarfilmers. Etwa, wenn die Schiffbrüchigen auf Aufzugsrampen, die normalerweise Düsenjäger befördern, vom Schiffsbauch nach oben bewegt werden. Immer wieder sucht Imhoofs Kamera den Einzelnen, die kleine Geste, die individuelle Szene, die dem Gefilmten ihre Würde lässt. Etwa, wenn sich eine Frau bekreuzigt, bevor sie den Alubehälter mit den Nudeln entgegennimmt.

Verknüpfung mit der eigenen Biografie

"Eldorado" verbindet zwei Erzählstränge. Zum einen begibt sich Imhoof auf eine Reise, die entlang der Stationen der Geflüchteten führt: vom Schiff an Land. Von der Registrierung zum Auffanglager. Zum anderen blickt der Regisseur immer wieder zurück in die eigene Vergangenheit. Briefe, Kinderzeichnungen, Schwarz-Weiß-Fotos führen uns in die Welt des kleinen Markus, der durch die Begegnung mit Giovanna entscheidende Erkenntnisse gewinnt.

Kein wohlfeiles Moralisieren

Markus Imhoof geht es nicht ums wohlfeile Moralisieren: Er zeigt historische und ökonomische Zusammenhänge, Strukturen. Er folgt den abgelehnten Geflüchteten in die Illegalität. Das heißt: in die süditalienischen Slums. Hier werden die Frauen von der Mafia zur Prostitution gezwungen. Die Männer arbeiten zwölf Stunden am Tag auf Tomatenplantagen, für drei Euro die Stunde, die oft nicht ausgezahlt werden. Ein Menschenrechtsaktivist schildert, was geschieht.

Den Einzelnen sehen

Kann das Kino die Welt verändern? Wohl kaum. Aber unseren Blick auf die Welt. Auf billige Dosentomaten, die wir vielleicht nicht mehr so selbstverständlich kaufen. Auf Nachrichtenbilder, die den einzelnen Menschen zur Masse machen. Wenn dieser Film etwas zeigt, dann dies: Dass es darum geht, die Einzelnen zu sehen. Und die Strukturen zu verstehen, die aus ihnen eine Masse machen.

Eldorado

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Schweiz, Deutschland
Regie:
Markus Imhoof
Länge:
92 min
FSK:
ab 6
Kinostart:
26. April 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 26.04.2018 | 07:20 Uhr

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