Amanda Seyfried als Marion Davies (von links), Gary Oldman als Herman Mankiewicz und Jamie McShane als Shelly Metcalf in einer Film-im-Film-Szene von "Mank" von David Fincher © Netflix

"Mank" - Finchers Reflektion über Hollywoods Goldene Ära

Stand: 18.03.2021 14:48 Uhr

David Fincher Netflix-Produktion "Mank" dreht sich um die Frage, wer das Drehbuch zu "Citizen Kane" schrieb. Der Film ist bei den Oscars 2021 als bester Film und in neun weiteren Kategorien nominiert.

von Hartwig Tegeler

Orson Welles' Film "Citizen Kane" aus dem Jahr 1941 gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. David Fincher geht im Netflix-Film "Mank" der Frage nach, wer dessen wahrer Drehbuchautor war. Orson Welles war Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller. Und das Drehbuch? Hat Welles es auch geschrieben? Oder stammte das Originaldrehbuch nicht vielmehr von Herman J. Mankiewicz?

"Mank" klärt Drehbuch-Frage über "Citizen Kane"

Tom Burke spielt Orson Welles mit Hut - Szene aus dem Spielfilm "Mank" von David Fincher © Netflix
Der Brite Tom Burke spielt in Finchers Film "Mank" das Filmgenie Orson Welles.

1942 jedenfalls bekamen Orson Welles und sein Drehbuchautor Mankiewicz gemeinsam den Oscar. "Fight Club"- und "The Social Network"-Regisseur David Fincher hat jetzt einen Film "Mank" darüber gedreht - mit dem Spitznamen für Mankiewicz als Titel und mit Gary Oldman in der Hauptrolle. "Mank" klärt auf den ersten Blick die strittige Frage und tut es wiederum auch nicht, weil es in hier um mehr als die Autorenschaft eines Klassikers der Filmgeschichte geht.

Zunächst wird Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman), mit folgendem Hinweis in die Wüste verbannt: "Das ist ein trockenes Haus. Der Eigentümer der Ranch gestattet keinen Alkohol." Mankiewicz, kurz Mank, genialer Drehbuchautor und Säufer, ist nun fernab von Versuchungen. Er soll 1940 das Buch für den neuen Film des Wunderkinds Orson Welles aus New York schreiben.

Mank und Wells unterhalten sich über den Auftrag:

"Mank, Hausman sagt, wir hätten Sie genau da, wo wir sie haben wollen."
"Ich hörte, wir haben 90 Tage."
"Streben wir 60 an."
"Er streicht uns einen Monat."
"Sagen wir 60 Tage, und dann fummeln wir dran rum."
"Es gibt nichts Schöneres, als Fummeln." Dialog aus "Mank"

Viel Vorwissen nötig, um "Mank" zu verstehen

Amanda Seyfried als Marion Davies und Gary Oldman als Herman Mankievicz - Szene aus dem Spielfilm "Mank" von David Fincher © Netflix
Amanda Seyfried spielt die Hollywood-Schauspielerin Marion Davies - Geliebte des Medienmoguls William Randolph Hearst.

Als sein Film "The Irishman" als Netflix-Premiere herauskam, hat Regisseur Martin Scorsese erzählt, dass die Arbeit mit dem produzierenden Streaming-Dienst für ihn vollkommene künstlerische Freiheit bedeutete. Gleiches muss für David Fincher gelten. Anders ist die Entstehung eines Films wie "Mank" nicht vorstellbar, der den Zuschauerinnen und Zuschauern zum Verständnis einiges Vorwissen abverlangt. Mit Blockbuster-Kino hat das nichts zu tun.

Entstehungsgeschichte von "Citizen Kane"

Also: 1940 erhielt Orson Welles nach Theatererfolgen in New York und nach seinem berühmten Hörspiel "Der Krieg der Welten" einen Vertrag mit dem Filmstudio RKO. Der 24-Jährige konnte nun jede Art von Film drehen und sich aussuchen, mit wem er arbeiten wollte. Und er wählte für das Projekt "Cititzen Kane" einen der berüchtigtsten, wie besten Drehbuchautoren Hollywoods, dem wir da am Anfang von Mank mit Gips-Bein im Schreib-Wüsten-Exil begegnen.

"Mank" ist aber kein Film über "Citizen Kane" ist, sondern einer, in dem David Fincher das eigene Handwerk und dessen Mythos reflektiert. Detailverliebt und atmosphärisch dicht entwirft er in körnigen Schwarz-Weiß-Bildern Hollywoods Goldene Ära der 1940er-Jahre, um sofort die Abgründe auszumalen. Auch die zwischen Regisseur Orson Welles und Drehbuchautor:

"Aber Sie, mein Freund, Sie sind ein Außenseiter. Von mir sind alle genervt, und das habe ich verdient. Aber Sie! Ein selbsternanntes Multitalent mit Erlöserkomplex. Diese ganzen Leute warten nur darauf, Sie zu hassen.
"Merken Sie sich das: Ich arbeite nie wieder mit einem abgewrackten Alkoholiker."
"Wird notiert." Dialog aus "Mank"

Gary Oldman spielt Maniewicz - ein Paradiesvogel im Hollywood

In Rückblenden erzählt David Fincher in "Mank" die Geschichte des saufenden, gut bezahlten Autors. Ein Paradiesvogel im Hollywood-System - wie am Hof des Medienmoguls William Randolph Hearst. Hearst wurde Vorlage für Charles Foster Kane in Orson Welles' Film. Der Regisseur Joseph L. Mankiewicz aber kommentiert den Status seines älteren Bruders Herman so: "Du hast dich selbst zum Hofnarren gemacht."

Spannender Neflix-Film mit typischer Fincher-Kälte

Aber war Manks Drehbuch für "Citizen Kane" über die Machenschaften eines autokratischen Machtmenschen die Rache des später Verstoßenen? Oder Prophetie über eine drohende Medienmacht? Denn in der unheiligen Allianz zwischen Hollywood und dem Zeitungsimperium von Hearst entstanden jedenfalls schon damals Fake News für Kino-Wochenschauen, um den linken Kandidaten für die Gouverneurs-Wahl in Kalifornien kleinzuhalten. David Fincher schlägt so geschickt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart - und "Mank" wird zu einem spannenden, allerdings auch, wie nicht selten bei Fincher, kühlen Film. Eine Art Essay über das Filmemachen und über das Verstricktsein des Filmemachers in ein System, das er hasst, das ihn aber wohl nährt. Mank wird mithin im Film zur tragischen Figur, der eine Dekade nach dem Oscar für das Buch zu "Citizen Kane" an seiner Trunksucht verstarb.

"Mank" für zehn Oscars nominiert

"Mank" ist seit dem 4. Dezember auf Netflix zu sehen. Der Film wurde von der Oscar Academy als bester Film und in neun weiteren Kategorien nominiert. Unter anderem sind David Fincher als Regisseur, Gary Oldman als Hauptdarsteller und, Amanda Seyfried als Nebendarstellerin vorgeschlagen. Schon bei den Golden Globes war der Film in sechs Kategorien nominiert, ging jedoch leer aus. Die Oscar-Verleihung findet wegen der Corona-Pandemie erst am 25. April statt. Außerdem soll die Preisverleihung auf mehrere Orten verteilt werden. Ein Teil der Veranstaltung soll aus dem Dolby Theatre in Los Angeles gesendet werden, wo die Oscars seit 2002 normalerweise verliehen werden.

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NDR Kultur | Neue Filme | 02.12.2020 | 06:20 Uhr

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