Stand: 07.02.2020 11:47 Uhr  - NDR Info

"Little Women": Alte Geschichte, modern erzählt

Little Women
, Regie: Greta Gerwig
Vorgestellt von Walli Müller

Es gibt Romane, die sind offenbar so zeitlos, dass sie noch 150 Jahre nach ihrem Erscheinen gerne gelesen und verfilmt werden. Der Familienroman "Little Women", 1868 von der Amerikanerin Louisa May Alcott verfasst, ist solch ein Dauerbrenner. Nachdem schon ein Dutzend Kino- und Fernsehfilme darauf basieren, hat sich nun die US-amerikanische Regisseurin Greta Gerwig der Geschichte von vier Schwestern angenommen. Resultat: sechs Oscar-Nominierungen für ihre Version von "Little Women".

Die Geschichte der Schwestern March spielt in einer Zeit, in der Mädchen nur zwei Optionen haben: heiraten oder ... heiraten. Somit ist Jo, die fantasiebegabte, burschikose Zweitgeborene, mindestens ein Jahrhundert zu früh auf der Welt für ihre Pläne.

"Ich habe vor, meinen eigenen Weg zu gehen."
"Nein, hihihi, nein, niemand geht seinen eigenen Weg. Am allerwenigstens Frauen. Du musst dich gut verheiraten."
"Aber du bist nicht verheiratet, Tante March."
"Ja, Kindchen, ich bin ja auch reich."
"Also kann man als Frau nur unverheiratet bleiben, wenn man reich ist?"
"Du könntest ein Freudenhaus führen oder ans Theater gehen - ist praktisch dasselbe." Originalton "Little Women"

Schwierige Zeit für selbstbewusste Frauen

Von den sarkastischen Spitzen einer alten Tante, mit Rüschenhaube gespielt von Meryl Streep, lässt Jo sich nicht ausbremsen. Sie ist zusammen mit ihren drei Schwestern auf dem Land in Massachusetts aufgewachsen - behütet, aber nicht sehr begütert.

Von Kindheit an schreibt sie Theaterstücke, die sie zusammen mit den Schwestern und dem Nachbarjungen Laurie zur Aufführung bringt. Sie weiß, sie will Schriftstellerin werden. Ihre ältere Schwester Meg hat konventionellere Vorstellungen vom Erwachsenwerden.

Der unterhaltsame Roman vom Heranwachsen junger Frauen im 19. Jahrhundert wurde fürs Kino zuletzt 1994 verfilmt - als "Betty und ihre Schwestern". Damals waren die Hauptrollen mit aufstrebenden Jung-Stars wie Winona Ryder und Christian Bale besetzt.

Ein alter Stoff wird modern erzählt

Heute sind die Namen ähnlich prominent: Saoirse Ronan spielt Jo, Emma Watson verkörpert Meg und Timothée Chalamet den Nachbarsjungen Laurie. Sonst aber sind beide Verfilmungen nicht vergleichbar. Denn Regisseurin Greta Gerwig wagt es, die chronologische Erzählweise des Romans aufzubrechen und ihn auf verschiedenen Zeitebenen parallel spielen zu lassen.

Das lässt den alten Stoff gleich sehr viel moderner wirken und erlaubt die direkte Gegenüberstellung von Kinder-Träumen und Erwachsenen-Wirklichkeit. Etwa, wenn man Jo gleich zu Beginn beim Versuch sieht, ihre Geschichten an Verlage zu verkaufen.

Immerzu werden in "Little Women" die Limitierungen sichtbar, denen Frauen unterworfen sind. Unabhängig sein zu dürfen, etwas aus seinen Begabungen machen zu dürfen - das ist in jener Zeit Männern vorbehalten.

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Oscar-Jury würdigt Gerwigs Regieleistung zu wenig

Wie Frauen jahrhundertelang ihr Licht unter den Scheffel stellen mussten oder ihre Leistungen von Männern für sich vereinnahmt wurden, davon erzählen derzeit viele Filme. Weil es eben immer noch ein Thema ist. Dazu passt zu gut, dass "Little Women" zwar in der Oscar-Kategorie "Bester Film" nominiert ist, nicht aber Gerwig für die beste Regie. Als handle es sich hier um die entzückende Handarbeit einer Frau, nicht aber den "kreativen Schöpfungsakt", den männliche Kollegen vollbringen.

Sei's drum! Das Publikum wird seine Freude haben an den selbstbewussten Heldinnen, die alle wunderbar authentisch wirken, an den romantischen Verstrickungen, den geistreichen Dialogen und natürlich auch der opulenten Ausstattung. "Little Women" ist ein großes Kino-Vergnügen!

Little Women

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Meryl Streep, Timothée Chalamet
Regie:
Greta Gerwig
Länge:
135 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
30. Januar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 27.01.2020 | 08:55 Uhr

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