Stand: 17.11.2016 11:11 Uhr

"Lehrer - einer der wichtigsten Berufe überhaupt"

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"Lehrkraft im Vorbereitungsdienst" heißt der sehenswerte Dokumentarfilm von Timo Großpietsch.

Ungewöhnliche Einblicke in eine Ausbildung, die es in sich hat: "Lehrkraft im Vorbereitungsdienst" heißt der sehenswerte Dokumentarfilm von Timo Großpietsch, der nun erstmals im NDR Fernsehen gezeigt wurde. Großpietsch hat drei Referendare in Hamburg 18 Monate lang mit der Kamera begleitet - auch in Situationen, in denen bislang noch kein Filmemacher drehen durfte. So war er nicht nur im Unterricht dabei, sondern auch im Seminar für Lehrerausbildung und sogar während der Prüfungen. NDR.de hat mit dem preisgekrönten Dokumentarfilmer über die Dreharbeiten und den Lehrberuf gesprochen.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über angehende Lehrer zu machen?

Timo Großpietsch: Schule ist meiner Ansicht nach ein Ort, an dem sich für unsere Gesellschaft wahnsinnig viel entscheidet. Dort geht es um das Zusammenleben, um Toleranz und darum, Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Und Lehrer ist einer der wichtigsten Berufe überhaupt. Neben den Eltern sind es doch die Lehrer, die sich um unsere Kinder kümmern und die Weichen für ihr Leben stellen. Zugleich gibt es unfassbar viele Vorurteile ihnen gegenüber: Sie seien schlecht ausgebildet, überfordert, faul. Aber wie läuft die Ausbildung wirklich? Als Dokumentarfilmer hat es mich gereizt, angehende Lehrkräfte zu begleiten und die Dinge möglichst unverstellt zu zeigen, sodass sich der Zuschauer ein eigenes Bild machen kann. Daher verzichtet der Film auch auf einen einordnenden Sprecherkommentar.

Der angehende Lehrer Sebastian Korff unterrichtet Musik und Physik. © NDR, honorarfrei

Lehrkraft im Vorbereitungsdienst

NDR Das Beste am Norden -

Drei unterschiedliche Personen, ein gemeinsames Ziel: Sie wollen authentische Lehrer werden. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Timo Großpietsch ist mit seiner Kamera dabei.

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Nach welchen Kriterien haben Sie die Referendare für Ihren Film ausgesucht?

Großpietsch: Es war mir wichtig, unterschiedliche Persönlichkeiten zu finden. Freundlicherweise hat mir das Landesinstitut für Lehrerbildung seine Türen geöffnet. Und so bin ich durch die Seminare getingelt, habe unser Projekt vorgestellt, Leute beobachtet und auf meinen Bauch gehört. Einige haben sich dann bei mir gemeldet und gesagt, dass sie gern mitmachen würden - zum Beispiel Sebastian Korff, der am Kurt-Körber-Gymnasium in Hamburg-Billstedt Physik und Musik unterrichtet. Diese Fächerkombination und seine Persönlichkeit fand ich spannend.

Die anderen beiden Protagonisten, Isabelle Römer und Michael Stockhammer, habe ich selbst angesprochen. Isabelle war mir im Seminar aufgefallen, sie unterrichtet Naturwissenschaften an der Stadtteilschule Fischbek. Besonders beeindruckend fand ich Michaels Geschichte: Er ist in Mümmelmannsberg aufgewachsen und nun tatsächlich an seiner alten Schule Lehrer für Sport und Englisch geworden - nachdem er zuvor unter anderem Basketballprofi war. Er ist von Anfang an sehr selbstbewusst aufgetreten - und die Kinder finden ihn alle toll. Vor allem für diejenigen, die zu Hause keinen festen Halt haben, ist Michael eine echte Bank.

Sie begleiten die "Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst" 18 Monate lang bis zur Prüfung. Wie entwickeln sie sich?

Großpietsch: Alle drei sind an Schulen in sozial eher schwierigen Stadtteilen. Zudem stehen sie vor der Herausforderung, einige Klassen zu unterrichten, in denen die Schüler mitten in der Pubertät stecken. Das sind Kinder im Explosionsmodus, an Unterricht ist zum Teil nicht zu denken. Ich habe mich immer gefragt: Wann kommt der Burn-out bei den Referendaren, die ja von Anfang an allein und selbstverantwortlich vor der Klasse stehen. Doch obwohl es gerade anfangs immer wieder zu Situationen kommt, in denen sie zu verzweifeln drohen, bricht keiner zusammen. Stattdessen werden sie immer souveräner.

Woran liegt das?

Dokumentarfilmer Timo Großpietsch

Der Hamburger Journalist Timo Großpietsch hat für den NDR bereits zahlreiche Dokumentarfilme gedreht und dafür Preise erhalten. So wurde er für "Der Schulleiter" von 2009 unter anderem mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet. Dieser Dokumentarfilm ist Großpietsch zufolge der thematische Vorläufer zu "Lehrkraft im Vorbereitungsdienst", der nun im NDR Fernsehen gezeigt wird. Weitere bekannte Filme Großpietschs sind "Die Kinder von Berne" (2010), "Nachtschicht" und "Kinderjahre" (beide 2011). Zuletzt drehte er im Jahr 2015 das filmische Experiment "STADT", ein Porträt Hamburgs zu Musik von der NDR Bigband.

Großpietsch: Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass die Referendare in ihrer Ausbildung so gut begleitet werden. Die Hauptseminarleiterin, die sie im Unterricht besucht, reflektiert im gemeinsamen Gespräch die jeweiligen Stärken und Schwächen jedes Einzelnen. Beeindruckt hat mich, wie persönlich und authentisch sie dabei coacht. Es geht nicht darum, dass die drei einem pädagogischen "Idealbild Lehrer" nacheifern oder eine Rolle spielen. Vielmehr werden sie in ihrer eigenen Persönlichkeit gestärkt - und das schlägt auffallend gut an. Es hat mich wirklich erstaunt, wie professionell die Lehrerausbildung heute ist. Allerdings habe ich mich auch gefragt: Was kommt nach dem Referendariat, wenn die Leute nicht mehr derart engmaschig begleitet werden? Vermutlich wäre so ein Coaching auch für Lehrer, die bereits im Dienst sind, eine gute Sache.

Gab es noch andere Dinge, die Sie im Verlauf der Dreharbeiten erstaunt haben?

Großpietsch: Insgesamt bin ich erstaunt und froh darüber, was für einen tiefen Einblick mir alle Beteiligten in die Lehrerausbildung gewährt haben. Zum Beispiel durften wir sogar während der Prüfungen drehen, was bis dahin noch niemandem erlaubt wurde. Das ist natürlich ein sehr großer Vertrauensbeweis.

Was zeichnet einen guten Lehrer aus?

Großpietsch: Am wichtigsten ist es, glaube ich, den Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Sie ernst zu nehmen, es ernst mit ihnen zu meinen und keine Spielchen zu treiben. Wenn sie gut sind, können Lehrer eine wichtige Alternative zu den fraglichen medialen Vorbildern sein, die unseren Kindern heute begegnen. Ich denke in diesem Zusammenhang gern an meinen ehemaligen Deutschlehrer, der mir in vielerlei Hinsicht ein "Role Model" war. Verrückterweise sind wir mittlerweile Freunde bei Facebook und waren letztens sogar zusammen essen.

Was eine "Lehrkraft im Vorbereitungsdienst" erlebt

Eindrücke aus dem Film
00:33 min

Lehrkraft im Vorbereitungsdienst

NDR Fernsehen

Lehrer sollen...motiviert, flexibel und gerecht sein. Sie sollen Alleinunterhalter für große Gruppen sein und ihren Schülern den Ernst des Lebens beibringen...aber immer mit Humor. Video (00:33 min)

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Lehrkraft im Vorbereitungsdienst

NDR Fernsehen

Anspannung, Druck und der unermüdliche Wille, den Schülern etwas beizubringen - das alles begleitet jeden angehenden Lehrer in seiner Ausbildung. Video (00:26 min)

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