Stand: 13.04.2017 10:00 Uhr

"The Birth of a Nation"- plattes Agitationskino

The Birth Of A Nation - Aufstand zur Freiheit
, Regie: Nate Parker
Vorgestellt von Hartwig Tegeler

D. W. Griffith' Film "The Birth of a Nation - Die Geburt einer Nation" von 1915 gilt als Meilenstein der Filmgeschichte - was seine formalen Innovationen betraf - und zugleich als ein zutiefst rassistisches Machwerk, das die Afroamerikaner als einfältig, böse oder untertänige Sklaven darstellt.

So kann es als politisches Statement gelten, dass der Afroamerikaner Nate Parker seinen Film über einen Aufstand von Sklaven in den 1830er-Jahren "The Birth of a Nation - Aufstand zur Freiheit" nannte. Parkers Film war noch im letzten Jahr als heißer Oscar-Kandidat gehandelt worden. Doch der Favorit erlebte einen tiefen Fall.

Sklaven-Aufstand wird brutal niedergeschlagen

Um 1800 in den Südstaaten der USA. Drei Jahrzehnte wird es noch dauern, bis der Sieg der Nordstaaten im Bürgerkrieg den Sklaven die Befreiung bringt. Nat bringt sich selbst das Lesen bei und wird zum wortgewaltigen Prediger. Sein Plantagenbesitzer reist mit diesem Sklaven übers Land, damit der - Honorar an den Master - den anderen das Evangelium predigt.

Zunächst predigt Nat widerstandslos die Untertänigkeit. Doch die Reise durch die Sklavenhalter-Gesellschaft öffnet Nat die Augen. Im Sommer 1831 dann führt er einen Aufstand an. Nach 36 Stunden ist der Widerstand blutig niedergeschlagen. Nat Turner wird gehängt. Der Film, der diese Geschichte erzählt, "The Birth of a Nation" - Regie, Hauptdarsteller und Drehbuchautor: Nate Parker - wurde nach seiner Aufführung auf dem Sundance-Festival 2016 zum Oscar-Favoriten.

Oscar-Anwärter Nate Parker fällt in Ungnade

Bis, ja, bis die Presse daran erinnerte, das Nate Parker zusammen mit einem Mit-Studenten angeklagt war, 1999 eine Kommilitonin vergewaltigt zu haben. Parker bekam einen Freispruch, doch die Frau brachte sich später um. Damit stand die Frage im Raum: Kann ein Kunstwerk gut sein, dessen Regisseur von einem hohen moralischen Standpunkt aus die Verbrechen der US-Geschichte enthüllt, aber selber keine moralisch saubere Weste hat? In den USA ist die Antwort inzwischen klar gesetzt: Parkers Film verschwand in der Versenkung.

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Es gibt eindrucksvolle Szenen in "The Birth of a Nation". Wenn der Aufstand der Sklaven niedergeschlagen ist, fährt die Kamera an Bäumen vorbei, an denen schwarze Männer und Frauen hängen. Dazu Nina Simone mit dem Billie-Holiday-Klassiker "Strange Fruit". "Ein schwarzer Körper baumelt im Südstaaten-Wind / Merkwürdige Früchte hängen von den Pappeln." So bekommt dieser Film über den Aufstand der Sklaven im 19. Jahrhundert in Zeiten von rassistischer Polizei-Gewalt eine fast selbstverständliche Legitimation.

Ein wenig komplexer Film über ein immer noch aktuelles Thema

Aber Bedeutung und Qualität eines Films sind nicht dasselbe. Bei "The Birth of a Nation" ist vor allem das Erlöser-Pathos, von dem der Film trieft, fürchterlich. Wenn der Sklaven-Anführer Ned Turner am Ende gehängt wird, zelebriert Filmemacher Nate Parkers Heiligsprechung. Schwer auszuhalten. Vor allem, weil der andere Film über die Sklavenhalter-Gesellschaft, Steve McQueens Drama "12 Years a Slave" von 2013, sich jedem falschem Pathos verweigert. McQueen schafft komplexe Figuren auf Seite der Sklaven wie auf der der Sklavenhalter. Bei Nate Parker gibt es nur gut und böse. "The Birth of a Nation" ist Agitationskino. Vielleicht notwendig, aber deswegen nicht groß.

Dass "The Birth of a Nation" in den USA in der Versenkung verschwunden ist, ist allerdings unangemessen. "Selma" - den Martin-Luther-King-Film -, das Meisterwerk "12 Years a Slave", den grandiosen "Moonlight" - Oscar-Gewinner 2017 - und jetzt "The Birth of a Nation - Aufstand zur Freiheit", sie sollte man in einem Vierer-Feature über die Geschichte der Afroamerikaner anschauen.

The Birth Of A Nation - Aufstand zur Freiheit

Genre:
Historiendrama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone Junior
Regie:
Nate Parker
Länge:
120 min
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
13. April 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 13.04.2017 | 07:20 Uhr

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