Stand: 26.06.2017 14:20 Uhr

Ruhrpott-Romantik mit Gelsenkirchener Barock

Sommerfest
, Regie: Sönke Wortmann
Vorgestellt von Walli Müller

Sie kommen beide aus dem Ruhrgebiet; sie lieben ihre Heimat. Der eine schreibt Romane drüber, der andere hat einen davon jetzt verfilmt: Sönke Wortmann bringt Frank Goosens "Sommerfest" ins Kino. Ein sehr persönlicher Film für den deutschen Erfolgs-Regisseur, denn wie der Filmheld ist auch er als Sohn eines Bergmanns groß geworden, dann weit weggezogen zum Studium nach München - und später wieder zurückgekehrt in heimatliche Gefilde. Sönke Wortmann lebt heute zumindest in Ruhrpott-Nähe, nämlich in Düsseldorf.

Das Gefühl kennt vermutlich jeder, der nach der Schule sein Heimat-"Nest" verlassen hat und in die große Stadt gezogen ist: Weit weg von daheim mag man ein ganz anderer geworden sein. Zurück zu Hause aber ist es auch Jahre später, als wäre man nie weg gewesen. In "Sommerfest" kehrt Stefan, gespielt von Lucas Gregorowicz, nach zehn Jahren zurück nach Bochum, um den toten Vater zu beerdigen.

Stefan (Lucas Gregorowicz, rechts), Omma (Elfriede Frey) und Toto (Nicholas Bodeux) - Filmszene aus "Sommerfest" © X Verleih AG Fotograf: Tom Trambow

Filmtrailer: "Sommerfest"

Sönke Wortmanns "Sommerfest" mit Lucas Gregorovicz ist eine heiter melancholische Ruhrpott-Ballade mit genügend wahrhaftigen Momenten, um die Plattheiten dazwischen zu verzeihen.

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Trinkhallen-Nostalgie bei Omma

Da ist immer noch das alte Bergmannshaus der Eltern - mit ockerfarbenen 70er-Jahre-Fliesen im Bad, "Gelsenkirchener Barock" im Wohnzimmer und den Sehnsuchts-Postern der Jugend im alten Kinderzimmer. Das Ambiente wirkt sehr authentisch - im Gegensatz zu mancher Figur, die Wortmann zur Karikatur gerät. Die "Omma" im Eck-Kiosk aber, der sich immer noch "Trinkhalle" nennt, ist ein echtes Ruhrpott-Original.

Das Heimatgefühl in diesem Film ist ein zweischneidiges: Einerseits hat der Zeiten-Wandel wenig übrig gelassen von dem, was das Ruhrgebiet in Stefans Kindertagen ausgemacht hat. Die Bergmann-Kultur gibt es fast nur noch im Museum zu erleben. Nostalgie und Schwermut allerorten. Andererseits fühlt Stefan sich doch auf Anhieb zugehörig. Drei Tage will er an sich nur bleiben, um alle Formalitäten zu erledigen, aber so schnell kommt er dann doch nicht los. Denn in Bochum warten nicht nur die Kumpels von einst, sondern auch eine alte Jugendliebe auf ihn.

Amüsante Geschichte mit bitterem Beigeschmack

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Stefan (Lucas Gregorowicz) mit seiner Jugendliebe Charlie (Anna Bederke): Wird daraus ein Neuanfang?

Im Grunde spielt Lucas Gregorowicz hier einfach seine Rolle aus "Lommbock" weiter, den Sönke Wortmann mitproduziert hat: den End-Dreißiger, der sich immer noch schwer damit tut, sich festzulegen, der das Erwachsenwerden gerne noch mal um ein Jahrzehnt verschieben möchte. Wie in "Lommbock" ist das auch hier amüsant mit leicht tragischem Beigeschmack.

An "Sommerfest" funktioniert nicht alles, aber genug, um den Film sehenswert zu machen. Dass alte Liebe nicht rostet - da ist ja etwas Wahres dran - und das Hass-Liebe-Verhältnis zur Heimat können sicher viele nachfühlen, auch wenn hier etwas zu penetrant auf der Ruhrpott-Romantik herumgeritten wird. Das komödiantische Highlight des Films ist eindeutig ein Gedicht auf die A 40, die von sturen Pottlern bis heute liebevoll "B 1" genannt wird.

"Sommerfest" ist eine heiter melancholische Ruhrpott-Ballade mit genügend wahrhaftigen Momenten, um die Plattheiten dazwischen zu verzeihen.

Sommerfest

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicholas Bodeux
Regie:
Sönke Wortmann
Länge:
92 min.
FSK:
FSK ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
29. Juni 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 29.06.2017 | 10:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/film/Komoedie-Sommerfest,sommerfest210.html

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