Stand: 14.05.2020 15:04 Uhr  - NDR Kultur

Liebesdrama zwischen Leidenschaft und Missbrauch

Königin
, Regie: May el-Toukhy
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Dieser Film war die dänische Einreichung für die Oscars und räumte in seiner Heimat alle großen Filmpreise ab. Die Rede ist von "Königin", gedreht von der dänischen Regisseurin May el-Thouky. Die Hauptrolle in diesem Film spielt die Schauspielerin Trine Dyrholm. 2016 gewann sie den Silbernen Bären der Berlinale für ihre Rolle in Thomas Vinterbergs Film "Die Kommune". "Königin" hätte eigentlich dieser Tage seine deutsche Kinopremiere gefeiert - nun kommt der Film als Stream heraus. Filmexpertin Katja Nicodemus stellt das Drama im Gespräch vor.

"Königin", in dem es ja im Wesentlichen um Missbrauch geht, wird als "Erotikdrama" vermarktet. Wie sieht also ein "Erotikdrama" aus Dänemark aus?

Katja Nicodemus: Dänisch kühl könnte man sagen. Der Film spielt im Milieu der oberen Mittelschicht in der Nähe einer dänischen Großstadt. Anne - gespielt von Trine Dyrholm - ist eine erfolgreiche Anwältin. Sie setzt sich für Kinder und Jugendliche ein, die misshandelt und missbraucht wurden. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter, einem Arzt, wohnt sie in einem wunderschönen, modernen Haus am Waldrand. Die beiden haben zwei Kinder, ungefähr zehnjährige Zwillingsmädchen.

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Anne (Trine Dyrholm) und Peter (Magnus Krepper) mit den gemeinsamen Zwillingen.

Dann stößt Annes Stiefsohn, der 16-jährige Gustav zu dieser Familie. Gustav ist ein schwieriger Junge mit eher proletarischem Hintergrund. Anne gibt sich fortan Mühe, die fürsorgliche Stiefmutter zu spielen, aber nach und nach - und das erzählt der Film sehr subtil - sehen wir, dass ihre Blicke auf den Stiefsohn ganz und gar nicht mütterlich sind. Es kommt zu einer Affäre, die mit einer sehr expliziten Sexszene beginnt, die fast pornografisch ist.

Die Hauptrolle der Anne, Sie haben es schon erwähnt, spielt Trine Dyrholm. Wie legt sie diese Rolle an?

Nicodemus: Trine Dyrholm ist die Sensation des Films - wenn ein so kühl und souverän erzählter Film überhaupt eine Sensation beinhalten kann. Sie spielt eine erfolgreiche Frau, die letztlich alles unter Kontrolle hat: den Mann, die Kinder, das Haus. Es ist beeindruckend, wie sie mit Blicken erzählt, die manchmal etwas Einschüchterndes haben, aber auch manchmal etwas Befragendes. Als ob sie das alles auch komplett infrage stellen würde.

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Gustav (Gustav Lindh) ist gefangen von seiner Begierde.

Es gibt eine tolle Szene, in der man merkt, dass sie sich vielleicht auch nach Kontrollverlust sehnt. Sie und ihr Mann haben Gäste, man trinkt mit einem anderen Paar auf der Terrasse und plötzlich legt Anne einen Dance-Hit auf. Sie tanzt. Es ist ganz toll, wie Trine Dyrholm so ganz selbstvergessen und auch exaltiert tanzt. Sie trinkt einen Aperol Spritz zu viel und kurz danach beginnt die Affäre.

Sie verführt dann den 16-Jährigen und das ist bei aller gegenseitiger Leidenschaft eben auch ein Missbrauch. Man hat das Gefühl, dass diese Affäre für diese Frau auch ein Mittel zum Zweck ist, eine Gelegenheit, den Kontrollverlust zu erleben und wieder die Kontrolle an sich zu reißen. Dieses oszillieren zwischen Macht, Kontrolle und der Sehnsucht nach etwas anderem wird von Trine Dyrholm wirklich sehr beeindruckend gespielt.

Wie muss man sich den Film ästhetisch vorstellen, wie wird die Geschichte dieser Frau visuell umgesetzt?

Nicodemus: Die Regisseurin May el-Toukhy und der Kameramann Jasper Spanning haben sich ein wirklich spannungsvoll subtiles Konzept für diesen Film ausgedacht. Durch die Art, mit der dieses moderne, teure Haus am Waldrand gefilmt wird, bekommt man mit, dass mit dieser ganzen Lebensform auch etwas nicht stimmt. Da wird mit Spiegelungen gearbeitet. Manchmal wirkt die Hauptfigur Anne wie durchsichtig, wenn sie als Spiegelung der großen Panorama-Fenster gefilmt wird und mit dem Wald vor dem Haus eins zu werden scheint.

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Gustav und Anne haben eine leidenschaftliche, aber verhängnisvolle Beziehung.

Der selbstverständliche, beiläufige, luxuriöse Materialismus dieses komfortablen Lebensstils wird über die Dinge erzählt: wie hier Autos gefilmt werden, ein Kamin, die erlesenen Materialien. In diesen gedämpften skandinavischen Tönen wirkt der proletarische Stiefsohn wie ein Fremdkörper - im wahrsten Sinne des Wortes. Die 50-jährige Frau, die erfolgreiche Anwältin, die selbst Teil dieses perfekten Ambientes ist, fühlt sich von diesem jungen Fremdkörper angezogen, ohne Rücksicht auf das, was eine Affäre zwischen Stiefsohn und Stiefmutter anrichten kann.

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Letztlich geht es in dem Film ja um sexuellen Missbrauch. Wie würden Sie den Film im Zuge der Entwicklungen rund um die #Metoo-Bewegung einordnen?

Nicodemus: Ich finde den Film interessant, auch als Beispiel eines Post-#Metoo-Kinos, weil er ja einen Missbrauch zeigt, der von einer Frau begangen wird. Missbräuchlich ist auch die Art, in der Anne mit der Affäre umgeht beziehungsweise sich ihrer entledigen will. Wir erleben hier eine Anwältin, die sich selbst beruflich für Missbrauchsopfer einsetzt. Es wird angedeutet, dass in Annes Kindheit vielleicht auch so etwas stattgefunden haben könnte. Das mag konstruiert klingen, ist es aber nicht, weil Trine Dyrholm dieser Frau etwas Unergründliches verleiht, weil der Film trotz seiner psychologischen Anordnung nicht psychologisiert.

Der Film "Königin" selbst hat etwas Unergründliches mit seiner kühlen Ästhetik, den Spiegelungen, mit einer Kamera, die immer ein bisschen mehr zu wissen scheint als die Figuren, einer Kamera, die immer auch ein Gefangensein in einer Lebensform zeigt. Diese Heldin hat ganz klar etwas Rücksichtsloses. Wie in allen Missbrauchskonstellationen geht es um Macht - und hier nutzt eine Frau ihre private und letztlich auch gesellschaftliche Macht aus. Das Ganze ist so spannend erzählt wie ein Thriller.

Das Gespräch führte Jan Wiedemann.

Der Verleih Square One bietet den Film auf Plattformen wie VideoBuster oder Chili an.

Königin

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Dänemark
Zusatzinfo:
mit Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Magnus Krepper
Regie:
May el-Toukhy
Länge:
128 Min.
FSK:
ab 16 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 14.05.2020 | 07:20 Uhr

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