Stand: 07.02.2018 13:30 Uhr

"Wind River": Thriller in klirrender Kälte

Wind River
, Regie: Taylor Sheridan
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Für das Drehbuch zu dem Film "Hell Or High Water" wurde Taylor Sheridan im vergangenen Jahr für einen Drehbuch-Oscar nominiert. Der Film spielte im ländlichen Texas, wo zwei verschuldete Brüder Banken überfallen. Nun hat Sheridan zum ersten Mal Regie geführt: In "Wind River" verschlägt es ihn wieder in die amerikanische Provinz, diesmal nach Wyoming.

Coole Helden in der Wildnis

Das ist die Art von amerikanischem Helden, die man sofort mag. Abgeklärt, pragmatisch, ganz der einsame Wolf. Eben so wie Cory Lambert, gespielt von Jeremy Renner. In der Wildnis von Wyoming jagt Cory im Auftrag der Forstbehörde Raubtiere. Gerade jetzt, im harten Winter, hat er viel zu tun. Etwa auf dem Land eines Freundes, eines Native-American.

Ja, die harten Kerle in der Wildnis. Diese Typen, die wissen, wo es langgeht. Aber selbst einer wie Cory steht manchmal vor einem Rätsel. Oder vor einer mysteriösen Tragödie. Auf der Pirsch findet Cory die Leiche einer jungen Frau. Es ist die Tochter des Freundes. Sie wurde vergewaltigt, versuchte barfuß zu fliehen und erfror.

Kein zeitgemäßes Frauenbild

Für die Aufklärung des Verbrechens wird eine FBI-Beamtin in die Einsamkeit geschickt: Jane Banner, gespielt von Elizabeth Olsen. Es ist plausibel, dass eine Polizistin, die gerade von Las Vegas eingeflogen wurde, nicht die richtige Kleidung für Temperaturen von minus 20 bis minus 30 Grad dabeihat.

Und doch ist man heutzutage aufmerksamer, wenn im Kino etwas altmodische Geschlechterbilder vorgeführt werden. So wie das der Frau, die in der unbarmherzigen Natur aufgeschmissen wäre - jedenfalls ohne die Hilfe der Männer.

Beeindruckende Landschaft

"Wind River" ist ein furchterregend schöner Film. Ben Richardsons Kamera fliegt über die ungezähmte Landschaft, verliert sich in der schneebedeckten Weite Wyomings. Doch nie wirkt die Natur pittoresk. Die Figuren erscheinen in der Landschaft wie verloren, trotz Präzisionsgewehren, Funktionskleidung, elektrischer Schlitten und Autos mit Heizung und Allradantrieb. Wenn Cory der FBI-Frau erklärt, wie das Opfer tatsächlich zu Tode kam, tritt die ganze Schutzlosigkeit des Menschen in der eisigen Landschaft ins Bild. Es kann einen wirklich frösteln.

Was wir nach und nach erfahren: Auch Cory hat vor einigen Jahren eine Tochter verloren. Er verkapselte sich im Schmerz, seine Ehe scheiterte darüber. Nun soll sein Freund nicht den gleichen Fehler machen. "Wind River" ist ein Film über den Verlust und seine Verarbeitung.

Thriller mit soziologischem Blickwinkel

Es geht um Ermittlungen, die manchmal zur falschen Zeit an den falschen Ort führen. "Wind River" ist auch eine geografisch-soziologische Erkundung von Amerika. Sheridans Film erzählt vom amerikanischen Drang nach Autarkie, der zu gnadenloser Selbstbehauptung führt. Er thematisiert Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung und Drogen in den Indianerreservaten. Der Bruder der Toten, ein Dealer, wird von Cory vernommen.

Kopfschüttelnd blickt dieser Film auf das, was Menschen einander antun - in einer spektakulären Landschaft, die keinen Trost und keine Erlösung bietet. Dieser Film hat ein gutes Ende, aber natürlich kein Happy End. Er lässt uns auf angenehme Weise mit seiner Erzählung alleine.

Wind River

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille
Regie:
Taylor Sheridan
Länge:
107 min
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
8. Februar 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 08.02.2018 | 07:20 Uhr

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