Stand: 04.05.2020 16:39 Uhr

Kinos in der Corona-Krise: 50 Prozent droht das Aus

von Bettina Peulecke

Auch wenn Lockerungen in Aussicht gestellt werden - bis auf Weiteres sind derzeit alle Kinos (bis auf Autokinos) wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Sollten die Schließungen zwei weitere Monate andauern, könnte laut einer Umfrage des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF) die Hälfte aller Betriebe pleitegehen. "Wenn wir bis Juli geschlossen haben, dann haben die Kinos bereits 186 Millionen Euro an Fixkosten aufgebracht, die sie nicht gefördert bekommen", sagt Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF. "Jeder kann sich bei einer Summe von 186 Millionen ausrechnen, dass dann eine Branche langsam in die Knie geht."

Arbeit an Drei-Säulen-Modell zur Wiedereröffnung der Kinos

Rote Kinosessel in einem Saal eines Hamburger Kinos © picture alliance/Georg Wendt/dpa Foto: Georg Wendt
Ein leider alltägliches Bild bundesweit in den Kinosälen: leere Reihen in geschlossenen Kinos.

Um das abzuwenden, wird derzeit an einem Drei-Säulen-Modell gearbeitet. In Absprache mit der Regierung gehört dazu ein Hygienemaßnahmenkatalog, der flächendeckend in allen Kinos eingehalten wird, mit Mundschutz-Pflicht und eingeschränkter Sitzreihenbelegung.

Das ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört, denn auf die Größe komme es an, so Berg: "Wenn Sie ein Kino aufmachen möchten und es gehen nur zwei Besucher rein, ist das nicht wirtschaftlich. Dann ist es eher sinnvoll, dass das Kino zu bleibt." Deshalb hätten sie den Dialog zu den Ländern und zur Bundesregierung gesucht. "Es ist wichtig, genau zu überlegen, wann und wie die Kinos wieder geöffnet werden, damit wir eine Sicherheit gegenüber unseren Kunden gewährleisten können, aber dabei nicht zugrunde gehen."

Autokino auf dem Heiligengeistfeld als Alternative?

Fatih Akin und sein Team bei der Deutschlandpremiere seines Filmes "Aus dem Nichts" in Hamburg © NDR Foto: Patricia Batlle
Ein Bild vergangener Tage: Fatih Akin (links) feiert Weltpremiere mit seinem Film "Aus dem Nichts" in Hamburg.

Für Matthias Ellwardt vomZeise-Kino in Hamburg gestaltet sich eine reduzierte Belegung wirtschaftlich nicht rentabel. In Zeiten des Abstandsgebotes erlebt allerdings ein Kinozweig einen Run auf seine Spielstätten: das Autokino. Ellwardt hat in Zusammenarbeit mit der Bergmann-Gruppe ein Projekt avisiert, das noch auf Genehmigung von Seiten der Stadt wartet - ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld. Aber auch das sei, so betont Ellwardt, "ein Notprogramm. Natürlich lieben wir es alle, Kino in einem vollen Saal zu zeigen. Aber unser Projekt wird sehr wohlwollend wahrgenommen, als eine langsame Rückkehr zur Kultur. In unserem Hamburger Konzept haben wir auch andere Institutionen, die unter der momentanen Situation leiden", so Ellwardt. Dazu gehören das Altonaer Museum, das Filmfest Hamburg, das St. Pauli Theater wird dabei sein, und auch Fatih Akin hat sich sofort bereit erklärt, seinen Heimatfilm "Soul Kitchen" dort vorzustellen.

Für andere aber gibt es keine Alternativen zur Vorstellung im eigenen Hause. Das Casablanca-Kino in Oldenburg ist ein Familienunternehmen. Tobias Rossmann, Sohn des Gründers und Geschäftsführer, wünscht sich vor allem Perspektiven von der Politik: "Wenn man sich anschaut, dass die Nordmedia, also die Filmförderungsanstalt von Bremen und Niedersachsen, jetzt einmalig 150.000 Euro an die Kinos ausgeschüttet hat, und in Rheinland-Pfalz, einem Bundesland mit halb so viel Einwohnern wie Niedersachsen, jetzt im Vergleich dazu ein Paket vom 500.000 Euro zusätzlich für die Programmkinos auf den Weg gebracht worden ist, ist da aus meiner Sicht bislang wenig passiert im Kulturbereich." Das könne er zumindest für seinen privatwirtschaftlich organisierten Betrieb sagen.

Kinopublikum: "Netflix ist nur was für Corona"

Das Publikum unterstützt sein Kino durch Gutscheinkäufe und zeigt so seine Treue, was Rossmann berührt und freut. Ähnlich geht es Matthias Ellwardt in Hamburg. Auch bei ihm laufen Gutscheinverkäufe gut: "Diese Solidarität gibt es vom Publikum. Die wird auch in schönen E-Mails ausgedrückt. Da stehen dann so Sachen wie: 'Netflix ist nur was für Corona, wir wollen das Kino und die große Leinwand wieder!'"

Berg: "Das Kino kommt wieder!"

Bei einer Umfrage von S&L Research unter knapp 900 Kinogängern gaben 93 Prozent der Befragten an, nach dem Lockdown "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich" wieder ins Kino gehen zu wollen. Für Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater ist das endlich mal eine Zahl, die nicht Verlust bedeutet, sondern: "Balsam für unsere Seele. Wir glauben ganz stark an die Kraft des Kinos. Und das Kino kommt wieder! Und dann steht es da wie eine Eins." Dann könnten alle wieder auf einer großen Leinwand wundervolle Filme sehen und mal wieder über Filme reden. "Das fehlt uns doch im Moment allen besonders."

Abgesehen von ihrem professionellen Einsatz für die Kinos verrät Christine Berg persönlich, was sie als passionierte Kinogängerin privat in diesen Zeiten auch mal tut: "Es gibt Kinos, die verkaufen Popcorn! Das ist ein Minusgeschäft. Ich bin auch schon das ein- oder andere Mal hingelaufen und habe mir ein bisschen Popcorn gekauft. Das ist zumindest ein bisschen Kinos-Feeling", sagt Berg.

"Ohne Subventionen wird das nicht zu stemmen sein"

Das Kino wurde schon oft totgesagt: Erst kam das Fernsehen, dann Video, dann das Internet - bisher hat das Kino als sozialer Ort überlebt, und das wird auch so bleiben, davon sind viele in der Branche überzeugt. Auch Tobias Roßmann vom Casablanca Kino in Oldenburg, wenngleich: "Ohne nennenswerte Subventionen - wie in anderen Bereichen wie zum Beispiel in der Gastronomie - wird das nicht zu stemmen sein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das alle Betriebe überleben", sagt Roßmann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 06.05.2020 | 07:55 Uhr

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