Stand: 30.07.2020 06:00 Uhr

Dem Kino fehlen die Blockbuster

von Susanne Birkner

Sommerferien und gar nicht mal so schlechtes Wetter - das ist ohnehin nicht die beste Zeit für Kinos. Aber das während der Corona-Pandemie? Seit einigen Wochen sind die Kinos bundesweit wieder geöffnet. Aber durch die 1,50 Meter Mindestabstand dürfen zum Teil nur 25 Prozent der Plätze vergeben werden. Gleichzeitig kämpft die Branche damit, dass Produzenten und Verleiher kaum neue Filme rausbringen. Gerade hat zum Beispiel der Disney-Konzern mehrere Blockbuster verschoben - zum Teil um ein Jahr. Wie sieht es im Moment für die Kinos aus? Ein Überblick.

Vor dem Kino-Center in Husum: Einige Menschen haben sich getraut und waren mal wieder im Kino. Ihre Eindrücke sind überwiegend positiv: "Es ist entspannt, nicht so voll", "Es ist gut geregelt und viel Abstand da", "Es ist speziell, überall ist Flatterband, es gibt keine freie Platzwahl". Eine Besucherin fasst es so zusammen: "Außer, dass die Plätze abgesperrt sind und man bis zum Platz Mundschutz tragen muss, finde ich, ist nicht viel anders. Das würde ich auf jeden Fall wieder machen."

HDF: "Besucherzahlen sind verheerend"

Eine abgesperrte Reihe im Kinosaal mit de rAufschrift "gesperrt" an schwarzen Sitzen © picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dp Foto: Martin Schutt
Abgesperrte Sitzreihen: in diesem Tagen ein normales Bild in Lichtspielhäusern.

Insgesamt jedoch seien die Besucherzahlen verheerend, sagt Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF): "Ich hatte gehofft, dass ich um die diese Zahl rumkomme, weil sie so niederschmetternd ist. Wir haben einen Rückgang gegenüber letztem Jahr von 80 Prozent. Das heißt, wir haben nur noch 20 Prozent Umsatz von dem, den wir normalerweise in dieser Zeit machen würden. Und die Entwicklung seit Mai stagniert."

"Kinos seit 125 Jahren ein Teil unserer Gesellschaft"

Drei Kinos in Deutschland mussten bereits schließen. "Das heißt, wir müssen einen guten Weg finden, um weiterhin die Sicherheit unseres Publikums zu gewährleisten, aber auch um in irgendeiner Weise wirtschaftlich arbeiten zu können. Denn sonst haben wir bald keine Kinos mehr." Dies könne nicht im Sinne unserer Gesellschaft sein, so Berg: "Kinos sind seit 125 Jahren ein Teil unserer Gesellschaft."

Cinemaxx: "Besucherzahlen liegen über unseren Erwartungen"

Die Hamburger Cinemaxx-Gruppe betreibt bundesweit 30 Multiplex-Kinos. Die Einnahmen gingen im März auf Null. Aber Geschäftsführer Frank Thomsen hat beschlossen, nach vorne zu schauen. "Wir vergleichen derzeit nicht zum Vorjahr, weil wir andere Herausforderungen haben. Das 'neue Normal' ist ein anderes. Und uns fehlen die großen Filme. Die Besucherzahlen liegen über unseren Erwartungen, die haben wir der jetzigen Situation angepasst." Durch die vorgeschriebenen Abstände hätten sie nur eingeschränkte Kapazitäten zur Verfügung, sagt Thomsen. "Insofern sind wir sehr zufrieden."

Warten auf Christopher Nolans Blockbuster "Tenet"

Den Multiplex-Kinos fehlen die Blockbuster, sie hoffen noch auf zum Beispiel Christopher Nolans "Tenet", der aktuell für den 26. August angekündigt ist. Derweil zeige man stattdessen zum Beispiel alle "Harry Potter"- oder "Star Wars"-Filme, so Thomsen. "Wichtig für mich ist, dass alle Studios an ihren großen Projekten festgehalten haben. Dass sie nur Pandemie-bedingt unterbrechen mussten. Aber ob sie jetzt kommen, in zwei Monaten oder Anfang nächsten Jahres - der Film wird auf jeden Fall auf die große Leinwand kommen", sagt Thomsen.

Das Kino sei ein Ort, der Menschen verbinde. "Wir hatten im letzten Jahr, 2019, über 110 Millionen Menschen in den deutschen Kinos. Wir werden meiner Ansicht nach auf das Niveau zurückkehren", so Thomsen. Die Lichtspielhäuser bräuchten natürlich das Produkt Film: "Irgendwann muss der Moment kommen, wo wir wieder mehr als 800 Kinos aufhaben, wo auch die Verleiher die Produkte in die Kinos bringen."

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Man hoffte auch auf ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, weil noch kaum andere Filme gestartet sind. Aber der Plan ging nicht auf. Die Zuschauerinnen und Zuschauer blieben zögerlich. "Die Kinos brauchen die Menschen, die kommen. Es ist eine schwierige Situation - für die Kunstbranche insgesamt, auch für die Theater. Deswegen appelliere ich an alle: Das Wochenende steht wieder vor der Tür. Geht wieder ins Kino!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 30.07.2020 | 08:55 Uhr

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