Stand: 13.03.2019 14:23 Uhr

"Vakuum": Beziehungsdrama mit Barbara Auer

Vakuum
, Regie: Christine Repond
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Wie viele deutsche Schauspielerinnen ist Barbara Auer häufiger im Fernsehen als im Kino zu sehen. Erst kürzlich konnte sie in Christian Petzolds Film "Transit" wieder einmal beweisen, dass sie die große Leinwand zu bespielen weiß. Nun hat Auer wieder eine Herausforderung im Kino angenommen: in dem Film "Vakuum" von der Schweizerin Christine Repond.

Ein erschütternder Anruf

Alles beginnt mit einem Anruf. Oder es endet alles, je nachdem aus welcher Perspektive man auf ein Leben blickt: auf dieses Leben von Meredith, 60 Jahre alt, verheiratet. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Architekten, lebt sie in einem schicken, nicht mehr ganz neuen Betonhaus mit großem Garten.

Es ist ein Dasein im gemächlichen Rhythmus: das morgendliche Gehen und abendliche Heimkommen des Ehemannes, die Verrichtungen im Haus, Tennis mit den Freundinnen, das Zusammenkehren des Laubes im winterlich leeren Pool.

Nach etwa zehn Minuten kommt in dem Film der Schweizerin Christine Repond die Gewissheit - und die Erschütterung, die sehr präsent, aber noch nicht zu sehen ist. Meredith erfährt die Diagnose von einem jungen Arzt: Sie ist HIV-positiv.

Hilflosigkeit und offene Fragen

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Meridith (Barbara Auer) erfährt von ihrem Arzt die niederschmetternde Diagnose.

Das titelgebende Vakuum scheint plötzlich rund um die Heldin zu entstehen. Meredith, die die Diagnose zunächst für sich behält, wirkt in der Bildkomposition einsam, vereinzelt: beim Abendessen mit Freunden, bei den Treffen mit den Töchtern und Enkeln. Da ist eine Verunsicherung, die sich zum Beispiel in hilflosen Fragen äußert.

Blutkonserven hat sie keine bekommen. Also kann Meredith nur von ihrem Mann angesteckt worden sein. Robert Hunger-Bühler spielt ihn als zugewandten, aufmerksamen Partner. Da ist diese Selbstsicherheit des Machers und sanften Machos.

Und Barbara Auer? Sie erzählt mit den Augen, mit Gesten, mit ihrer Körperhaltung wie ihre Figur langsam den Boden unter den Füßen verliert. Sie bewahrt eine unheimliche Ruhe - und spielt doch die Risse in der Existenz ihrer Figur. Und sei es nur mit diesem plötzlichen nervösen Husten während einer Ballettaufführung.

Der Wahrheit auf der Spur

Meredith fasst sich eines Morgens ein Herz und folgt ihrem Mann mit dem Auto. Sie landet in einem Bordell. Die Eskalation lässt nicht auf sich warten, im heimischen Badezimmer, in einem buchstäblich nackten Moment.

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Meridith ist verzweifelt und hilflos in dieser fatalen Situation.

Das Faszinierende an diesem Film ist die hypnotische Ruhe seiner genau komponierten Einstellungen. Äußerlich geschieht nach dieser Auseinandersetzung kaum etwas. Aber unendlich viel wird sich abspielen: im Gesicht von Barbara Auer, zwischen ihren Sätzen, wenn sie sich einem Arzt offenbart.

"Vakuum" ist - natürlich - auch ein Film über die Tabuisierung der Krankheit Aids. Über den hilflosen Umgang mit ihr in vermeintlich aufgeklärten Schichten. Über die Sprachlosigkeit und die unerklärliche, aber eben übermächtige Scham, die alles lähmt.

Barbara Auer spielt sensibel und eindringlich

Ja, Vakuum ist ein großer Auftritt von Barbara Auer, die mit ihrer unergründlichen Präsenz jedes Bild erfüllt. Die niemals für die Kamera spielt und ganz bei ihrer Figur ist: etwa in der Küche einer Freundin, während drüben im Esszimmer die Männer den neuen Auftrag des Architekturbüros feiern. Sie hat Selbstzweifel und Lebenszweifel.

Wie stellt man sich der Tatsache, dass etwas Irreversibles geschehen ist? Meredith wird die Quadratur des Kreises versuchen, einen Weg zu ihrem Mann suchen und trotzdem allem ins Auge sehen.

Kann man nach einer Trennung als Ganzes weiterleben oder bleibt man ein halbes Paar? Ist die Paarbeziehung der Kompromiss, den man gegen die Einsamkeit eingeht? Und kann jemanden zu lieben bedeuten, nicht mehr mit ihm zusammenleben zu können? Das sind die Fragen, die dieser Film stellt, allein schon durch die Blicke der großartigen Barbara Auer.

Vakuum

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland, Österreich
Zusatzinfo:
mit Barbara Auer, Robert Hunger-Bühler, Oriana Schrage
Regie:
Christine Repond
Länge:
85 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
14. März 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 14.03.2019 | 07:20 Uhr

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