Stand: 28.12.2019 21:26 Uhr  - NDR Info

Kino-Rückblick 2019: Joker, Legenden und Systemsprenger

von Walli Müller

Zum Jahresende wird überall Bilanz gezogen - auch in der Film-Branche. Die Blockbuster des Jahres waren mal wieder die Superhelden-Filme: "Avengers - Endgame" zog in Deutschland mehr als fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer ins Kino. Nur die Realverfilmung vom "König der Löwen" schaffte noch mehr: fünfeinhalb Millionen. Erfolgreichster deutscher Film war "Das perfekte Geheimnis" mit mehr als vier Millionen Zuschauern. Aber die erfolgreichsten sind natürlich nicht immer die interessantesten Filme. Walli Müller blickt zurück auf die bemerkenswerten Kino-Events des vergangenen Jahres.

2019 war das Jahr der Horror-Clowns: Erst gab es ein weiteres Kapitel von Stephen Kings "Es", dann Joaquin Phoenix als "Joker": Lachen und Weinen sind bei ihm eins. Der Film, der die Vorgeschichte von Batmans abgrundtief bösem Gegenspieler erzählt, ist das Psychogramm einer gequälten Seele, virtuos düster inszeniert. "Sie stellen mir jede Woche dieselben Fragen: 'Wie läuft's im Job? Haben Sie irgendwelche negativen Gedanken?' Ich habe ausschließlich negative Gedanken!", erklärt der Joker seiner Sozialarbeiterin.

Oscar für Joaquin Phoenix so gut wie sicher

Der Oscar für diesen Auftritt dürfte Joaquin Phoenix so gut wie sicher sein. Überreichen würde den Oscar als Vorjahres-Siegerin die Britin Olivia Colman. Sie legte einen fulminanten Auftritt hin als englischen Königin Anne in Yorgos Lanthimos' böser Historien-Farce "The Favourite". Eine Monarchin, die sich eine Ménage-à-trois mit zwei Hofdamen leistet und damit einen mörderischen Zicken-Krieg in Gang setzt - das war nicht unbedingt historisch korrektes, aber aufregend quergebürstetes Geschichtskino. Leider bringt es ein Film wie dieser auf kaum mehr als 240.000 Zuschauer. Der Rest hat was verpasst!

Paradox: "The Irishman" praktisch nicht im Kino

Wirklich paradox ist, dass einige der stärksten Filme in diesem Jahr praktisch kaum im Kino zu sehen waren - weil sie exklusiv für Netflix gedreht wurde. Dazu gehört "The Irishman" von Martin Scorsese mit Robert De Niro als Mafia-Killer. Immerhin war dieser in vereinzelten deutschen Kinos ein paar Wochen lang zu sehen. Ja, der Streaming-Gigant steckt Geld in Projekte, die sonst kein Studio finanziert hätte. Aber die Filme sind dann nur exklusiv für die Streamingdienst-Abonnenten zu sehen. Ärgerlich für alle, die Werke großer Regisseure auch gerne auf der großen Leinwand sehen möchten. Die Chance gibt es bei Netflix-Produktionen nur vereinzelt in ein paar Programmkinos - und das, wie böse Zungen behaupten, auch nur, damit man bei den großen Film-Preisen mit ins Rennen gehen kann. Der dreifache Oscar-Gewinn mit "Roma" von Alfonso Cuarón war schon ein entsprechender Triumph.

Quentin Tarantino dreht immer noch auf 35 mm

Immerhin Quentin Tarantino dreht noch fürs Kino! Und zwar stur auf 35 Millimeter Zelluloid - koste es, was es wolle. Seine Hommage an das Hollywood der 60er-Jahre - "Once Upon A Time In ... Hollywood" - ist ein Liebhaberstück für cineastisch Begeisterte wie ihn selbst. Aber auch massenkompatibel durch die Star-Besetzung mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt. Der eine ein Action-Darsteller in den Sixties, der andere sein Stunt-Double. Mindestens ebenso spannend und brillant inszeniert war Bong Joon-hos Sozial-Satire "Parasite", die sowohl Kritiker als auch das Publikum begeisterte. Der Cannes-Sieger gehört zu den herausragendsten Filmen des Jahres.

"Systemsprenger" hat 500.000 Zuschauer erreicht

Eine grenzerweiternde Kino-Erfahrung bescherte die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt dem Publikum mit "Systemsprenger". Der Film über eine unbezähmbare Neunjährige (Helena Zengel als Benni), die mit dem Bobby-Car Fenster einschmeißt, war die deutsche Oscar-Einreichung in der Kategorie bester internationaler Film fürs kommende Jahr - hat es dann aber nicht zur Nominierung geschafft.

Und dann gab es noch den Trend, Musik-Legenden im Kino zu feiern: Elton John in "Rocketman", Bruce Springsteen in "Blinded by the Light" und die Beatles, an die sich nur noch ein einziger Mensch erinnert, in der herrlich skurrilen Danny Boyle-Komödie "Yesterday".

Was kann danach noch kommen? Logisch, eine filmische Verbeugung vor Udo Lindenberg! "Mach Dein Ding" heißt der Film, der den Mit-Erfinder des Deutsch-Rock feiert. Läuft dann ab 16. Januar im Kino. Sollten Sie mehr über das Kino im kommenden Jahr wissen wollen, haben wir dafür eine Vorschau der spannendesten Filme 2020 zusammengestellt.

 

Vorschau auf 2020
Szene mit Gal Gadot als Diana in "Wonder Woman 1984" - in der sie zwei Männer entwaffnet - Regie: Patty Jenkins © 2020 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC Foto: Clay Enos / DC Comics

Die spannendsten Filme 2020 im Kinosessel

2020 bietet ein Wiedersehen mit "Dune" und der "Wonder Woman". Neu ist der 25. Fall für James Bond. Moritz Bleibtreus Regiedebüt "Cortex" - ein Psychothriller - startet Ende Oktober. Bildergalerie

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NDR Info | Kultur | 27.12.2019 | 09:55 Uhr

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