Stand: 30.04.2018 00:01 Uhr

Jürgen Vogel - Ausgezeichneter Außenseiter

von Stefanie Grossmann

"Ich spiele am liebsten gebrochene Typen und Arschlöcher. Das macht mir einfach Spaß!" Das Zitat passt zu Jürgen Vogel: Ob Serienmörder, Vergewaltiger oder Obdachloser - keiner kann diese Charaktere besser verkörpern als der Schauspieler mit dem breiten Grinsen und den frechen Zahnlücken. In rund 35 Jahren hat der "Bad Boy" in mehr als 100 Spiel- und Fernsehfilmen mitgewirkt.

Filmografie - Von "Kinder aus Stein" zur Steinzeit

Vom Kindermodel zum Schauspieler

Im bürgerbewegten Jahr 1968 kommt Jürgen Vogel am 29. April in Hamburg-Altona zur Welt. Gemeinsam mit drei Geschwistern wächst er im Stadtteil Schnelsen auf. Sein Vater arbeitet als Kellner und Kranfahrer, seine Mutter ist Hausfrau. Bereits mit neun Jahren zieht es Vogel vor die Kamera - er arbeitet als Kindermodel für den Otto-Versand. Mit 15 verlässt er die Schule mit der mittleren Reife in der Tasche und zieht zu Hause aus. In der Kartei seiner Agentur wird er als Schauspieler von Regisseur Volker Maria Arend entdeckt - und bekommt seine erste Rolle.

Schauspielschüler für einen Tag

Während der Dreharbeiten zum Jugenddrama "Kinder aus Stein" (1986), in dem Vogel einen verwahrlosten Straßenjungen spielt, kristallisiert sich der Berufswunsch Schauspieler heraus. Einen Tag besucht er in München die Schauspielschule, hält es dort aber nicht aus. Sie ist ihm zu realitätsfremd. Jürgen Vogel zieht nach Berlin. Dort lebt er mit Schauspielkollege Richy Müller zwei Jahre lang in einer Wohngemeinschaft. "Ich fand gut, was er machte: dieses proletarische Schauspiel", sagt er in der "WAZ", das mit Schauspiel als Kunstform weniger zu tun habe. Mehr mit dem echten Leben.

Durchbruch mit "Kleine Haie"

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Der Erfolg kommt mit Sönke Wortmanns "Kleine Haie": Dort mimt Vogel 1991 den Tellerwäscher Ingo.

Zunächst kann Vogel nicht von seinen Rollen leben und jobbt unter anderem als Paketfahrer und Küchenhilfe. 1992 kommt der Durchbruch mit Sönke Wortmanns "Kleine Haie". Für seine Rolle bekommt Vogel den Bayerischen Filmpreis. Es folgen Auftritte in Krimis wie Tatort und Der Fahnder. 1995 gründet er mit dem Regisseur Matthias Glasner die Schwarzweiss Filmproduktion und arbeitet seitdem auch als Produzent. Ihr Erstlingswerk ist "Sexy Sadie" (1996) - in dem Jürgen Vogel einen Serienmörder mimt. Immer wieder spielt Vogel diese authentischen Typen: Kriminelle, Loser und Rebellen. Der "Spiegel" schreibt über ihn: "Vogels Figuren tragen Namen wie Ingo, Andy, Dieter, Pit oder Charly - Namen, die nach Berufsschule und Dosenbier vom Kiosk riechen." Alle seine Rollen haben eins gemein: Sie lassen Schwächen und Brüche zu.

Silberner Bär als Mime und Produzent

In diese Kategorie der gebrochenen Protagonisten gehört auch "Der freie Wille", den Jürgen Vogel wiederum mit Glasner umsetzt. Darin mimt er einen Serien-Vergewaltiger. Für seine herausragende künstlerische Gesamtleistung als Schauspieler, Koautor und Koproduzent des Filmes gewinnt Vogel 2006 einen Silbernen Bären. "Mich interessieren Kinofiguren, die vielleicht nicht sympathisch sind, aber für die man eine gewisse Nähe empfindet. Weil sie uns daran erinnern, dass wir alle im Leben Fehler machen", sagte der Schauspieler dem "Hamburger Abendblatt".

Einprägsame Rollen

Gerade diese authentischen Rollen bleiben beim Zuschauer im Gedächtnis. Filme wie "Das Leben ist eine Baustelle" (1995), "Emmas Glück" (2006), "Die Welle" (2008) und "Gnade" (2012) sind ohne Vogel kaum denkbar. Als Sympathieträger kommt der Darsteller in diesen Filmen nur bedingt rüber. Er ist unbequem, prollig und macht den Mund auf - egal was Kritiker und Publikum von ihm denken.

Privat ein richtiger Familienmensch

Perfektionismus ist nichts für Vogel - auch nicht im Privatleben. Bereits mit 20 wird er Vater einer Tochter. Trotz der Trennung von der Mutter kümmert er sich um das Kind. Überhaupt ist Familie das Wichtigste für den Mimen. Heute lebt der Vater von fünf Kindern im Berliner In-Viertel Prenzlauer Berg.

Jürgen Vogel blickt positiv in die Zukunft

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Von 2009 bis 2011 ist Jürgen Vogel in der "Schillerstraße" unter anderem neben Oliver Welke (links) zu sehen.

Obwohl sich Jürgen Vogel nicht als intellektuellen Schauspieler sieht, hat er stets mit Autorenfilmern wie Jan Schütte, Oskar Roehler oder Wolfgang Becker gedreht. Dabei differenziert er durchaus bei der Wahl seiner Angebote. Dem "Spiegel" sagte er einmal: "lieber eine geile Serie als ein beschissener Kinofilm." So "zieht" Jürgen Vogel 2009 in die fiktive "Schillerstraße" beim Privatsender "SAT.1". In der Improvisationscomedy gibt es kein Drehbuch, lediglich ein vorgegebenes Thema.

Groß in Erscheinung getreten ist Vogel zuletzt als "Der Mann aus dem Eis" - in dem Film spielt er überzeugend den steinzeitlichen Mann, der vor mehr als 5.000 Jahren in den Alpen starb, 1991 als Gletschermumie geborgen und "Ötzi" getauft wurde. Rund 35 Jahre erfolgreiche Schauspielerei liegen hinter Jürgen Vogel. Wenn es nach ihm geht, dürfen wohl gerne etliche Jahre folgen.

 

Programmtipp
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Polizeiruf 110: "Demokratie stirbt in der Finsternis"

Alle Informationen zu Inhalt, Besetzung und Sendeterminen des Polizeirufs "Demokratie stirbt in der Finsternis" vom 29. April 2018 bei Das Erste mit Jürgen Vogel, Maria Simon und Lucas Gregorowicz. extern

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Polizeiruf 110 | 29.04.2018 | 20:15 Uhr

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