Stand: 27.02.2020 14:53 Uhr

"Intrige": Historisches Drama um die Dreyfus-Affäre

von Katja Nicodemus

In Frankreich ist der Film "Intrige" von Roman Polanski schon seit November zu sehen und hat für ordentlich Wirbel gesorgt - seit Anfang Februar ist er auch in den deutschen Kinos. Die Geschichte rund um den unschuldig als Spion verurteilten Hauptmann Alfred Dreyfus spaltete die französische Gesellschaft um 1900. Berühmt wurde Emile Zolas Schrift "J'accuse", eine Anklage der Verschwörer, die Beweise gefälscht und den wahren Schuldigen gedeckt hatten.

"J'accuse" ist auch der Original-Titel des neuen Films von Roman Polanski, der die Affäre aufrollt. Auf dem Festival von Venedig gewann "Intrige", wie der deutsche Titel des Films lautet, den Großen Preis der Jury.

Es ist ein demütigender Akt: eine militärische Degradierung. Auf dem Exerzierplatz werden dem jüdischen Hauptmann Dreyfus die Knöpfe und Epauletten abgerissen, sein Säbel wird zerbrochen. Roman Polanski inszeniert diese Szene nüchtern, sachlich. Es liegt schon genug Dramatik in der Verurteilung dieses Mannes, von dessen Unschuld wir von Anfang an wissen.

Polanski inszeniert "Intrige" aus Sicht des Ermittlers

Polanski wählt für seinen Film eine überraschende Perspektive: Protagonist von "Intrige" ist nicht das Opfer, Hauptmann Alfred Dreyfus, sondern der Ermittler, der Ende des 19. Jahrhunderts die antisemitische Intrige des französischen Militärgeheimdienstes gegen Dreyfus aufdeckte. Jean Dujardin spielt diesen Major Marie-Georges Picquart mit unbewegtem Gesicht und militärisch durchgedrücktem Rücken. Picquart ist selbst ein bekennender Antisemit.

Picquart übernimmt das Kommando über den Geheimdienst, als Dreyfus schon verurteilt und degradiert ist. Gemeinsam mit Picquart betreten wir das lichtlose Geheimdienstquartier. Die Dielen knarren, die Schränke wirken verstaubt, man glaubt den Muff zu riechen. In diesen für Polanski typischen klaustrophobischen Räumen wirkt das ständige Salutieren wie eine Geste der Selbstberuhigung, die Institution selbstherrlich und dabei doch heruntergekommen.

Dreyfus-Affäre: Beschuldigungen und Vertuschung

Präzise veranschaulicht Polanski die Methoden des Geheimdienstes: Grafologie, Beschattungen, gestohlene und zusammengeklebte Briefe, Abhörrohre. Picquart, der neue Chef, entdeckt Schludrigkeiten, Vertuschungen. Er blickt in ein System, das sich selbst reproduziert, seinen Nationalismus, Korpsgeist, Antisemitismus. Er beginnt daran zu zweifeln, dass es Dreyfus war, der militärische Geheimnisse an die Deutschen verriet - während seine Vorgesetzten sich immer noch in ihrem vermeintlichen Triumph suhlen.

Die Welt von "Intrige", die Welt des französischen Militärs um 1900, ist eine Männerwelt. Eine Welt der Schnurrbärte, Säbel, zusammengeschlagener Hacken. Man ist fast erleichtert, dass es dennoch eine Frau gibt, die für einen anderen Tonfall sorgt. Emmanuelle Seigner spielt Picquarts Geliebte Pauline. Nebenbei ist sie die Ehefrau seines besten Freundes. Die Dialoge der beiden verleihen dem Film einen Hauch von moralischer Freizügigkeit.

Tief verwurzelter Antisemitismus

In "Intrige" wirkt der tief verwurzelte Antisemitismus des französischen Militärs und der französischen Gesellschaft fast wie eine Massenpsychose. Picquarts Umgebung ist felsenfest von Dreyfus' Schuld überzeugt, weil es keinen anderen Schuldigen geben darf und kann.

Absurde Züge hat Picquarts Besuch bei dem Grafologen, der auf einem verräterischen Schreiben Dreyfus' Handschrift zu erkennen glaubte. Mathieu Amalric spielt diesen Spezialisten, der sich in einer Mischung aus Ressentiments und Pseudowissenschaft verheddert.

Picquart und Zola kämpfen gegen Machtmissbrauch

Picquart beginnt zu kämpfen. Er verbündet sich mit Dreyfus' Verteidigern, unter anderem dem Schriftsteller Émile Zola. Er sammelt Beweise für die Unschuld des Hauptmanns und findet heraus, wer der wahre Schuldige ist. Doch bei seinem Minister stößt er auf taube Ohren.

Der Apparat wendet sich gegen den Enthüller. Hier offenbart sich die kühle Gegenwärtigkeit und Modernität des Films. "Intrige" zeigt die Manipulation von Öffentlichkeit, den Machtmissbrauch durch Institutionen, die Mobilisierung des Ressentiments. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist unseren Zeiten erschreckend nah.

Intrige

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich, Italien
Zusatzinfo:
mit Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner
Regie:
Roman Polanski
Länge:
132 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
6. Februar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 06.02.2020 | 07:20 Uhr

Weitere Kinoneustarts der Woche

Maren Kroymann als Leih-Oma in "Enkel für Anfänger"

Gute deutsche Komödien sind rar - auf diese darf man sich freuen. Denn es gibt richtig viel zu lachen in "Enkel für Anfänger" mit Maren Kroymann, Barbara Sukowa und Heiner Lauterbach. mehr

Weitere Kinohighlights

Eine Kämpferin im goldenen Anzug hockt angriffsbereit am Boden - Szene mit Gal Gadot als Diana in "Wonder Woman 1984" -  - Regie: Patty Jenkins ©  2020 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC Foto: Clay Enos / DC Comics

Diese Filme kommen 2020 trotz Corona noch ins Kino

Viele Kinofilme starten wegen der Corona-Krise im Herbst und Winter. Etwa "Wonder Woman 1984" und Cortex. Eine Übersicht. mehr

Mehr Kultur

Moritz Bleibtreu mit Brille und blauer Jacke als Hagen - Szene aus "Cortex", dem in Hamburg gedrehten Regiedebüt von Moritz Bleibtreu © Warner Bros /Port au Prince Film und Kultur Produktion

Die Kinostarts der Woche

Neu im Kino: das Regiedebüt von Schauspieler Moritz Bleibtreu, eine französische Komödie und ein Katastrophendrama mit Gerard Butler. mehr

Regisseur und Schauspieler Moritz Bleibtreu (r.) bei der Weltpremiere seines Filmes "Cortex" © Georg Wendt / dpa bildfunk Foto: Georg Wendt

"Cortex": Moritz Bleibtreu spricht über sein Regiedebüt

Wie viele Schauspieler ist jetzt auch Moritz Bleibtreu ins Regiefach gewechselt. "Cortex" ist ein düsterer Mystery-Thriller. mehr

Hände liegen auf der Tastatur eines Laptops, dessen Bildschirm einen Programmier-Code zeigt. © picture alliance/chromorange Foto: Andreas Poertner

"Coding da Vinci": Hackathon bringt Kultur ins Digitale

Programmierer und Kultur-Interessierte können mitmachen und kreativ mit Daten von Museen und Bibliotheken arbeiten. mehr

Die Fassade des Jungen Theaters Göttingen am Marktplatz © dpa Foto: Stefan Rampfel

Finanzspritze für Privattheater: Reaktionen aus dem Norden

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Hilfen für Privattheater angekündigt. Reichen die? Reaktionen aus dem Norden. mehr