Stand: 01.11.2018 14:50 Uhr

"Zum Steppen kamen wir immer zu spät"

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Bjarne Mädel (vorn) und Lars Eidinger spielen in dem Film "25 km/h" ein ungleiches Brüderpaar.

Man kennt Bjarne Mädel vom Theater, vom Tatortreiniger und aus dem Kino. Zuletzt war er in "Gundermann", "1000 Arten Regen zu beschreiben" und im bewegenden Drama "24 Wochen" zu sehen. Für Regisseur Markus Goller hat der Hamburger Schauspieler erstmals mit dem Berliner Lars Eidinger zusammengearbeitet - beim Roadmovie "25 km/h". Hier spielen Mädel und Eidinger entfremdete Brüder, die nach der Beerdigung des Vaters einander auf einer Reise auf Mofas durch Deutschland wieder näherkommen.

Sie haben erstmals mit Lars Eidinger vor der Kamera gespielt. Wie war die Zusammenarbeit?

Bjarne Mädel: Ganz toll. Wir haben uns vorher nicht gekannt. Ich wusste natürlich, wer Lars Eidinger ist, und mag sehr, wie direkt und intensiv er spielt. Ich hatte die Klischees im Kopf, die viele von Lars Eidinger haben: Enfant terrible. Der feiert jede Nacht und muss noch Platten auflegen und läuft durch New York, obwohl er dort gerade Theater gespielt hat. Ich dachte, der schläft gar nicht. Dann haben wir uns kennengelernt. Es ist wahnsinnig angenehm, was für ein Teamspieler Lars ist. Wir haben uns gleich zu Anfang hingesetzt und die Namen der Teamliste des Filmes gepaukt und am zweiten Tag alle mit Namen gegrüßt. Wir hatten Spaß, alle damit zu überraschen. Lars sagt immer sehr lieb, wenn er über unsere Arbeit spricht, es fühle sich so an, als wären wir Brüder. Wenn Lars etwas Tolles gemacht hat, dachte ich, okay, "jetzt muss ich mich ranhalten, jetzt muss ich auch etwas Gutes machen." Aber diese Rivalität war nie negativ, wir haben uns das immer gegönnt und uns eher gegenseitig gepuscht, noch intensiver oder ehrlicher zu sein.

Auf der Reise durch Deutschland begegnen die Brüder immer wieder neuen Leuten. Auf einem Weinfest etwa tollen Freundinnen, gespielt von Alexandra Maria Lara und Franka Potente. Die Brüder beeindrucken den Ort mit ihrer synchronen Stepptanz-Nummer. Wie viel mussten Sie dafür üben?

Mädel: Ich hatte auf der Schauspielschule drei Wochen Steppen. Das ist ein bisschen her. Lars hat das, glaube ich, überhaupt noch nicht gemacht. Wir haben das beide nicht unbedingt geliebt. Wir haben zum Beispiel auch Tischtennis-Unterricht gehabt. Da waren wir immer sehr pünktlich. Zum Steppen kamen wir immer zu spät. Das ist ein Ausdruck davon, ob man etwas mag oder nicht. Wir waren erst beruhigt, als wir Aufnahmen von dem Training gesehen haben. Es fühlte sich nämlich wirklich schlimm an. In der Nacht, in der wir die Steppszene gedreht haben, hat es wahnsinnig geregnet. Es war der schlimmste Drehtag für das Team und wir hatten nur kurze Phasen von drei Minuten, in denen es mal trocken war. Der Boden war entsprechend rutschig und seifig. Wir sind mit dem Ergebnis aber nun ganz zufrieden.

Sie gehen mit einer von Franka Potente gespielten Frau nach dem Fest nach Hause und haben später eine gemeinsame skurrile Bettszene. Inwiefern hat der Film in dieser Hinsicht Ihren Horizont erweitert?

Mädel: Diese Art der Sexualität war mir bisher fremd. Da hat mich Franka Potente in neue Welten eingeführt. Das war vor allen Dingen extrem unkompliziert und angenehm mit Franka. Ich kannte sie vorher ja nicht. Da weiß man, man hat eine Sex-Szene, die ist ein bisschen skurril. Man ist sich dann plötzlich körperlich nah, so wie andere Leute auf Weihnachtsfeiern. Da kommt so jemand aus Hollywood, die dreht mit Johnny Depp und da weiß man dann, was einen erwartet. Franka ist so eine tolle Kollegin, die ihre eigene Eitelkeit gar nicht erst zum Dreh mitbringt. Ich war begeistert und könnte sofort schon wieder ... drehen.

Sie haben sich aus Ihren Erlösen bei der Hafenarbeit früher auch ein erstes Moped gekauft. Wie fühlt sich die Klammer vom Film zu damals an?

Mädel: In dem Film holen wir uns die Jugend zurück, das Gefühl von Freiheit. Das ist etwas, was man selber erlebt haben muss, was man nicht so beschreiben kann. Für uns waren die Straßen abgesperrt. Wenn man nebeneinander auf dem Mofa sitzt oder dann fährt, so ohne Helm den Wind spürt und denkt, "Mensch, das ist unser Beruf und dafür kriegen wir auch noch Geld!" Das war ein tolles Gefühl von Freiheit und hat eine Erinnerung hervorgerufen an früher, als man damit zur Schule gefahren ist. Ich bin nicht Mofa gefahren, sondern gleich eine Achtziger, aber das Gefühl ist ähnlich.

Der Film führt quer durch Deutschland ...

Mädel: Da gab es Einiges zu entdecken. Ich war zum Beispiel noch nie vorher im Schwarzwald und konnte feststellen, dass es da extrem schöne Ecken gibt. Wir haben manchmal auf unseren Auftritt gewartet - und man dachte wirklich, dass ist auch schön, mal Deutschland so zu zeigen. Nicht immer nur die kaputten Industrieanlagen. Sondern zu zeigen, das ist ein ganz schönes Land, in dem wir da leben.

Die Dialoge sind stimmig. Mit wie viel Spaß setzt sich so etwas am Filmset fort?

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Mädel:  Es ist weniger improvisiert, als man denken würde. Das Drehbuch von Oliver Ziegenbalg ist wahnsinnig gut gewesen, sodass man schon beim Lesen tatsächlich das Gefühl hatte, "so sprechen Menschen miteinander". Das Besondere ist ja auch, dass wir Brüder sind und dass es dadurch eine eigene Emotionalität bekommen muss. Das war uns von Anfang an klar, dass es nicht nur ein Gute-Laune-Jungsfilm wird, sondern dass es auch noch um andere Themen geht, zum Beispiel, die wichtigen Entscheidungen nicht zu verpassen und nicht zu bereuen. Das ist die große Angst, meine zumindest: Wenn das Leben mal vorbei ist, zu merken: "Oh, ich habe mein Leben komplett falsch gelebt". Oder: "Ich bin in meinem Leben falsch abgebogen." Deshalb versuche ich beruflich Sachen zu machen, die ich selber gut finde. Und in meinem Privatleben Entscheidungen nicht leichtfertig zu treffen, die ich später bereue.

Sie sind schon viel herumgekommen und haben viel erlebt. Haben Sie trotzdem manchmal Ausbruchsgedanken -  so wie die Brüder auf ein Moped steigen und wegfahren?

Mädel: Ich liebe meinen Beruf und habe extremes Glück, dass ich Sachen machen darf, die ich gut finde. Insofern habe ich gar nicht diesen Gedanken. Früher dachte ich mal, ich schmeiße meinen Reisepass weg und haue ab, keiner wird mich finden und ich fange noch einmal ganz neu an. Das Problem bei diesen Ausbruchsgedanken ist, dass man sich selber immer mitnimmt. Man kann nicht komplett jemand anders sein. Nur als Schauspieler. Im echten Leben geht das nicht.

Das Interview führte Patricia Batlle

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Dieses Thema im Programm:

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