Stand: 13.08.2020 14:12 Uhr  - NDR Kultur

Mafia-Drama: Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
, Regie: Marco Bellocchio
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Marco Bellocchios Film "Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra" wurde 2019 in Cannes gefeiert, sein Hauptdarsteller Pierfrancesco Favino sogar für den Preis des besten Darstellers gehandelt. Nun kommt der etwas andere Mafia-Film, der auf wahren Begebenheiten beruht, in die deutschen Kinos.

Es sind Szenen, die man aus klassischen Mafia-Filmen kennt: Auslöschungskriege verfeindeter Familien, Maschinenpistolensalven von vorbeifahrenden Motorrollern, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Während des sogenannten zweiten großen Mafia-Krieges zu Beginn der 1980er-Jahre wird von Italien aus ein gigantischer Drogenmarkt umkämpft. Der Umsatz heiligt die Mittel, wie man so sagt.

Marco Bellocchio zeigt Brutatlität der Mafia

Ein Familienfest rund um eine Taufe in Sizilien - Szene aus "Il traditore" von Marco Bellocchio ©  Pandora Film
Der Film schwelgt auch in ausgiebigen Festszenen: Hier feiern Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) und seine Frau Cristina (Maria Fernanda Candido) die Taufe ihres jüngsten Kindes.

"Il Traditore" ist ein ungewöhnlicher Mafia-Film. Es fängt schon damit an, dass seine Hauptfigur, Tommaso Buscetta, zu Beginn in Brasilien untergetaucht ist. Hier lebt er mit seiner brasilianischen Ehefrau, von hier aus organisiert er den Drogennachschub für die Cosa Nostra. Doch aus der Ferne muss Buscetta erleben, wie die konkurrierende Mafia-Familie der Corleonesi Hunderte seiner Verbündeten, darunter auch enge Verwandte, umbringt. Die Entscheidung, ob er nach Italien zurückkehren soll, um Rache zu üben, muss Buscetta nicht mehr treffen. Er wird an die italienische Justiz ausgeliefert.

Klug baut Marco Bellocchio seine Hauptfigur im wahrsten Sinne des Wortes als Informanten auf, der von Pierfrancesco Favino melancholisch und introvertiert dargestellt wird. Dieser Mann ist das Medium, das uns die Mafia erklärt - uns und dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, der ihn im römischen Untersuchungsgefängnis dazu bewegt, auszupacken.

Falcone und Buscetta: Verbündete, aber nie Helden

Szene aus "Il traditore" von Marco Bellocchio: Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino, r.)  sagt beim Richter Falcone aus ©  Lia Pasqualino / Pandora Film Foto:  Lia Pasqualino / Pandora Film
Tommaso Buscetta und Richter Giovanni Falcone (Fausto Russi Alesi, l.): Beide werden in Bellocchios Film zu Mitstreitern und Verbündeten.

Zunehmend fasst Buscetta Vertrauen zu Falcone, denn das Ziel der beiden Männer ist das gleiche: Den Schlächtern und Kommandanten der Corleonesi das Handwerk zu legen, etwa dem psychopathischen Massenmörder Salvatore, genannt "Toto" Riina.

Falcone und Buscetta - zwei Männer, die eine Aura der Einsamkeit umgibt. In Bellocchios Film werden sie zu Mitstreitern, Verbündeten, vielleicht auch zu Seelenverwandten, aber nie zu Helden. Als todesverachtende Weggefährten begegnen sie dem italienischen Mafia-Organismus, der sich tief in der Politik und den Institutionen eingewurzelt hat. Falcone, der Untersuchungsrichter, der 1992 von der Mafia mit seiner Frau und drei Leibwächtern in die Luft gesprengt wurde, bringt es auf den Punkt, als er sagt: "Die Mafia ist nicht unbesiegbar. Ein menschliches Phänomen: Sie hatte einen Anfang und wird ein Ende haben."

"Il Traditore": Abrechnung mit der Cosa Nostra statt Glorifizierung

Die Gerichtsverhandlungen, die sogenannten Maxi-Prozesse, zeigt Bellocchio als groteske Veranstaltung. Es ist eine Mischung aus Macho-Kampf, Lügenparade und absurdem Theater. Eingesperrt in käfighafte Verschläge schreien und höhnen die angeklagten Mafiosi. Der Kronzeuge Tommaso Buscetta hingegen bleibt ruhig. Geschützt von kugelsicheren Glaswänden beharrt er auf seinem Ehrenkodex. 

Hier gibt es nicht den Glamour der großen Paten, den Mythos des Verbrechens. Marco Bellocchio zeigt die Cosa Nostra als armselige, verkommene, gierige, abstoßende Organisation - und rechnet mit ihr auf der Leinwand ab.

Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Genre:
Historiendrama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Italien / Frankreich / Deutschland / Brasilien
Zusatzinfo:
mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Luigi Lo Cascio
Regie:
Marco Bellocchio
Länge:
153 Minuten
FSK:
ab 12
Kinostart:
ab 13. August

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 13.08.2020 | 07:20 Uhr

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