Stand: 03.05.2017 15:14 Uhr

"Get out" - Rassismus hinterm Gartenzaun

Get Out
, Regie: Jordan Peele
Vorgestellt von Katja Nicodemus

"Hidden Figures", "Fences", "Moonlight" - bereits bei den diesjährigen Oscarnominierungen wurde klar, dass das amerikanische Gegenwartskino sich vehement und kritisch den Lebens-, Liebes- und Arbeitsbedingungen von Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft widmet - in Sozialdramen, Biopictures, historischen Erzählungen. Nun ist das Thema auch im Horrorfilm angekommen. Eine Rezension über Jordan Peeles "Get out".

Ja, alles scheint so schön locker zu laufen. Chris und Rose sind jung, ihre Liebe ist es auch. Er ist schwarz und sie ist weiß. Na und? Schließlich befinden wir uns hier nicht in irgendeinem rassistischen Kaff in den Südstaaten der USA, sondern in New York, in der gebildeten Mittelschicht. Chris wird gespielt von Daniel Kaluuya und Rose von Allison Williams, einer der Hauptdarstellerinnen der Serie "Girls". Das Filmpaar fährt zu Eltern in die amerikanische Provinz. Auf der Fahrt durch die Wälder läuft dem jungen Paar ein Hirsch vors Auto. Und dann werden die beiden von einem Polizisten daran erinnert, dass die USA jenseits von New York ein anderes Land sind. Er besteht darauf, Chris' Papiere zu sehen - obwohl dieser nicht gefahren ist.

Horror zwischen Trash und Satire: "Get Out"

Verkrampft-lässiges Überspielen der Rassenspannungen

Regisseur von "Get out" ist der schwarze Comedian und Autor Jordan Peele. Genüsslich spießt er die ausgestellte Liberalität des liberalen Milieus auf, die schulterklopfende Verbrüderung mit dem Vertreter einer Minderheit. Die joviale Offenheit von Roses Eltern, großartig gespielt von Catherine Keener und Bradley Whitford. Sie ist Psychiaterin mit Hypnoseausbildung, er Neurologe. Die erste Begegnung mit dem schwarzen Freund der Tochter ist ein einziges Herumkurven, ein verkrampft-lässiges Überspielen der Rassenspannungen.

Das Sympathische an "Get out" ist: Dieser Horrorfilm, der in den USA zu einem Überraschungserfolg wurde, ist letztlich ein unaufwendig zusammen geschustertes B-Movie, irgendetwas zwischen Trash und Gesellschaftssatire. Der Film arbeitet mit einfachsten, aber eindringlichen Mitteln. Und mit einem klassischen Schema des Horrorfilms: Nach und nach verdichten sich die Zeichen dafür, dass in diesem vordergründig entspannten weißen Haushalt etwas nicht stimmt. Wie weggetreten wirken die schwarzen Hausangestellten. Zu einem Fest rund um den zukünftigen Schwiegersohn erscheint eine etwa 60-jährige weiße Nachbarin mit einem mindestens 30 Jahre jüngeren schwarzen Lebensgefährten. Auch er wirkt seltsam abwesend. Als Chris ihn fotografiert, bekommt der junge Mann Nasenbluten. Und dann gibt es da plötzlich diese mehr oder wenigen offen rassistischen Bemerkungen zu seinem Körper.

Ein Außenseiter sieht sich plötzlich einer Bedrohung gegenüber. Was macht er? Er sucht sich Verbündete. Als sich die schwarze Hausangestellte bei Chris dafür entschuldigt, dass sie das Ladekabel seines Handys verlegt hat, ergreift er seine Chance - doch ohne Erfolg.

Je weißer der Gartenzaun - desto mehr Leichen im Keller

Weshalb ersetzt die schwarze Frau das umgangssprachliche Wort "Auffliegen" durch ein gewählteres, das zu dem Bildungshintergrund einer anderen Gesellschaftsschicht gehört - "Anschwärzen"? Die Auflösung sollte hier nicht verraten werden. Nur so viel: Es ist kein Zufall, dass Roses Vater Neurochirurg ist. Und nebenbei bestätigt sich wieder einmal die alte Regel: Je weißer die Gartenzäune eines amerikanischen Hauses sind, desto mehr Leichen befinden sich in seinem Keller.

Hintergründe

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Get Out

Genre:
Horror
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Catherine Keener, Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford
Regie:
Jordan Peele
Länge:
104 Min.
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
4. Mai 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 04.05.2017 | 06:20 Uhr

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