Stand: 27.12.2017 06:00 Uhr

Beklemmender Film über Schuld und Rache

The Killing of a Sacred Deer
, Regie: Yórgos Lánthimos
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Bereits in früheren Filmen hat Yórgos Lánthimos so rätselhafte wie spannungsvolle Versuchsanordnungen entworfen. Kunstwelten, in denen er Paarbeziehungen, Familie und Gesellschaft untersucht, seziert - und implodieren lässt.

Auf den ersten Blick eine Vorzeigefamilie

Geplänkel bei beruflichen Feiern: Small Talk, Drinks oder eben keine Drinks. Das Ehepaar Murphy bewegt sich souverän durch diese Welt. Gut, sie erklärt ein wenig umständlich, weshalb er keinen Alkohol trinken sollte. Aber sonst ist doch alles okay, oder?

Steven Murphy ist ein bekannter Chirurg in einer amerikanischen Großstadt. Anna Murphy leitet eine Augenklinik. Gespielt werden sie von Colin Farrell und Nicole Kidman. Zwei Superstars in der Rolle zweier sozial supererfolgreicher Menschen mit luxuriösem Haus, hübschen Kindern, dicken Autos.

Ein unheimlicher Racheengel

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Martin (Barry Keoghan) sucht immer öfter die Nähe zu Stephen.

Wie gesagt, eigentlich ist alles okay bei den Murphys. Außer, dass ihre Welt fast ein wenig zu perfekt ist: adrett, glatt und geradezu klinisch sauber. Neben seiner Rolle als Familienvater scheint Mr. Murphy noch dazu eine väterliche Funktion für einen halbwüchsigen Jungen zu übernehmen. Hin und wieder treffen sich die beiden. Immer alleine. Bis seine Frau den beiden durch Zufall begegnet.

Bald wird klar: Martins Vater ist nicht bei dem Unfall umgekommen. Er starb auf Stephen Murphys OP-Tisch, unter den Händen des damals alkoholisierten Chirurgen. "The Killing of a Sacred Deer" von dem griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos ist ein Film über Schuld - und Rache. Denn Martin wird wie ein Racheengel in das Leben der Familie eindringen. Zunächst mit unheimlichen Anrufen.

Beunruhigendes Szenario

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Anna Murphy (Nicole Kidman) ist zutiefst beunruhigt.

Die Kamera-Einstellungen dieses Films haben eine beunruhigende Distanz. Wie verloren wirkt die Familie Murphy in den Fluren der Klinik, in ihrem unbehaust wirkenden Haus. Inmitten dieser sterilen Totalen beginnt ein absurdes Szenario. Immer wieder zwingt Martin den Chirurgen, der den Tod seines Vaters verschuldet hat, zu sich nach Hause zu kommen. Bis hin zum Versuch, den Mann mit seiner Mutter zu verkuppeln.

"The Killing of a Sacred Deer" verbindet die saturierte Lebensform der oberen amerikanischen Mittelschicht mit dem antiken Konzept eines Frevels, der gesühnt werden muss. In dem Film wird sich die Rache an den Kindern der Murphys vollziehen. Plötzlich weisen sie geheimnisvolle Krankheitssymptome auf. Blaue Flecken, Blutungen. Während Colin Farrell als Vater verzweifelt versucht, die Normalität weiterzuspielen, stellt sich Nicole Kidman als Mutter der unausweichlichen Katastrophe.

Opfer und Sühne wie in einem antiken Mythos

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Im oberen Stockwerk seines Hauses erwartet Steven eine böse Überraschung.

Der Filmtitel "The Killing of a Sacred Deer" spielt auf den antiken Mythos des Agamemnon an. Weil er in einem heiligen Hain einen Hirsch erlegte, soll er seine Tochter opfern. Auch in Lanthimos' Film wird ein Opfer verlangt, ohne dass dies je ausgesprochen werden muss. Natürlich wird hier mehr verhandelt als die Schuld eines Arztes. Es geht um die Kälte und Abgeschlossenheit, letztlich auch um die beiläufige Rücksichtslosigkeit einer Lebensform.

Das Unbehagen, das der Film virtuos erzeugt, geht über die konkrete Geschichte hinaus. Schade, dass er gegen Ende zu sehr auf Horroreffekte setzt. Dabei sagt Nicole Kidmans ausdrucksvoll ausdrucksloses Gesicht doch schon mehr, als die Dialoge erzählen.

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The Killing of a Sacred Deer

Genre:
Fantasy-Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Großbritannien, Irland
Zusatzinfo:
mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan
Regie:
Yórgos Lánthimos
Länge:
121 min
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
28. Dezember 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 28.12.2017 | 07:20 Uhr

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