Schauspieler Shia LaBeouf (r.) spielt seinen eigenen Vater in "Honey Boy", links Schauspieler Noah Jupe als Shia LaBeouf als Kind © imago images / ZUMA Wire / Amazon Studio

"Honey Boy": Starkes Psychodrama über Shia LaBeoufs Jugend

Stand: 07.01.2021 06:00 Uhr

"Honey Boy" erzählt Geschichte der Jugend des Schauspielers Shia LaBeouf in einem packendem Psychodrama, in dem der Schauspieler seinen eigenen Vater spielt. Der Film ist bei Streamingdiensten zu sehen.

von Hartwig Tegeler

Shia LaBeouf ist in diesen Wochen erneut in die Schlagzeilen geraten. Wegen Alkoholmissbrauchs war der Schauspieler, der mit der "Transformers"-Kinoreihe berühmt wurde, schon häufiger jenseits seiner Kino-Rollen im Fokus der Öffentlichkeit. Jetzt wirft die britische Musikern FKA twigs ihrem Ex-Freund physischen und emotionalen Missbrauch vor. Auf der Berlinale im vergangenen Jahr feierte ein Film seine Premiere, der den Titel "Honey Boy" trägt. Er erzählt die Geschichte der Jugend des Schauspielers und ist bei uns als VideoOnDemand (Amazon) erschienen. 

Geschichte des Kinder-Stars Shia LaBeouf

"Honey Boy" ist die Geschichte eines Kinder-Stars, der - traumatisiert von der Zeit als Kinder-Star - als Erwachsener drogen- und alkoholabhängig ist. Und, ja, dieser Satz gilt: "Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind beabsichtigt!".

"Transformer"-Star Shia LaBeouf nämlich war selber ein Kinder-Star, der unter der Gewalt seines Vaters litt, und er hat nun das Drehbuch über den ehemaligen Kinder-Star geschrieben. Klingt nicht so überraschend. Doch der Film "Honey Boy" wartet noch mit einem verblüffenderen Dreh auf: Shia LaBeouf mimt eben diesen, seinen eigenen Vater. Das könnte man eine sehr spezielle Form von Therapie nennen.

Hauptfigur Otis erinnert sich an brutalen Vater

"Honey Boy" erzählt, wie der Schauspieler Otis, 22 Jahre alt, in einer Entzugsklinik landet. Gefühle kommen hoch. Vor allem wegen seines Vaters James, einem ehemaligen Clown und Junkie, der mit dem Sohn, dem Kinder-Schauspieler, in einem heruntergekommenen Motel lebte. Otis' Erinnerungen sind sehr brutal:

Das Einzige, was mein Vater mir gab, das irgendeine Bedeutung hatte, war Schmerz. Und den wollen Sie mir jetzt nehmen? - Kann ich das? O-Ton aus dem Film

Otis' Vater James ist ein Mann, der damit hadert, dass er von seinem Sohn, dem erfolgreichen Kinder-Darsteller, bezahlt wird. Er schlägt Otis immer wieder, aber - hier fängt die Komplexität dieses Films an - der Vater kämpft auch immer wieder verzweifelt um dessen Zuneigung. So, wie der Sohn sich nach der seines Vaters sehnt.

Was glaubst du, wie sich das anfühlt, wenn mein Sohn mich bezahlt? - Du wärst nicht hier, wenn ich dich nicht bezahlen würde. O-Ton aus dem Film

Die zwei Seiten von Hollywood

Hollywood hat, das ist keine Neuigkeit, eine helle und eine dunkle Seite, eine des Traums und eine des Albtraums, der Kollateralschäden. Ehemalige Kinderdarsteller wie Kristen Stewart, Leonardo Di Caprio, Natalie Portman, Ethan Hawke oder Ryan Gosling, Jake Gyllenhaal, Jodie Foster oder Christian Bale sind die wichtigsten Schauspieler ihrer Generation geworden.

Doch die anderen jungen Stars wurden zu Alkohol- oder Drogenabhängigen mit großen psychischen Problemen. Auch hier nur ein paar Beispiele: Winona Ryder, Macaulay Culkin aus "Kevin allein zu Haus", Drew Barrymore, Lindsay Lohan und die süße Kleine aus dem Disney-"Mickey Mouse Club", die 1998 als Britney Spears zum Popstar wurde und 2007 einen psychischen Zusammenbruch erlitt.

Ende vergangenen Jahres wurden die Vorwürfe seiner Ex-Partnerin publik. Shia LaBeouf hat dazu gesagt, dass zwar vieles daran falsch sei, aber der Schauspieler sagte auch: "Ich habe keine Entschuldigungen für meine Alkoholabhängigkeit oder meine Aggression. Nur Rationalisierungen. Ich missbrauche mich selbst und jeden um mich herum seit Jahren." Er schäme sich dafür, und es tue ihm leid. Alles Aussagen, die sich auch auf eine Zeit beziehen, nachdem der von LaBeouf geschriebene Film "Honey Boy" schon fertig war.

Traumatisierter Ex-Kinder-Star stellt sich Vergangenheit

Also: Ist das mit der filmischen Therapie gescheitert? Alles umsonst? Das wird natürlich nur jemand behaupten können, der von der naiven Vorstellung ausgeht, dass Therapie ein Automatismus ist. Mit "Honey Boy" stellt sich ein traumatisierter Mensch der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Gewordensein, in einer quasi brutalen Ehrlichkeit. Das ist beeindruckend. Aber "Honey Boy" bleibt ein Spielfilm, auch wenn hier die Nähe zwischen dem Leben und der Kunst extrem ist. Trotzdem bleibt die Differenz zwischen beidem.

Herausragendes Psychodrama

Die Qualität dieses Films liegt vor allem aber darin, dass "Honey Boy" klarmacht, dass die Realität, oder vielleicht etwas extremer formuliert: dass die Wahrheit einer Beziehung nicht in einfachen Schwarz-Weiß-Kategorien zu erfassen ist. Shia LaBeouf als Vater und der beim Dreh von "Honey Boy" 14-jährige Noah Jupe spielen grandios die Vater-Sohn-Beziehung. So wird "Honey Boy" zu einem herausragenden Psychodrama, das damit endet, dass der erwachsene Otis nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik seinen Vater im heruntergekommenen Motel aufsucht. Otis sagt:

Ich werde einen Film über dich drehen. - Du willst einen Film über mich drehen? Dann lass mich gut aussehen, Honey Boy! O-Ton aus dem Film

Und eben diesen Film können wir jetzt sehen. Alma Har´el, die die Regie in "Honey Boy" geführt hat, geht es dabei nicht um das "gut" aussehen, sondern um eine Beziehung jenseits von Klischees und einer für uns beim Zuschauen nur schwer auszuhaltenden Ambivalenz zwischen Liebe und Hass, inklusive der Hoffnung auf Vergebung. Das mit dem verwandelten, besseren Menschen muss man wohl einfacheren Geschichten überlassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 07.01.2021 | 06:20 Uhr

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