Szene aus dem Film "Hinterland" - der auf dem Filmfest Hamburg läuft © Square One

Stefan Ruzowitzky über seinen Historien-Thriller "Hinterland"

Stand: 07.10.2021 18:25 Uhr

Der österreichische Regisseur und Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") hat beim Filmfest Hamburg seinen Film "Hinterland" vorgestellt. Im Interview spricht er über seinen historischen Thriller, das Österreich von damals und heute und den Song "La Paloma".

2008 hat Ruzowitzky den Oscar für den besten fremdsprachigen Film für "Die Fälscher" erhalten. Sein neuer Thriller "Hinterland" mit Murathan Muslu in der Hauptrolle als Kriegsveteran und Kriminalist handelt ebenfalls in der Vergangenheit: im Wien der 1920er-Jahre.

Ihr Film hat beim Filmfest Locarno den Publikumspreis auf der Piazza Grande erhalten. Wie ordnen Sie das ein - die Herzen des Publikums zu gewinnen, statt die der Wettbewerbsjury?

Regisseur, Autor und Oscargewinner Stefan Ruzowitzky aus Österreich beim Filmfest Hamburg mit seinem Film "Hinterland" © NDR Foto: Patricia Batlle
Der 59-jährige Drehbuchautor und Regisseur Stefan Ruzowitzky legt mit "Hinterland" einen packenden Historienthriller mit einer Reihe von Morden im Wien von 1920 vor.

Stefan Ruzowitzky: Das hat mich besonders gefreut, weil "Hinterland" nicht ein klassischer Publikumsfilm ist, wo einfach alle Knöpfchen gedrückt werden, von denen man weiß, dass das Publikum das mag. Das ist ein Film, der formal experimentell ist. Wenn man aber trotz dieses experimentellen Charakters die Herzen des Publikums erreicht, dann ist das schon etwas Spezielles.

Der Film spielt im Jahr 1920 in Wien. Was für ein Panorama erwartet das Publikum?

Ruzowitzky: Es geht um den ehemaligen Polizeikommissar Peter Perg, der als Spätheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg nach Wien kommt und dort eine Welt findet, die sich völlig verändert hat. Das Kaiserreich ist zerfallen, Österreich ist ein Kleinstaat, es gibt keinen Kaiser mehr. Alle Werte stehen plötzlich zur Diskussion. All das verändert sich, und er findet sich da überhaupt nicht zurecht. Er bekommt es dann mit einem Mordfall zu tun, wo bald klar ist, dass es mit ihm persönlich zu tun hat. Während er diesen Mordfall löst, muss er es gleichzeitig schaffen, wieder in die Welt zurückzufinden. Er hat eine Gerichtsmedizinerin quasi als Mentorin - Theresa Körner, gespielt von Liv Lisa Fries. Sie hilft ihm ein bisschen dabei, diese großen Veränderungen der Zeit nicht nur als Verlust wahrzunehmen, sondern auch als etwas, das viel Positives mit sich bringen kann.

Die Männer kommen in eine Welt zurück, die sie nicht mehr kennen, ins Hinterland. Was genau ist mit dem militärischen Begriff gemeint?

Ruzowitzky: Eigentlich ist die Welt gemeint, in die unser Held zurückkehrt, wo die Familien sind, die man angeblich mit dem Krieg beschützen muss. Dieses Hinterland verrät unsere Helden. So empfinden sie das, weil sie nicht den Lohn für all ihre Entbehrungen, für das Leid bekommen, den sie erwartet haben. Sie kommen in eine Welt, in der man nichts mehr wissen will vom Krieg, wo man nichts von ihren Leistungen wissen will, wo sie zu Ausgestoßenen werden. Sie sind teilweise Invalide, die ihre Familien verloren haben.

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Szene aus "Hinterland": Kriminalinspektor Peter Perg (Murathan Muslu) blickt auf Wien. © SquareOne Entertainment

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Die Frauen haben sie verlassen, sie sind nicht mehr ins Berufsleben zu integrieren. Unsere Helden empfinden es so, wie es immer war: als große Demütigung, auch als persönliche Erniedrigung. Dass sie versagt und den Krieg verloren haben. Und wie wir Männer das gerne machen, reagieren sie mit Aggressionen gegen sich selbst oder gegen andere. Das ist der Entwicklungsprozess, den unser Held Peter Perg auch durchlaufen muss.

Er kehrt zurück, niemand erkennt ihn, nur sein alter Hund: wie bei Odysseus. Ein Zufall?

Ruzowitzky: Das sind teilweise zufällige, teilweise bewusste Zitate und Mythen im Film. Bei ihm ist es auch nur der Hund, der ihn zu Hause erkennt und Zuneigung entgegenbringt, nachdem er sonst nur Ablehnung erfährt.

Besonders fällt auf, wie schief alle Häuser und Gassen im Film sind. Wie haben Sie diese Perspektive, oft zum Teil von unten nach oben gefilmt, erschaffen?

Ruzowitzky: Die Idee war, dass man die Welt so zeigt, wie sie unser Held empfindet, als etwas, das völlig aus dem Lot geraten ist. Wo nichts mehr gerade und stabil und verlässlich ist, sondern alles bedrohlich, verzerrt und verquer. Das haben wir mit einer Art von Collage gemacht. Wir haben eine fantastische, bedrohliche Welt mit Häusern, teilweise aus historischen Fotos geschaffen. Die Referenz ist der Stummfilm "Das Kabinett des Dr. Caligari", wo man denselben Effekt erzielen wollte. Damals noch mit der Laubsäge und schief gebauten Kulissen. Wir haben das mit modernen Mitteln und Visual Effects gemacht.

Liv Lisa Fries spielt die Hauptrolle als Gerichtsmedizinerin zu einer Zeit, in der man sich das vom Berufsbild historisch nicht vorstellen kann.

Ruzowitzky: Sie erklärt das selbst so, dass sie eine Kriegsgewinnlerin ist, weil all die Herren an der Universität, die sie sonst nie in so eine Position hätten kommen lassen, weg waren. Das war historisch immer so, dass in Kriegszeiten Frauen Chancen bekommen haben, weil die Männer alle weg waren.

Besonders leiden im Thriller "Hinterland" aber die Männer.

Der Wiener Schauspieler Murathan Muzlu beim Filmfest Hamburg © Filmfest Hamburg / Martin Kunze Foto: Martin Kunze
Murathan Muzlu sagt im Gespräch mit dem NDR: "Mein Fokus auf der Rolle des Peter Berg auf seinen Dämonen, seiner Traumatisierung. Dieser Film ist Kunst, ich bin echt stolz darauf".

Ruzowitzky: Es sind diese Kriegsheimkehrer, die diese Erniedrigung empfinden. Für mich war daher von Anfang an klar, dass ich ein typisches Alphamännchen wie den Schauspieler Murathan Muslu brauche, bei dem man sieht, dass er es nicht gewohnt ist, in der zweiten Reihe zu stehen, zu bitten. Der war immer ein Anführer. Da gibt es kaum einen Besseren, sicher nicht in Österreich, aber auch nicht im ganzen deutschsprachigen Raum, der so eine Präsenz und - bei allem Alphamännchen - auch so eine Verletzlichkeit hat wie er. Für mich gab es keine Zweifel, dass er der Richtige für die Rolle ist.

Was hat dieser Stoff mit dem heutigen Wien zu tun?

Ruzowitzky: Als Wiener erkennt man Vieles, erkennt auch, dass falsche Kombinationen von Gebäuden gezeigt werden, die es so nicht gibt. Was schon noch heutig ist, ist: Wir Österreicher haben diese Demütigung, dass wir mal eine Großmacht waren und dann so auf einen unbedeutenden Operettenstaat zurechtgestutzt wurden. Das nagt immer noch an unserer Seele. Und es gibt so einen großen österreichischen Minderwertigkeitskomplex, dass man immer sagt, uns stünde diese historische Größe immer noch zu. Weil wir aber Österreicher sind, haben wir keine Chance. Gerade gegenüber den Deutschen gibt es immer diesen Minderwertigkeitskomplex, "ich bin ja nur ein Österreicher", was für viele eine gute Ausrede ist, dass man sagt: "Es liegt nicht an mir, dass ich es zu nichts gebracht habe im Leben, sondern daran, weil man mir in diesem kleinen Österreich alle Chancen genommen hat." Das ist ein ziemlich lebendiger Mythos.

Ausgerechnet Sie haben doch mit einem Oscargewinn für "Die Fälscher" auswärts für einen gewissen Glanz gesorgt - wie hat sich das für Sie in Österreich ausgewirkt?

Szene aus "Hinterland": Für Peter Perg (Murathan Muslu, von links) mit Marc Limpach als Victor Renner und Max von der Groeben als Paul Severin © SquareOne Entertainment/dpa
In "Hinterland" spielen neben Murathan Muslu und Liv Lisa Fries auch Marc Limpach und Max von der Groeben mit.

Ruzowitzky: Das Lustige war, dass ich nach dem Oscar in Österreich einige Auszeichnungen bekommen habe. Und zwar nicht, weil der Film so gut war, sondern weil ich diese andere Auszeichnung bekommen habe. Weil das eben für die Österreicher so wichtig ist, wenn einer von uns es dann doch schafft. Aber nicht, dass er etwas Tolles macht, sondern, dass er internationale Anerkennung dafür bekommt, was er macht. Wir haben unerkannte Genies im Lande, aber du musst vor den Augen der Welt beweisen, dass du toll bist. Das passt rein in diese Theorie des Minderwertigkeitskomplexes, wo es besonders wichtig ist, was die anderen von uns sagen.

Welchen roten Faden gibt es zwischen Ihren historischen Filmen?

Ruzowitzky: Mein roter Faden ist, dass ich immer eine große Freude an Mainstream-Unterhaltung hatte und mit großer Sorge beobachte, dass die Gesellschaft immer mehr auseinanderbricht. Dass Kunst und Kultur nicht mehr etwas Verbindendes ist, sondern eher was Spaltendes. Dass Theater und Oper einen großen Teil der Bevölkerung verloren haben. Film und Fernsehen ist die letzte Kunstform, wo sich ein Universitätsprofessor, ein Hilfsarbeiter und ein 18-Jähriger mit Migrationshintergrund im Kino, etwa im neuen Bond-Film, wiederfinden. Das finde ich wichtig. Ich finde es sehr schade, dass von der Kulturkritik oft alles, was Mainstream ist, als Kommerz abgelehnt wird. Das sind doch die Dinge, wo man als Gesellschaft eine verbindende Basis finden könnte!

In "Hinterland" kommt mehrfach der Song "La Paloma" vor. Wieso?

Ruzowitzky: Das ist ein ganz altes Lied, das es schon lange vor Hans Albers gab. Das hat unter anderem den Vorteil, dass es rechtefrei ist. Es ist, glaube ich, aus dem 19. Jahrhundert. Es klingt aber viel moderner und ist ein hoch emotionales Lied, mit dem man viel verbindet. Im Film geht es um Emotionen. Und das ist das, was wir Filmemacher unserem Publikum für sein Geld liefern müssen.

Das Gespräch führte Patricia Batlle

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 07.10.2021 | 19:00 Uhr

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