Szene aus "Hinterland": Für Peter Perg (Murathan Muslu) erscheint die Welt nach seiner Heimkehr verzerrt, aus dem Gleichgewicht geraten. © SquareOne Entertainment

"Hinterland": Ein historischer Serienkiller-Thriller

Stand: 07.10.2021 17:36 Uhr

Häuser mit schiefen Fenstern, krumme Straßen: Stefan Ruzowitzkys neuer Thriller "Hinterland" ist geprägt durch ein ungewöhnliches Szenenbild. Zu sehen ist der Film ab 7. Oktober im Kino.

von Bettina Peulecke

Mit dem Film "Die Fälscher", der zur Zeit des Nationalsozialismus spielt, gewann der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky 2007 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Mit seinem neuen Film geht er jetzt noch weiter zurück in die Vergangenheit: "Hinterland" spielt im Wien von 1920. Der Hauptdarsteller ist ein versehrter Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg.

Vom Kriminalinspektor zum Verdächtigen: Peter Perg

Szene aus "Hinterland": Kriminalinspektor Peter Perg (Murathan Muslu) blickt auf Wien. © SquareOne Entertainment
Kriminalinspektor Peter Perg (Murathan Muslu) steht plötzlich selbst im Fokus der Ermittlungen.

Als der ehemalige Kriminalinspektor Peter Perg 1920 in seine Heimatstadt Wien zurückkehrt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Den Krieg hat er überlebt, auch die anschließenden zwei Jahre in russischer Gefangenschaft. Aber nun, in der alten Heimat, sind seine Kameraden und er alles andere als Helden. Das einstige Kaiserreich ist jetzt eine Republik, die neue Heimat der meisten Soldaten das Obdachlosenheim. Und dann wird eine grausam zugerichtete Leiche gefunden. Sie hat einen Zettel mit Pergs Namen bei sich - und Perg steht auf einmal auf einer für ihn ungewohnten Seite von Ermittlungen: Er ist zunächst der Hauptverdächtige.

Murathan Muslu spielt desillusionierten Perg

Perg, gnadenlos düster und desillusioniert gespielt von Murathan Muslu, hatte eigentlich nicht vor, in seinen alten Job zurückzukehren, aber er wird unweigerlich mit hineingezogen. Nicht nur, weil das Opfer ein Kamerad war, sondern auch, weil die Welt des Verbrechens eine ist, in der er sich wenigstens noch zurecht findet, wie er der jungen Gerichtsmedizinerin Theresa gesteht:

Vorhin am Tatort, der Tod, die Verbrechen, da hab ich mich das erste Mal daheim gefühlt und nicht wie hier in einer fremden Welt. Begleiten Sie mich auf einen Kaffee? Ich weiß nicht, ob ich in diese Umgebung passe. Ich lad' Sie ein. Ausschnitt aus dem Film "Hinterland"

Liv Lisa Fries als Gerichtsmedizinerin Theresa

Die Gerichtsmedizinerin Theresa wird von "Babylon Berlin" Star Liv Lisa Fries verkörpert. Erneut spielt sie das emanzipatorische Fräuleinwunder der frühen Kriminalistik: frech, forsch und selbstbewusst-kokett:

Ich bin ein Kriegsprofiteur. Unter normalen Umständen hätten die Herren Professoren mich verschimmeln lassen im gerichtsmedizinischen Archiv. Die neuen Zeiten. Wenn Sie sich bemühen, werden Sie viel Gutes finden. Freiheit, Gerechtigkeit, Veränderung. Ich mag Veränderung. Ausschnitt aus dem Film "Hinterland"

Bei einem Mord bleibt es nicht. Schnell wird klar, dass es sich um einen Serienkiller handelt. Perg wird nicht mehr verdächtigt und übernimmt - nun als Ermittler - die zentrale Rolle. Schauspielerisch beeindruckt Muslu, ebenso wie Matthias Schweighöfer, der einen kurzen, aber prägnanten Gastauftritt hat. Am meisten allerdings prägt sich der ungewöhnliche Look des Films ein.

Erinnerung an einen expressionistischen Stummfilm

Häuser mit schiefen Fenstern, krumme Straßen: Alles ist irgendwie aus den Fugen geraten - eine offensichtliche Metapher für den Zustand der Gesellschaft und den Gemütszustand ihres vermeintlichen Helden. Das Szenenbild und der visuelle Stil erinnern an die Meisterwerke des expressionistischen Stummfilms, allen voran "Das Cabinet des Dr. Caligari".

Das ist gewöhnungsbedürftig und funktioniert nicht durchgehend gut, macht "Hinterland" aber zu einem sehr interessanten historischen Serienkiller-Thriller.

Weitere Informationen
Regisseur, Autor und Oscargewinner Stefan Ruzowitzky aus Österreich beim Filmfest Hamburg mit seinem Film "Hinterland" © Filmfest Hamburg /  Martin Kunze Foto: Martin Kunze

Stefan Ruzowitzky über seinen Historien-Thriller "Hinterland"

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Hinterland

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Luxemburg, Österreich
Zusatzinfo:
mit Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Max von der Groeben, Matthias Schweighöfer
Regie:
Stefan Ruzowitzky
Länge:
98 Minuten
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
7. Oktober 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 06.10.2021 | 08:55 Uhr

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