Stand: 10.10.2019 10:42 Uhr

"Gut gegen Nordwind": Trotz E-Mail-Flirt zeitgemäß

Gut gegen Nordwind
, Regie: Vanessa Jopp
Vorgestellt von Walli Müller

Früher waren Briefromane sehr beliebt. Mit der digitalen Moderne kam dann der "E-Mail-Roman". Einen der schönsten hat der Österreicher Daniel Glattauer geschrieben: In "Gut gegen Nordwind" erzählt er eine Liebesgeschichte ausschließlich in Form hin- und hergeschickter E-Mails. Der Roman wurde bereits für das Theater adaptiert und ist als Romantik-Komödie mit Nora Tschirner und Alexander Fehling in den Kinos.

Leo Leike (Alexander Fehling) und Emma Rothner (Nora Tschirner) - Szene aus dem Film "Gut gegen Nordwind" © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH Foto: Bernd Spauke

"Gut gegen Nordwind": Der Trailer zum Film

Nora Tschirner und Alexander Fehling spielen in "Gut gegen Nordwind" in einer liebenswürdigen E-Mail-Komödie. Der Trailer zum Film.

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Eine Frau und ein Mann, die ausschließlich vor dem Computer sitzen und E-Mails verfassen. Als Film wäre das natürlich stinklangweilig. So sieht man die beiden hier auch in ihrem Umfeld agieren.

Über Leo Leike erfährt man gleich vieles, was im Buch erst nach und nach enthüllt wird. Er arbeitet als Linguistik-Dozent an der Uni und hat eine On- und Off-Beziehung mit Marlene, die ihn gerade mal wieder verlassen hat.

"Gut gegen Nordwind": Virtuelles Kennenlernen durch Vertipper

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Leo (Alexander Fehling) wartet gespannt auf neue E-Mails von Emma.

In diesem Moment schwersten Liebeskummers ploppt nun eine verirrte Mail in Leos Posteingang auf: "Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr" wünscht eine ihm völlig unbekannte Emmi Rothner. Genervt klickt er auf Antworten: "Liebe Emma Rothner, herzlichen Dank für Ihre überaus originelle Massenmail. MFG, Leo Leike." – "Passiv, aggressiver Idiot!"

Leo kann das nicht auf sich sitzen lassen; die beiden kommen virtuell ins Plaudern und registrieren erfreut den Sprachwitz, den sie teilen. Eine halbe Stunde lang bleibt Emma fürs Publikum so unsichtbar wie für Leo. Man weiß nicht, welche Frau sich hinter den Mails verbirgt, erfährt nur so viel, wie sie von sich selbst preisgibt. Das macht den Reiz der Geschichte aus.

E-Mail-Flirt mit Spracherkennung

Streng genommen kommt die Verfilmung von "Gut gegen Nordwind" Jahre zu spät. Denn Online-Dating per Mail mutet fast schon steinzeitlich an. Heute wird per Smartphone gechattet - weshalb Leo in der Film-Version auch manch elaboriert-philosophischen Mail-Erguss der Spracherkennung seines Handys diktiert.

Wenig realitätsnah, aber egal. Es geht ja darum, glaubwürdig zu erzählen, wie zwei Menschen sich allein über Sprache näher kommen. Das funktioniert auch im Film sehr gut.

Nora Tschirner spielt angenehm zurückhaltend

Nora Tschirner, nach einer Weile auch sichtbar präsent, spielt die Rolle der Emma auf angenehm zurückhaltende Art. Der Austausch mit Leo weckt in der Frau, die eigentlich eine intakte Beziehung führt, eine bisher nicht gekannte Sehnsucht. Aber wäre ein Treffen mit dem virtuellen Traummann tatsächlich ein Happy End?

Hinter "Gut gegen Nordwind" verbirgt sich nicht die typisch seichte deutsche Romantik-Komödie, sondern eine sehr erwachsene Liebesgeschichte mit ungewissem Ausgang. Für Fans des Romans genauso sehenswert wie für alle, die ihn nicht kennen.

Gut gegen Nordwind

Genre:
Tragikomödie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Nora Tschirner, Alexander Fehling, Ulrich Thomsen
Regie:
Vanessa Jopp
Länge:
122 Min.
FSK:
Ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
12. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 11.09.2019 | 09:55 Uhr

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