Stand: 04.10.2019 12:31 Uhr  - NDR Info

Drama über Missbrauch in der katholischen Kirche

Gelobt sei Gott
, Regie: François Ozon
Vorgestellt von Krischan Koch

Der Franzose François Ozon ist einer der wichtigsten europäischen Filmregisseure. Mit oft unkonventionellen Filme sorgt er immer wieder für kontroverse Diskussionen. Mit "Gelobt sei Gott" hat Ozon einen weiteren kontroversen Film gedreht: Diesmal über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Alexandre führt in Lyon ein ganz normales Familienleben mit Frau und Kindern. Unverhofft und zufällig wird er eines Tages mit einem verdrängten Trauma aus seiner Kindheit konfrontiert. Er trifft Pater Preynat, von dem er als Pfadfinder sexuell missbraucht wurde.  

Missbrauch: Verdrängte Erinnerungen kommen hoch

Alexandre nimmt Kontakt zu anderen Opfern auf. Sie forschen in ihrer eigenen Vergangenheit, machen sich Mut, sich zu outen und gründen einen Verein, um an die Öffentlichkeit zu gehen. Gleichzeitig wendet sich Alexandre (gespielt von Melvil Poupaud) direkt an die Kirchenleitung.    

Die Geschichte basiert auf einem authentischen Fall, dem Missbrauchsskandal von Lyon. 70 Opfer wurden von dem Verein "Das gebrochene Schweigen" erfasst. Im Jahre 2016 wurde Anklage gegen Pater Preynat erhoben. Er wurde als Priester suspendiert, aber ist immer noch nicht rechtskräftig verurteilt. Parallel läuft gegen Preynat ein kirchenrechtliches Verfahren.

"Gelobt sei Gott": François Ozon hat sorgfältig recherchiert

Regisseur François Ozon rollt die Vorgeschichte des noch laufenden Verfahrens auf. Er hat den Fall sorgfältig recherchiert und Kontakt zu den Opfern aufgenommen, aus deren Perspektive er die Geschichte erzählt: "Zunächst war es eine journalistische Arbeit. Aber mich haben auch die Folgen dieser Misshandlung interessiert, nicht nur für das Opfer selbst, das ehemalige Kind, sondern auch für die Familie, für die Brüder und Schwestern und dann später auch für die eigenen Kinder. Das ist wie eine Bombe mit einem Zeitzünder, die später explodiert", erklärt der Regisseur.

Anders als in früheren, manchmal sehr schrillen und bizarren Filmen bemüht sich Ozon diesmal um eine sachlich realistische Darstellung. Dennoch kann der Zuschauer die Verletzungen, den Ekel und die Wut der Opfer regelrecht spüren, wenn sie mit dem Selbstmitleid des Täters und der Ignoranz der Kirchenoberen konfrontiert werden.

In atemlosen Bildern schildert der Film die Borniertheit der Kirche, aber vor allem die Demütigungen, die inneren und familiären Zerreißproben der Opfer. Dabei vermeidet François Ozon stilsicher Provokationen, falsche Töne und jede Hollywooddramaturgie. Das ist ein unaufgeregtes, aber dennoch mitreißendes Plädoyer für Aufklärung und ziviles Aufbegehren. Ein aufrüttelnder Film zu einem immer noch hochaktuellen Thema.

Gelobt sei Gott

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich, Belgien
Zusatzinfo:
mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud
Regie:
François Ozon
Länge:
138 Min.
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
26. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 23.09.2019 | 08:55 Uhr

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