Stand: 16.01.2020 14:55 Uhr  - NDR Info

"Freies Land": Düsterer Krimi in der Nachwendezeit

Freies Land
, Regie: Christian Alvart
Vorgestellt von Walli Müller

30 Jahre nach dem Mauerfall sind nicht nur die DDR-Dramen differenzierter geworden; auch die Nachwendezeit wird nun als Film-Thema entdeckt. Da geht es um ehemalige Stasi-Leute, die weiter mauscheln; die Treuhand, die bei der Privatisierung der Staatsbetriebe viel falsch macht; den aufkeimenden Nationalismus, der das entstandene Vakuum füllt. In genau dieser Gemengelage spielt der Kino-Thriller "Freies Land".

1992 im Osten Deutschlands: Nach der Euphorie des Mauerfalls herrscht Ernüchterung. Das Land ist theoretisch wiedervereint, emotional aber müssen Ossis und Wessis sich noch annähern. Diesen schwierigen Prozess zeigt Regisseur Christian Alvart am Beispiel eines Ost-West-Ermittlerpaars.

Felix Krammer und Trytan Pütter als Ermittlerduo

Zwei Cops, die zusammen einen Fall lösen müssen: Der eine - Markus Bach (Felix Kramer) ist ein ostdeutsches Original, der andere - Patrick Stein (Trystan Pütter) ein Hamburger, der unfreiwillig an die polnische Grenze beordert wurde. Schon bei der Anfahrt über einsame Landstraßen hat ihn eine Kuh ins Schleudern gebracht. Zu Hause schmollt die hochschwangere Frau. 

Dass Kommissar Stein das Zimmer im Hotel "Fortschritt" mit seinem Kollegen Bach teilen muss, hebt die Stimmung auch nicht gerade. Andererseits ist die erzwungene Intimität gar nicht so schlecht fürs Team-Building. Zumal Bach keiner ist, der um den heißen Brei herumredet.

Zwei verschwundene Mädchen

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Die Ermittler Markus Bach (Felix Kramer) und Patrick Stein (Trystan Pütter, r.) haben recht unterschiedliche Arbeitsweisen.

Etwas voreingenommen sind beide, aber als erfahrene Polizisten respektieren sie sich - und als Team funktionieren sie dann recht gut bei der Suche nach zwei Mädchen, die spurlos aus dem Dorf verschwunden sind. Jugendliche Ausreißerinnen, die einfach die Nase voll von der Einöde hatten? Stein und Bach ahnen Schlimmeres und stoßen auf Entsetzliches.

Viel spannender als der Kriminalfall aber ist die Atmosphäre, die der Film "Freies Land" einfängt und das Miteinander der Kommissare, die von zwei großartigen, sehr gegensätzlichen Schauspielern verkörpert werden: Trystan Pütter gibt den sportlich asketischen Wessi, Felix Kramer den Ost-Ermittler als wuchtigen Kerl, der mit den Einheimischen säuft und Verdächtige auch mal mit gestrigen Methoden einschüchtert. Der Ost-West-Konflikt ist da programmiert, wird aber auf Augenhöhe ausgetragen.

"Freies Land" zeigt enttäuschte Hoffnungen und Resignation

Regisseur Alvart, der die actiongeladenen Tatorte mit Til Schweiger gedreht hat, nutzt das Thriller-Genre hier bravourös, um von der Stimmung einer Zeit zu erzählen - von enttäuschten Hoffnungen, Zukunftsangst, Resignation. Der Film basiert auf einer spanischen Vorlage - "La Isla Mínima" -, die Alvart gekonnt auf deutsche Befindlichkeiten übertragen hat. Auch die Kamera übernahm er selbst.

In der düsteren, von Raureif überzogenen Szenerie, lässt er wieder zum Vorschein kommen, was hinter renovierten Fassaden inzwischen übersehen werden kann: die Risse, die die Wende in so vielen Lebensläufen verursacht hat. Nicht alle sehen das "Freie Land" als Paradies.

Freies Land

Genre:
Krimi
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Von Waldstätten
Regie:
Christian Alvart
Länge:
129 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
9. Januar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 09.01.2020 | 07:20 Uhr

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