Stand: 18.04.2019 09:48 Uhr

Die Einsamkeit des Malers Vincent van Gogh

Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit
, Regie: Julian Schnabel
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Jahr 2007 drehte der amerikanische Künstler Julian Schnabel den Film "Schmetterling und Taucherglocke", über einen Mann, der nach einem Schlaganfall am ganzen Körper gelähmt ist. Danach kamen zwei Filme, die in der Versenkung verschwanden - und im vergangenen Jahr trumpfte Schnabel dann wieder beim Filmfestival von Venedig auf: Mit seinem Film "Van Gogh - an der Schwelle zu Ewigkeit". Willem Dafoe gewann sogar den Darstellerpreis des Festivals. Eine Filmkritik.

Zunächst einmal Chapeau! Es braucht schon eine gewisse Kühnheit, als Künstler einen Film über einen der bekanntesten Künstler aller Zeiten zu drehen. Über einen Maler, dessen Leben schon unzählige Filme erzählen, und von dem selbst Menschen, die kaum je ein Bild von ihm gesehen haben, wissen, dass er sich ein Ohr abgeschnitten hat. Natürlich gibt es diesen Vorfall auch in dem Film "Van Gogh - an der Schwelle zur Ewigkeit" von dem amerikanischen Künstler Julian Schnabel. Nach der Selbstverstümmlung versucht der Krankenhausarzt im südfranzösischen Arles herauszufinden, was hinter der Tat steckt.

Willem Dafoe (Vincent Van Gogh) malend  - Szene aus dem Film "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit". © DCM

Filmtrailer: "Van Gogh"

Der amerikanische Maler und Regisseur Julian Schnabel hat einen Film über Vincent van Gogh gemacht. Dabei geht es ausnahmsweise mal nicht um das abgeschnittene Ohr - sondern um die Kunst.

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Willem Dafoe: Die perfekte Besetzung für Van Gogh

Vincent van Gogh wird gespielt von dem amerikanischen Schauspieler Willem Dafoe. Dessen hageres, asketisches Äußeres verbindet sich auf beeindruckende Weise mit dem einsiedlerhaften Wesen von Vincent van Gogh. Der flackernde Blick beim Malen, die verzweifelten Züge, wenn der Künstler sich außerstande fühlt, mit Pinselstrichen eine eigene Version der Natur und der Welt zu erschaffen - all das wirkt hier nicht gespielt, sondern gelebt. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, dass Van Gogh hier der Außenwelt ständig seine Innenwelt, seine Gedanken, sein Erleben erklären muss.

Doppelt allein gelassen

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Willem Dafoe malt als Vincent van Gogh Doktor Paul Gachet, gespielt von Mathieu Amalric.

Julian Schnabel versucht mit seinen Bildern Vincent van Goghs Wahrnehmung zu imitieren. Die Bilder sind an den unteren Rändern unscharf, teilweise aquarellhaft verschwommen, auch die Farben wirken verfremdet. Dieser Effekt wirkt nicht nur überflüssig, er nutzt sich ab. Anders gesagt: Er wirkt eher wie eine Marotte des Regisseurs Julian Schnabel. So wirkt Willem Dafoe auf der Leinwand doppelt allein gelassen - einsam im Bild und einsam als van Gogh, der sich nur mit seinem Kollegen und Besucher Paul Gauguin austauschen kann. Einmal, bei einem Spaziergang, rufen die beiden forschen Schrittes, nur unterbrochen von einer Pinkelpause, die Umwälzung des Kunstbetriebes aus.

Vincent van Goghs Bruder Theo, der ihn finanziell und seelisch unterstützte, wird gespielt von dem britischen Schauspieler Rupert Friend, bekannt aus der Serie "Homeland". Das zärtliche, vertraute Verhältnis der Brüder ist der emotionale Kern des Films. Hier gelingen Julian Schnabel ergreifende Szenen. Etwa wenn Vincent nach der Ohr-Episode psychisch labil ist. Nach Protesten der Bürger von Arles wird er ins Krankenhaus gebracht und dort festgehalten.

Van Gogh war seiner Zeit voraus

Interview

Julian Schnabel über seinen Film "Van Gogh"

Der amerikanische Maler und Regisseur Julian Schnabel hat einen Film über Vincent van Gogh gedreht. Dabei geht es ausnahmsweise nicht um dessen abgeschnittene Ohr - sondern um seine Kunst. mehr

Julian Schnabel verdeutlicht die zunehmende Isolation van Goghs. Einmal wird er auf einem Feld von einer Horde Kinder terrorisiert . Und immer wieder wird klar: Die bürgerliche Mehrheit kann das Anderssein dieses Malers nicht tolerieren, seine Unbedingtheit, sein irrlichterndes Suchen. Selbst der Pfarrer des Ortes konfrontiert Vincent van Gogh mit seinem angeblichen Scheitern.

Auch wenn Julian Schnabels Film überambitioniert wirkt: In Erinnerung bleibt Willem Dafoes van Gogh in seinem unerträglichen, ergreifenden Alleinsein, die Einsamkeit eines Künstlers, der seiner Zeit so weit voraus war, dass er an ihr scheitern musste.

Willem Dafoe mit Strohhut als Vincent Van Gogh im Biopic "At Eternity's Gate" von Julian Schnabel © DCM

Filmtipp: "Van Gogh" von Julian Schnabel

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Was hat der Künstler Vincent van Gogh beim Malen empfunden? Wie hat er die Welt gesehen? Davon handelt der Film "Van Gogh" des Malers und Regisseurs Julian Schnabel.

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Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
mit Willem Dafoe, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen und Emmanuelle Seigner.
Regie:
Julian Schnabel
Länge:
111 Min.
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
18. April 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.04.2019 | 07:20 Uhr

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