Stand: 08.05.2020 16:20 Uhr  - NDR Info

Filmprojekt: Ein bisschen Zerstreuung in der Krise

von Anina Laura Pommerenke

Die Corona-Krise setzt auch Kulturschaffenden immens zu - fördert aber auch Initiativen für ein besseres Miteinander. Um für ein bisschen Zerstreuung im Alltag zu sorgen, hat das Team der Hamburger Filmproduktion Fortune Cookie Film eine besondere Aktion gestartet: Schauspielerinnen und Schauspieler melden sich von zu Hause mit kurzen Videos und lesen Geschichten vor.

Die Geschäftsführerinnen von Fortune Cookie Film, Ulrike Grote (links) und Ilona Schultz. © Fortune Cookie Film
Ulrike Grote und Ilona Schultz wollen mit von Schauspielern gelesenen Geschichten in der Corona-Krise für Zerstreuung sorgen.

Es ist Team-Meeting, und die Technik streikt. Das dreiköpfige Team der Hamburger Filmproduktionsfirma Fortune Cookie Film ist an Konferenzen übers Handy gewohnt. Nicht nur in Zeiten von Corona. Die beiden Gründerinnen Ulrike Grote und Ilona Schultz sind oft unterwegs und kümmern sich um ihre Mütter in Walsrode und Süddeutschland. Solange hält ihre Kollegin Mina Avramova die Stellung im vierten Stock eines Bürogebäudes in Hamburg-Ottensen. Weiterarbeiten könne Fortune Cookie Film trotzdem, erklärt Produzentin Ilona Schultz: "Ulrike ist fleißig am Schreiben, Mina und ich suchen nach Stoffen und sind am Konzeptionieren. Das geht auch ganz gut von der Homebase aus."

In der Krise Glück gehabt

Die 2006 gegründete Produktionsfirma hatte das Glück, dass zurzeit keine Drehs anstehen. Die sind erst wieder für Anfang des nächsten Jahres geplant. Autorin und Regisseurin Ulrike Grote ist sich sicher, dass das ansonsten das Aus für die Firma bedeutet hätte: "Gott sei Dank, denn wenn wir jetzt drehen müssten, das wäre eine Katastrophe", sagt sie. Zuletzt habe die Produktionsfirma eine Altenheim-Serie gedreht, die älteste Darstellerin sei 90 Jahre alt gewesen. "Das ginge ja gar nicht." Ilona Schultz glaubt, es helfe der Firma in der Corona-Krise extrem weiter, dass sie klein sei. "Wenn wir jetzt zehn Angestellte hätten, weiß ich nicht, ob wir das überleben würden."

Faire und nachhaltige Arbeitsbedingungen

Für die im Auftrag des SWR produzierten Altersheim-Serie "Der letzte Wille" sind die drei auf der vergangenen Berlinale mit dem Fair Film Award ausgezeichnet worden. Filmschaffende können dabei Produktionen nominieren, die besonders faire und auch nachhaltige Arbeitsbedingungen schaffen. Ein Thema, das den drei Frauen besonders am Herzen liegt. "Uns drei verbindet eines", sagt Ilona Schultz: "Nämlich, dass wir uns im Arbeitsleben genauso verhalten wollen wie im privaten Leben. Nämlich fair und anständig." So werde das gesamte Team relativ früh in die Planung involviert. "Und dadurch kommen wir einfach in eine sehr große gemeinschaftliche Arbeit."

Große Resonanz auf Film-Aktion

Faire und transparente Bezahlung, Überstunden nur in Absprache mit dem gesamten Team, ein möglichst umweltfreundliches Set ohne Plastikmüll zählen zu den Arbeitsbedingungen, die sich die Produktionsfirma auf die Fahnen geschrieben hat. Und dafür offensichtlich auch in der Branche geschätzt wird. Denn als sich Autorin Ulrike Grote in der Corona-Krise an Kollegen aus früheren Fernsehfilm- und Kinoprojekten wandte, um eine kleine Videoreihe ins Leben zu rufen, war sie von dem immensen Rücklauf selbst überrascht: "Ich habe Schauspieler angerufen, die haben es weitererzählt, wir haben Briefe geschickt an alle die wir kennen, die uns gewogen sind, die wir mögen - und haben gefragt, ob sie nicht Lust hätten, etwas zu lesen", erzählt sie. Und eine ganze Fülle an Geschichten sei zurückgekommen.

Peter Jordan, Catrin Striebeck und Martin Umbach sind nur einige der Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich von zu Hause mit Geschichten gemeldet haben. Zu sehen sind sie auf dem Youtube-Kanal von Fortune Cookie Film.

Ein bisschen Zerstreuung in der Krise

Das Team hofft, dass die Filme für etwas Zerstreuung sorgen können: fünf Minuten Ablenkung in der Krise, für Eltern, die zu Hause gerade Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen, aber auch für alte Menschen, die zurzeit vielleicht besonders einsam sind. Bis wieder die Klappe fällt, für den nächsten fairen Film aus Hamburg-Ottensen.

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