Ein Blick auf einige kuratierte Sammlungen des spanischen Streamingdienstes "Filmin" © Filmin

"Streaming ist nicht Konkurrenz, sondern Ergänzung fürs Kino"

Stand: 28.02.2021 06:00 Uhr

Der spanische Streaming-Dienst Filmin gilt als cineastische Feinschmeckeradresse mit neuen europäischen Serien und Kino-Klassikern von Fatih Akin bis Billy Wilder. Wie das Unternehmen mit Kinoverleihern kooperiert, erzählt Gründer Jaume Ripoll.

Der Katalane Jaume Ripoll hat vor 14 Jahren einen der spannendsten Streaming-Dienste Europas mit gegründet: den spanischen Dienst Filmin. Noch ist die Adresse "für exquisites Kino" (so die spanische Zeitung "El País") nicht in Deutschland erhältlich - das könnte sich bald ändern. 15.000 Titel umfasst der cineastische Katalog des Dienstes mit Indie-Perlen und neuen europäischen Serien und vielen Klassiker des Kinos - und schreibt seit fünf Jahren schwarze Zahlen.

Jaume Ripoll, CEO des spanischen Streamingdienstes "Filmin" © Filmin
Filmin sei eine Art flinkes Chamäleon zwischen den Dinosauriern - den Giganten der Streaming-Dienste, so Jaume Ripoll, CEO der Firma.

Filmin kooperiert mit Filmverleihern, die zum Teil Aktionäre der Firma sind, organisiert mit Atlántida seit Jahren ein eigenes Filmfestival im Sommer - auf dem 2020 etwa Nora Fingscheidts Publikumsliebling "Systemsprenger" lief; produziert Kinofilme, 2021 sogar seine erste eigene Serie und zeigt viel Kino aus dem Norden - darunter mehr alsein halbes Dutzend Filme von Fatih Akin, von "Gegen die Wand" bis zu "Aus dem Nichts". Zum Vergleich: Bei Netflix Deutschland ist nur Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" zu sehen, der 2020 in Wettbewerb der Berlinale lief.

Letztes Jahr zierte Filmin das Cover der Branchenzeitschrift "Hollywood Reporter" und Sie, Herr Ripoll, saßen beim Branchen-Event des Festivals auf einem Podium mit Giganten wie Netflix und Co, um über das Streaming zu sprechen. Wer steckt hinter Ihrem Dienst?

Jaume Ripoll: In Deutschland kennt man uns noch nicht, weil wir in Spanien, Portugal und zum Teil in Mexiko heimisch sind. Gegründet haben wir uns vor 14 Jahren, als Netflix noch DVDs per Post verliehen hat. Wir waren in Spanien Pioniere im Internet - zu einer Zeit, wo massenhaft Raubkopien in Spanien zirkulierten, gleichzeitig gab es eine Finanzkrise. Nach und nach konnten wir uns einen Weg bahnen.

Heute sind wir beim "Hollywood Reporter" Titelgeschichte, weil wir vieles richtig gemacht haben. Vor allem haben wir von Anfang an das Vertrauen von Filmverleihern gehabt. Filmin ist von Kinoleuten aus der Taufe gehoben worden. Sie haben uns von Anfang an mit ihren Filmen versorgt. Die Kundinnen und Kunden unserer Plattform sind gleichzeitig Kritiker und mit ihren Kurzrezensionen beeinflussen sie das Sehverhalten der anderen. Das ist ein Traum.

Also war die Firma ursprünglich ein Verbund von Verleihern?

Ripoll: Genau. Ursprünglich waren wir ein DVD-Vertrieb namens Cameo, ein Indie-Film-Verleih. Diesen gegründet haben wiederum unabhängige Verleiher wie Golem und El Deseo von Pedro Almodóvar. So entstand die Idee, Inhalte zu verleihen - aber im Internet. Es waren also Kinoexperten, die so früh den Sprung ins Netz gewagt haben - Verleiher, Produzentinnen und Produzenten. Sie haben investiert und Filme zur Verfügung gestellt - das wurde zu Filmin.

Sehen Sie Giganten der Branche wie Netflix, Amazon und Movistar mit ihren Blockbustern als Konkurrenz?

Ripoll: Es wäre verlogen, wenn ich nicht sagte, "klar ist das Konkurrenz!" Aber sie haben ein Mehrfaches unseres Budgets für Inhalte. Andererseits haben deren Inhalte kaum eine Schnittstelle zu unseren. Die Konkurrenz liegt eher in der Aufmerksamkeit der Nutzerinnen, wenn diese nach Hause kommen und sich eine App einschalten. Auf dem Event bei der Berlinale mit Netflix und Co haben wir gesagt, "wir leben in einer digitalen Ära zwischen Dinosauriern und Chamäleons. Wir sind die Chamäleons. Wir passen uns den Usern und ihren Bedürfnissen an. Wir sind agiler und können zwischen den Dinosauriern hin- und herflitzen."

Wie ist das Zusammenspiel mit Ihren Inhalten und dem Kino?

Ripoll: Vor sieben Jahren hat Filmin begonnen, Filme zu koproduzieren. 2019 haben wir das Filmfest Málaga mit einem unserer Filme gewonnen. Das ist eine der Aufgaben unserer Plattform - bei der Produktion mitzuhelfen - aber auch bei der Distribution.

Nehmen wir das Beispiel Berlinale - dort werden beim internationalen Markt 800 Filme gezeigt. Davon landen gerade einmal 40 oder 50 im Kino. Was passiert mit dem Rest? Wir haben auch eine Verpflichtung als Plattform, das Kino zu unterstützen, weil wir Gelder der Europäischen Union erhalten. Diese Unterstützung verpflichtet uns, unsere Filme zu zeigen, zu unterstützen, sie sichtbar zu machen. Das bedeutet nicht, sie einfach in unseren Katalog einzuspeisen. Sondern sie zu bewerben und sie dem geeigneten Publikum vorzustellen.

Sie kuratieren dafür tolle Reihen - parallel zu Filmfesten präsentieren Sie die "Sammlung Berlinale" mit Berlinale-Siegerfilmen, "Lieblingsfilme Pedro Almodóvar", "Koreanisches Kino", "Gentlemen-Kino", "200 Klassiker". Das unterscheidet Sie von den "Dinosauriern"

Ripoll: Wenn die Menschen den Louvre besuchen, wollen sie immer die "Mona Lisa" sehen. Ihr gegenüber hängt aber ein riesiges Bild, zehn Meter breit, "Die Hochzeit zu Kana" von Veronese. Niemand beachtet es. Und im fünften Stock hängen auch tolle Bilder, die vereinzelt besucht werden. Diese entsprechen unseren Filmen. Wir haben die "Mona Lisa" nicht. Wie also kriegen wir das Publikum dazu, diese anderen Filme zu entdecken? Aus den 15.000 Titeln unserer Plattform, deren Filmemacherinnen unsere Nutzer vielleicht nicht kennen, kuratieren wir eben schöne Sammlungen.

Sie sind ein wunderbares Werkzeug. Einerseits fängt man damit Aktualität auf - wie etwa den Brexit, den Tod eines Schauspielers wie jüngst Christopher Plummer; oder thematisch, wie etwa aktuelle Filmfeste wie die Berlinale oder Neues aus dem Kinobereich, wie etwa der fulminante Oscar-Sieg von "Parasite" von Bong Joon-ho. Diese Mechanismen der Sammlungen haben dazu geführt, dass unsere User genauso viel aus dem Archiv schauen wie neue Filme und Serien. Das ist der Schlüssel zum Erfolg von Filmin.

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Ich muss widersprechen: Sie haben doch "Mona Lisas" mit Filmen wie "Parasite", den Berlinale-Sieger "Gegen die Wand", Klassiker von Billy Wilder, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg, große BBC-Serien ...

Ripoll: ... (lacht), das stimmt, ein paar "Mona Lisas" haben wir schon. Bei "Parasite" hatten wir das Glück, dass ein Indie-Film den Oscar als Bester Film gewonnen hat und wir mit dem spanischen Verleiher seit vielen Jahren zusammenzuarbeiten. Wichtig ist: Wir hatten "Parasite" zeitgleich auf Filmin, als er im Kino anlief und auch bereits auf DVD erhältlich war. Und auf allen Listen, also Streaming, Kinokasse und DVD-Verkäufe, war der Film auf Nummer eins. Das beweist, dass das "Zusammenleben" sehr wichtig ist. Das Internet und das Streaming ist nicht Konkurrenz, sondern Ergänzung für die Kinos. Das sind unterschiedliche Seherfahrungen und es muss endlich damit Schluss sein, sich als Ausspielwege gegenseitig ein Bein zu stellen. Wir können alle zusammenleben. Statt zunehmend unsere eigenen Ausspielwege zu verteidigen, sollten wir mehr Brücken bauen.

Das Gespräch führte Patricia Batlle, NDR Kultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.02.2021 | 07:20 Uhr

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