Stand: 05.06.2019 13:33 Uhr

"Burning": Liebesgeschichte aus Südkorea

Burning
, Regie: Lee Chang-Dong
Vorgestellt von Katja Nicodemus

"Burning" heißt ein Film des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-Dong und diesem Film eilt ein legendärer Ruf voraus: Im vergangenen Jahr, während des Filmfestivals von Cannes, erhielt er nämlich in der Kritikerwertung der Branchenzeitung "Screen International" die höchste Wertung aller Zeiten.

Wie dreht man aus einer Kurzgeschichte des japanischen Autors Haruki Murakami einen mehr als zweistündigen Film, der in jeder Sekunde fasziniert, hypnotisiert? Am Anfang des Films "Burning" von Lee Chang-Dong steht die zufällige Begegnung eines jungen Mannes mit einer früheren Schulkameradin.

Sie, Hae-mi, ist ein irrlichterndes Wesen. Eine Träumerin, die von Gelegenheitsjobs lebt. Er, Jongsu, hat studiert, ist arbeitslos und träumt davon, Schriftsteller zu werden. Bei der ersten Verabredung in einer Bar beginnt Hae-mi, die Pantomime lernt, eine unsichtbare Mandarine zu schälen. Sie steckt die Stückchen in den Mund und legt die Schalen in eine unsichtbare Schüssel.

In diesem Film verfährt die Kamera wie die Mandarinenschälerin. Sie lädt uns ein, ein Kino zu vergessen, das auf klassischen Geschichten und abgrenzbaren Figuren beruht. Sie zieht uns hinein in einen Psychothriller, der als Liebesgeschichte beginnt: Hae-mi und Jongsu haben Sex miteinander. Da sie bald nach Afrika verreisen wird, bittet sie ihn, ihren Kater zu füttern. Doch gibt es dieses Tier wirklich?

Neureiche Oberschicht und arme Landbevölkerung

Zurück aus Afrika kommt Hae-mi am Arm des reichen Schnösels Ben. Man verabredet sich zu dritt. Im Restaurant, in Bens steriler luxuriöser Wohnung. Mit der Figur dieses wohlhabenden jungen Mannes zeichnet Lee Chang-Dong beiläufig ein Porträt von Südkoreas neureicher Oberschicht. Woher stammt der Reichtum des gutaussehenden, selbstsicheren Typen?

Einmal treffen sich die drei jungen Leute auf der Farm von Jongsus Vater. Gerade sitzt der Alte im Gefängnis, weil er einen Polizisten angegriffen hat. So streift der Film die Probleme der Landbevölkerung - und versenkt sich wieder in die Gegenwart seiner drei Figuren.

Immer wieder schaut sich die Kamera völlig frei um, zeigt, dass Nebensächliches auch Hauptsächliches sein kann oder vereint sich mit Blicken, die keiner der Figuren zugeordnet werden können. Und was ist das für ein merkwürdiges Geständnis, das Ben, dem Neureichen, an diesem Abend auf der Farm plötzlich über die Lippen kommt?

Die Geschichte verschmilzt mit den Träumen der Filmfiguren

Fragend, suchend umkreist die Kamera die drei jungen Menschen, die Wein trinken und hinüberblicken auf Berge, die schon zu Nordkorea gehören. Ein Joint wird geraucht, man hört Miles Davis. Hae-mi beginnt zu den Trompetenklängen zu tanzen, sie zieht ihr Oberteil aus, wiegt sich im Abendlicht, und die Kamera feiert diesen Moment des Entrücktseins. Ein Film hebt buchstäblich ab mit seiner berauschten Heldin.

Es ist die letzte Szene, in der Hae-mi zu sehen ist. Danach verschwindet die Mandarinenschälerin spurlos. Wurde sie umgebracht? Was weiß der reiche Ben über ihr Schicksal? Hat es Hae-mi je gegeben? Oder sehen wir schon den Roman, den Jongsu über die Dreiecksgeschichte schreibt?

Gemeinsam mit den Helden gleitet der Film über in einen Bewusstseinszustand, dessen Geschichte verschmilzt mit den Träumen, Sehnsüchten und Fantasmen der Figuren. Fasziniert lässt man sich von den Bildern hineinziehen in diesen Film, der Krimi, Liebesgeschichte, Psychothriller ist oder etwas ganz anderes, für das es noch keinen Namen gibt. 

Burning

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Südkorea
Zusatzinfo:
mit Yoo Ah-In, Steven Yeun, Jeon Jong-seo
Regie:
Lee Chang-Dong
Länge:
128 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
6. Juni 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 06.06.2019 | 07:20 Uhr

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