Sidney Flanigan als Autumn (links) mit ihrer Freundin Skylar (Talia Ryder) - Szene aus "Niemals Selten Manchmal Immer" © 2020 Universal Pictures

"Niemals Selten Manchmal Immer": Gegensatz von Stadt und Land

Stand: 01.10.2020 13:17 Uhr

Kaum ein Film wurde auf der vergangenen Berlinale so gefeiert wie "Niemals Selten Manchmal Immer" von der 31-jährigen Regisseurin Eliza Hittman. Er gewann den Silbernen Bären.

von Katja Nicodemus

Das Gesicht der jungen Filmheldin namens Autumn sagt uns, eine Nachricht, die sie erhalten hat, ist für sie alles andere als positiv. Autumns Gesicht erzählt auch vom Alleinsein mit der Schwangerschaft, von der adoleszenten Einsamkeit in einer Kleinstadt in Pennsylvania. Die 17-Jährige, gespielt von Sydney Flanigan, wird die Frauenklinik verlassen, wird sich nicht ihrer Mutter anvertrauen.

Die beiden Freundinnen fahren nach New York

Sidney Flanigan als Autumn (links) mit ihrer Freundin Skylar (Talia Ryder) - Szene aus "Niemals Selten Manchmal Immer" © 2020 Universal Pictures
In New York sind Abteibungen ohne Einwilligung der Eltern erlaubt.

In Pennsylvania braucht ein Mädchen unter achtzehn Jahren für eine Abtreibung die Zustimmung der Eltern. Gemeinsam mit ihrer Cousine Skylar steigt Autumn in den Überlandbus nach New York, dort ist eine Abtreibung für sie möglich und legal. Wie der ganze Film ist auch diese Busfahrt der beiden Mädchen, die noch nie in New York waren, minimalistisch erzählt - mit letztlich nur einer Szene.

In Eliza Hittmans Film ist die Stadt New York nicht der Ort der Träume und Versprechungen, sondern ein Raum pragmatischer Möglichkeiten. Die berühmte Skyline ist nur kurz aus dem Fenster des Busses zu sehen. Zwischen den Terminen in der Klinik streunen Autumn und Skylar durch Spielhallen, Bowlingclubs, U-Bahnhöfe. Im Zentrum des Films steht eine etwa zehnminütige Szene. Sie hält fest, wie Autumn vor dem Eingriff eine psychologische Beratung absolviert. Haben Sie je beim Sex Gewalt erfahren?

Vieles in diesem Film bleibt unausgesprochen

Die Szene ist ergreifend und erschütternd, weil wir auch hier alles auf Autumns Gesicht ablesen. Wir wissen nicht, wer der Vater des Kindes ist, welche Beziehung sie zu ihm hat, ob man überhaupt von einer Beziehung sprechen kann. Aber Autumns kurze Antworten auf die Fragen der Schwangerschaftsberaterin sprechen Bände. Oder eben auch ihr Schweigen.

Vielleicht wird der Siebzehnjährigen durch diese Fragen zum ersten Mal etwas bewusst. Etwa die Möglichkeit, einen Schritt weiter zu gehen. Aber auch das muss in "Niemals selten manchmal immer" nicht ausgesprochen werden. Es muss auch nicht formuliert werden, wie verloren sich die beiden Provinzlerinnen Autumn und Skylar in New York fühlen, wo ihnen das Geld für eine Übernachtung fehlt.

Dieser Verlorenheit gegenüber steht die rührende Sehnsucht cool zu sein, schon alleine klar zu kommen. Es irgendwie schon hinzukriegen in der Megametropole, von der man überfordert ist. Dabei ist das Angebot der Beraterin durchaus vernünftig.

Fotografiert hat den Film die renommierte Kamerafrau Hélène Louvart, die unter anderem auch die 3D-Bilder von Wim Wenders‘ Film über Pina Bausch erschuf. Für "Niemals selten manchmal immer" entwickelte sie gemeinsam mit Eliza Hittman eine fast dokumentarische Ästhetik.

"Niemals Selten Manchmal Immer": Hektik und ruhige Momente

Stets nimmt die Kamera die Stadt New York im Blick der beiden Mädchen wahr, als hektischen, überfüllten Ort, als Raum der Unruhe, in dem ständig Verkehrslärm, Polizeisirenen, Stimmengewirr zu hören sind. Zur Ruhe kommt der Film, wenn die Mädchen gemeinsam im Bild sind. Wobei sie sich vieles sagen können, ohne viel zu sprechen. Etwa beim Fast-Food-Frühstück nach dem Eingriff.

"Niemals selten manchmal immer" ist auch ein Film über die USA, über den Gegensatz von Stadt und Land, der hier nicht ausgespielt wird. Vor dem Hintergrund des Todes der legendären Richterin Ruth Bader Ginsburg, die zeitlebens für das Frauenrecht auf Abtreibung kämpfte, wird deutlich, wie fundamental dieses Recht ist für eine junge Frau wie Autumn.

Hittmans Film lebt aber auch und vor allem von der Verbundenheit und Solidarität zweier Mädchen. Von der Freundschaft von Autumn und ihrer Cousine Skylar, die einmal auszogen nach New York, um dort ein Abenteuer zu erleben, das sie sich nicht ausgesucht haben.

Niemals Selten Manchmal Immer

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
USA, Großbritannien
Zusatzinfo:
mit Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin
Regie:
Eliza Hittman
Länge:
102 Min.
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
1. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.10.2020 | 07:20 Uhr

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